Globalisierung: Deutschlands Arbeitnehmer profitieren vom Freihandel

Der Arbeitsmarkt in Deutschland verzeichnet ein Rekordhoch. [© gianni del bufalo (CC BY-SA 2.0)]

Die wirtschaftliche Globalisierung nutzt den deutschen Arbeitnehmern, haben Fachleute errechnet. Im Vergleich mit anderen Ländern wie den USA profitiere der Jobmarkt vom  Außenhandel.

US-Präsident Donald Trump und seinem Berater Peter Navarro war er von Anfang an ein Dorn im Auge: der deutsche Außenhandelsüberschuss. Deutschland beute die USA und EU-Partner aus, lautete der Vorwurf Navarros gegen die Bundesregierung Ende Januar.  Gefallen ließ die sich das nicht und konterte gegen die „pauschale Kritik“.

Fest steht in der Tat, dass der Außenhandel der Bundesrepublik brummt – und dies zumindest innerhalb Deutschland eher für Lob, denn für Tadel taugt. Denn die Arbeitnehmer in Deutschland gewinnen durchschnittlich davon, dass Deutschland mehr exportiert, als es importiert, zeigt nun eine Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Außenhandelsüberschuss: Bundesregierung verwehrt sich gegen US-Kritik

Die Bundesregierung hat Kritik von Trump-Berater Peter Navarro am ihrem Außenhandelsüberschuss zurückgewiesen. Der wirft Deutschland „Ausbeutung“ von USA und EU-Partnern vor.

„Deutschland profitiert in vielen Bereichen erheblich vom Außenhandel“, schreiben die Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Dauth, Sebastian Findeisen und Jens Südekum. Im Vergleich zu anderen Ländern – insbesondere den USA – seien die Beschäftigungswirkungen hierzulande vorteilhafter. Die Globalisierung habe vielen Beschäftigten im deutschen Industriesektor höhere Löhne gebracht.

Allerdings hängen  die Auswirkungen auf einzelne Beschäftigte stark davon ab, wie die Branche, in der sie tätig sind, in den internationalen Handel eingebunden ist.

Als Positiv-Beispiel gilt das Verarbeitende Gewerbe, das seit Langem rückläufig ist. Hier haben die wachsenden Handelsverflechtungen mit China und Osteuropa den Rückgang der Beschäftigung zumindest gebremst, so die Forscher. Deren Anteil am gesamten deutschen Handelsvolumen ist seit 1990 von knapp fünf Prozent auf über 25 Prozent gestiegen. Bereits eine Untersuchung der drei Wirtschaftswissenschaftler aus dem Jahr 2014 hatte gezeigt, dass alleine der Handel mit Osteuropa und China gut 300.000 Industriejobs in Deutschland erhalten hat. Zudem haben die Handelsverflechtungen positive Effekte auf die Löhne in exportierenden Branchen, so die Wissenschaftler.

Deutschland hat eine Sonderstellung in der Globalisierung

Die Ökonomen bestätigen allerdings, dass dies nicht unbedingt für andere Länder gilt: „Der Vergleich mit ähnlichen Studien aus den Vereinigten Staaten, Frankreich, Dänemark und Norwegen zeigt, dass Deutschland eine Sonderstellung einnimmt und andere Länder durchaus Jobverluste verzeichnen mussten.“

Aber auch in der Bundesrepublik haben nicht alle Arbeitnehmer vom Freihandel profitiert. „Während Exportchancen in einigen Branchen zu besseren Verdienstmöglichkeiten geführt haben, führte die Importkonkurrenz dazu, dass manche Beschäftigte ihre Jobs verloren haben“, stellen die Studien-Autoren fest. Ein Teil dieser Menschen musste nach einer vorübergehenden Arbeitslosigkeit in den Dienstleistungssektor wechseln.

Die Gewinner und Verlierer der Globalisierung sind nicht einheitlich über das ganze Land verteilt. Bestimmte Wirtschaftszweige sind häufig in einzelnen Regionen konzentriert, sodass beispielsweise der Rückgang der Schuhindustrie die gesamte Region Südwestpfalz in eine Schieflage gebracht hat.

EU sieht Defizite bei der Globalisierung

Zwei Jahrzehnte lang leugnete die Europäische Kommission Defizite des Freihandels. Diese Einstellung scheint sich zu ändern.

Wenig direkte Übergänge vom Verarbeitenden Gewerbe im Dienstleistungssektor

Wenn eine ganze Region aufgrund ihrer Spezialisierung unter der zunehmenden Importkonkurrenz leide, werde es auch für den Einzelnen schwieriger, nach einer Kündigung wieder einen neuen Job zu finden, meinen die Wissenschaftler. Sie empfehlen ein vermehrten Einsatz von gezielten Qualifikationsmaßnahmen und von Mobilitätshilfen. So könne den Betroffenen geholfen werden, möglichst schnell wieder einen neuen Job in einer anderen Branche oder einer anderen Region zu finden.

Besonders stark unter Druck ist die Beschäftigung in jenen Branchen, die sich einer wachsenden Konkurrenz durch Importe gegenübersehen. Der Wechsel in den Dienstleistungssektor sei hier eine Chance, wieder eine adäquate Beschäftigung zu finden. Allerdings gibt es hier bislang einen Haken: Obwohl sich die Beschäftigungsentwicklung im Gegensatz zum Verarbeitenden Gewerbe im Dienstleistungssektor positiv entwickelt, finden vergleichsweise wenige ehemalige Beschäftigten aus dem Industriesektor direkt den Einstieg in einen Dienstleistungsjobs.

Studie: Löhne in Deutschland steigen zu langsam

Arbeitnehmer in der Bundesrepublik erhalten noch noch immer vergleichsweise geringe Löhne. Dadurch leidet nicht nur die Kauflust der Menschen – auch die Ungleichgewichte in der Europäischen Union nehmen zu, zeigt nun eine Studie.

Denn dass der Dienstleistungssektor wächst, liegt auch an der Art der Beschäftigten. Es sind vor allem Arbeitsmarkteinsteiger oder vorübergehend unbeschäftigte Personen, die solche Jobs häufig annehmen würden, stellen die Forscher fest.

Während kurz vor dem G20-Gipfel am Freitag und Samstag in Hamburg auch die Weltbank Angela Merkels freihandelsfreundliche Agenda unterstützt und unterstreicht, dass Freihandel eine wesentliche Rolle spiele, „um die Armut in der Welt zu mindern und den Wohlstand für alle zu steigern“, steht die deutsche Bevölkerung indes nicht geschlossen hinter dieser Sicht. Einer aktuellen Bevölkerungsumfrage zufolge halten nur gut die Hälfte der Befragten den Freihandel für eine gute Idee (Bluth 2016). Neue Handelsabkommen wie das wohl kurz vor dem Abschluss stehende japanisch-europäische Handelsabkommen (Jefta) dürfte das allerdings nicht bremsen.

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