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17/01/2017

Eurogruppen-Chef Dijsselbloem: Vom „Nobody“ zum „Mr. Euro“

Finanzen und Wirtschaft

Eurogruppen-Chef Dijsselbloem: Vom „Nobody“ zum „Mr. Euro“

Der Vorsitzende der Eurogruppe, Jeroen Dijsselbloem.

[Council of the European Union]

Der frisch wieder gewählte Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem ist in den vergangenen zwei Jahren von einem fast Unbekannten zu einer der Schlüsselfiguren der Euro-Zone und der Griechenland-Krise aufgestiegen.

Nur zwei Monate nach seiner Ernennung zum niederländischen Finanzminister im November 2012 wurde der 49-jährige Jeroen Dijsselbloem auf europäischer Ebene ins kalte Wasser geworfen: Ihm wurde der Vorsitz der mächtigen Eurogruppe der 19 Finanzminister angetragen. Und sofort musste er in der Zypern-Krise ran. 

Nach dieser Feuertaufe wurde Dijsselbloem für sein Krisenmanagement kritisiert, was auf seine Unerfahrenheit bei globalen Wirtschaftsangelegenheiten zurückgeführt wurde.

Von Zypern verlangte Dijselbloem für ein Rettungspaket einschneidende Reformen. Die zweitgrößte zyprische Bank wurde abgewickelt und wichtige Investoren verloren Geld.

Der Niederländer brachte die Märkte ins Trudeln als er sagte, das zyprische Modell könnte als Schablone für zukünftige Rettungspakete dienen. Später stellte er klar, Zypern sei „ein Sonderfall mit außerordentlichen Herausforderungen.“

Ebenfalls unüberlegt war ein Seitenhieb auf seinen Vorgänger, den jetzigen Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, den er als „verstockten Raucher und Trinker“ bezeichnete.

Gelassen und ruhig

Dijsselbloem überstand die Stürme seiner Anfangszeit. Seither wird er für seine gelassene und ruhige Herangehensweise respektiert – die bei Manchen aber auch für Irritationen sorgt.

Nirgends wurde das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Charaktere deutlicher als bei Diskussionen mit dem ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis. Sie stritten sich häufig über das griechische Rettungsprogramm.

Doch Dijselbloem hörte bei der Kritik im vergangenen Jahr genau hin. Er entwickelte sich zu einem fähigen und sachlichen Verhandler.

Anfang 2014 kam sein erster Durchbruch. Er setzte die Europäische Bankenunion zusammen – baute einen Ordnungsrahmen für den Bankensektor. Damit sollte verhindert werden, dass die Steuerzahler bei einem Bankrott der Banken erneut zur Kasse gebeten werden.

Entgegen aller Erwartungen gelang es Dijsselbloem, eine Einigung zwischen den verschiedenen EU-Institutionen sowie zwischen Frankreich und Deutschland zu finden.

Seither nimmt die immer größer werdende griechische Euro-Krise sehr viel von „Mr. Euros“ Zeit in Anspruch.

Trotz seiner Scharmützel mit Varoufakis hielt Dijsselbloem den Dialog mit Griechenland aufrecht. Er reiste sogar nach Athen, um das Problem mit dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras zu diskutieren.

Die Kampagne für seine Wiederwahl bekam auch einen Dämpfer. Bundeskanzlerin Merkel unterstützte Dijsselbloems einzigen Gegenkandidaten, den Spanier Luis de Guindos.

Durch seine unverrückbaren Ansichten zur Sparpolitik konnte er allerdings Finanzminister Wolfgang Schäuble als Freund gewinnen.

Gleichzeitig lobte ihn auch sein sozialistischer französischer Amtskollege Michel Sapin. Dijsselbloem leiste „sehr gute Arbeit“.

Die niederländische Wirtschafts- und Finanzzeitung „Het Financieele Dagblad“ nannte ihn „business-like und geduldig“, der „Volkskrant“ beschrieb ihn einmal als „so loyal wie ein Blindenhund“.

Aber vor allem „ist es seine Aufrichtigkeit, wegen der Dijsselbloem geliebt oder gehasst wird. Ob Freund oder Feind, niemand bestreitet seine Qualitäten“, schrieb das „Algemeen Dagblad“.

Dijsselbloem studierte Agrarökonomie in den Niederlanden. Schon früh erlangte er den Ruf eines Hinterzimmer-Strategen, der ruhig und außerhalb des Rampenlichts arbeitet.

„Das Gegenteil vom Weihnachtsmann“

Politisch beheimatet ist der Eurogruppen-Chef im rechten Flügel der sozialdemokratischen Partei der Niederlande, der Partij van de Arbeid. Dijsselbloem teilt die pro-europäische Vision seiner Partei. Gleichzeitig ist er ein strenger Befürworter ausgeglichener Haushalte und von Sparmaßnahmen.

Dijsselbloem wurde in Eindhoven im Süden der Niederlande in eine größtenteils apolitische Familie geboren.

Sein politisches Erwachen kam im Alter von 15 Jahren. Er nahm 1983 gegen den Willen seiner Eltern an einem Protest gegen die Stationierung nuklearer Raketen teil.

Er sei das Gegenteil vom Weihnachtsmann, sagte er in einem Interview mit „De Volkskrant“ Ende Dezember 2012, kurz vor seiner Ernennung zum Eurogruppen-Vorsitzenden.

„Weil ich sicherstellen muss, dass keine Geschenke ausgeteilt werden und dass alle rechtzeitig bezahlen“, sagte Dijsselbloem. So beschrieb er diese wenig beneidenswerte Rolle – eine Rolle, die für ihn, als einen der wichtigsten Finanzoffiziellen Europas, weitergehen wird.

Hintergrund

Der niederländische Finanzminister Jeroen Dijsselbloem wurde am 21. Januar 2013 zum Vorsitzenden der Eurogruppe ernannt. Er wurde von seinen Amtskollegen der Euro-Zone für eine Amtszeit von zweieinhalb Jahren gewählt. Am 13. Juli 2015 wurde er für eine zweite Amtszeit wiedergewählt.

Dijsselbloem ist der Nachfolger des jetzigen Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, der der seit dem 1. Januar 2005 der erste ständige Vorsitzende der Eurogruppe war. Davor gab es einen rotierenden Vorsitz.

Der Eurogruppen-Vorsitzende wird von der Mehrheit ihrer Mitglieder gewählt, im Einklang mit dem Protokoll zur Eurogruppe, das mit dem Vertrag von Lissabon eingeführt wurde (Protokoll Nummer 14).