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31/08/2016

Euro-Gipfel als Wendepunkt für die Zukunft der EU

Finanzen und Wirtschaft

Euro-Gipfel als Wendepunkt für die Zukunft der EU

Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Euro-Sondergipfel am 26. Oktober 2011 im Gespräch mit Euro-Gruppen-Chef Jean Claude Juncker - Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi steht abseits. Foto: dpa

Die Euro-Chefs haben beim Sondergipfel eine Wende eingeleitet: Es wurden nicht nur die Umschuldung Griechenlands bestätigt, die Bankenbeteiligung deutlich erhöht und ein Billionen-Schutzwall um die Euro-Zone gezogen. Die Beschlüsse verdeutlichen auch, dass die Euro-Wirtschaftsregierung ihre Arbeit aufgenommen hat. EurActiv.de bietet eine Übersicht.

Die Euro-Länder haben beim Sondergipfel am 26. Oktober 2011 neue Maßnahmen gegen die Schuldenkrise beschlossen. Nach stundenlangen Verhandlungen haben die 17 Staats- und Regierungschefs in der Nacht zum Donnerstag in Brüssel ein zweites Hilfsprogramm für Griechenland, einen verstärkten Einsatz der Mittel des Rettungsfonds EFSF sowie Eckpunkte zur Rekapitalisierung der Banken bestätigt. Italien und Spanien wurden auf zusätzliche Reform verpflichtet.

Die Euro-Länder haben zudem beschlossen, sich gegenseitig mithilfe einer Euro-Wirtschaftsregierung zu einer koordinierten Wirtschaftspolitik, zum Schuldenabbau und zu Strukturreformen zu zwingen.

Reform der Euro-Zone

Die 17 Euro-Länder haben sich auf eine "erhebliche Verstärkung der wirtschafts- und steuerpolitischen Koordinierung und Überwachung" verständigt. Die nationale Haushalts- und Wirtschaftspolitik werde im Rahmen des Europäischen Semesters jetzt auf EU-Ebene koordiniert, bevor Entscheidungen in den einzelnen Staaten getroffen werden.

"Wir fordern eine strenge Überwachung durch die Kommission und den Rat – auch durch Ausübung von Gruppendruck – und die aktive Nutzung der zur Verfügung stehenden vorhandenen und neuen Instrumente", heißt es in der Euro-Erklärung. Die Euro-Chefs verpflichten sich in diesem Kontext dazu, "uneingeschränkt" für die Umsetzung der länderspezifischen Empfehlungen der EU-Kommission einzutreten. Außerdem sollen Maßnahmen folgen, "die weit über das kürzlich angenommene Paket über die wirtschaftspolitische Steuerung (Six-Pack) hinausgehen".

Die Euro-Länder haben sich auf zehn Maßnahmen verständigt, um die "Koordinierung und Überwachung der Wirtschaftpolitik im Euro-Währungsgebiet zu vertiefen, die Entscheidungsfindung effizienter zu gestalten und für eine kohärentere Kommunikation zu sorgen". Dabei wurden vorläufige Überlegungen ausgeführt, wie die Euro-Gipfel organisiert werden sollen und welche Funktionen der Präsident der Euro-Gruppe (derzeit Jean Claude Juncker) künftig in Abgrenzung zu den Funktionen des neu einzusetzenden Präsidenten des Euro-Gipfels ausfüllen soll.

Euro-Sparkommissar Olli Rehn

Eine Neuerung wurde von der EU-Kommission umgehend umgesetzt: Wirtschafts- und Währungskommissar Olli Rehn wurde zum Euro-Sparkommissar ernannt und mit "weitreichenden Kompetenzen bei der Aufsicht über die Staatsfinanzen" ausgestattet, teilte die EU-Kommission am Donnerstag mit. Wie von den Euro-Chefs eingefordert, werde die Kommission in Kürze weitere Vorschläge vorlegen.

Die Euro-Zone hat sich während der Schuldenkrise immer stärker von der Gesamt-EU abgekoppelt. Dem soll nun auch im EU-Vertrag Rechnung getragen werden. Ratspräsident Herman Van Rompuy soll gemeinsam mit Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker "sondieren, inwieweit in begrenztem Umfang Vertragsänderungen vorgenommen werden können", um die Wirtschaftsunion weiter zu vertiefen. "Ein Zwischenbericht wird im Dezember 2011 vorgelegt. Ein Bericht über die Art und Weise der Umsetzung der vereinbarten Maßnahmen wird bis März 2012 fertiggestellt", heißt es in der Zusammenfassung der Euro-Gipfel-Ergebnisse.

Spanien

Punkt 5 der Euro-Erklärung widmet sich den "bedeutenden Maßnahmen, die Spanien zur Verringerung seines Haushaltsdefizits, zur Umstrukturierung seines Bankensektors und zur Reformierung des Produkt- und des Arbeitsmarkts ergriffen hat, sowie die Änderung der Verfassung zur Aufnahme der Gewährleistung eines ausgeglichenen Haushalts". Die Euro-Länder drängen die spanische Regierung dazu, das geplante Sparprogramm "unnachgiebig durchzuführen" und weitere Gesetze zu erlassen, damit die in der Verfassung verankerte Schuldenbremse "vollständig zum Tragen kommt".

Die spanische Regierung wird zudem dazu aufgefordert, weitere Maßnahmen zu ergreifen, "damit die in diesem Ausmaß nicht hinnehmbare Arbeitslosigkeit reduziert wird". "Die Maßnahmen sollten verstärkte Änderungen auf dem Arbeitsmarkt, mit denen die Flexibilität auf Unternehmensebene und die Beschäftigungsfähigkeit der Arbeitskräfte erhöht werden, sowie andere Reformen zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit – speziell weitere Reformen im Dienstleistungssektor – einschließen", heißt es in der Euro-Erklärung.

Italien

Auch Italien findet in dem Dokument besondere Erwähnung. Regierungschef Silvio Berlusconi wurde von seinen europäischen Kollegen beim Europäischen Gipfel am 23. Oktober 2011 dazu gedrängt, schnellstmöglich Strukturreformen und Sparmaßnahmen vorzunehmen. Berlusconi hat daraufhin in einem Schreiben an Rat und Kommission einige Vorhaben angekündigt. Die Euro-Chefs geben sich damit nicht zufrieden, sondern "rufen Italien auf, so schnell wie möglich einen ehrgeizigen Zeitplan für diese Reformen vorzulegen".

Italien hat sich gegenüber seinen Euro-Partnern dazu verpflichtet, bis 2013 einen ausgeglichenen Haushalt und 2014 einen strukturellen Haushaltsüberschuss zu erreichen und damit 2014 eine Verringerung der Bruttoverschuldung des Staates auf 113 Prozent des BIP herbeizuführen. Außerdem soll bis Mitte 2012 eine Schuldenbremse in die Verfassung aufgenommen werden.

In der Euro-Erklärung ist festgehalten, dass in Italien "Bürokratie abgebaut wird, die Mindestsätze für freiberufliche Dienstleistungen abgeschafft werden und die lokalen öffentlichen Dienste und die Versorgungswirtschaft weiter liberalisiert werden".

Die Euro-Chefs nehmen außerdem die "Zusage Italiens zur Kenntnis, die Arbeitsgesetzgebung und insbesondere die Regeln und Verfahren für Entlassungen zu reformieren und das gegenwärtig uneinheitliche Arbeitslosenversicherungssystem bis Ende 2011 unter Berücksichtigung der Haushaltszwänge zu überprüfen. Wir nehmen Kenntnis von dem Plan, das Renteneintrittsalter bis 2026 auf 67 Jahre anzuheben, und empfehlen, bis Ende des Jahres den Prozess festzulegen, mit dem dieses Ziel erreicht wird."

Die Euro-Länder vertrauen dabei nicht auf die Ankündigung Berlusconis, sondern "ersuchen die Kommission, eine detaillierte Bewertung der Maßnahmen vorzulegen und deren Durchführung zu überwachen, und die italienischen Behörden, rechtzeitig alle für eine solche Bewertung notwendigen Informationen zu übermitteln".

Irland, Portugal

"Was die Programmländer anbelangt, so sind wir erfreut über die Fortschritte, die Irland bei der vollständigen Umsetzung seines Anpassungsprogramms erzielt hat, das positive Ergebnisse hervorbringt. Portugal macht mit seinem Programm derzeit ebenfalls ansehnliche Fortschritte […]. Wir fordern beide Länder auf, in ihren Bemühungen nicht nachzulassen, sich an die vereinbarten Zielvorgaben zu halten und bereit zu sein, alle erforderlichen zusätzlichen Maßnahmen zur Erreichung dieser Ziele zu ergreifen", heißt es in der Euro-Erklärung.

Griechenland-Hilfe, Bankenbeteiligung

Für Griechenland wurde von den Euro-Ländern ein weiteres Rettungspaket beschlossen, das einen Schuldenerlass der privaten Gläubiger von nominal 50 Prozent der rund 200 Milliarden Euro ausstehenden Staatsanleihen vorsieht. Nach Verhandlungen bis tief in die Nacht erklärte sich der internationale Bankenverband IIF bereit, eine entsprechende "freiwillige" Vereinbarung zu entwickeln. Griechenlands Schulden sollen über einen im Januar beginnenden Anleihetausch um 100 Milliarden Euro sinken. Der Euro-Rettungsfonds EFSF soll den betroffenen Banken, Fonds oder Versicherungen eine Absicherung von 30 Milliarden Euro gewähren. Zudem erhält Griechenland von der EFSF ein zweites Kreditpaket von 100 Milliarden Euro bis 2014.

Nach diesem Plan kann Griechenland frühestens 2021 wieder an den Kapitalmarkt zurückkehren, um sich selbst zu finanzieren. Der Schuldenstand des Landes soll durch den Forderungsverzicht bis 2020 auf 120 Prozent des Bruttoinlandsproduktes sinken nach einem Höchststand von schätzungsweise 186 Prozent im Jahr 2013. Allerdings bleibt abzuwarten, ob die privaten Gläubiger sich auf den Tausch einlassen. Damit die rund 60 größten Banken den Schuldenschnitt verkraften, müssen sie nach dem Beschluss der EU-Staaten ihr Eigenkapital um 106 Milliarden Euro aufstocken.

Zugleich haben die Euro-Chefs festgehalten, dass die Mechanismen für die Überwachung der Durchführung des griechischen Programms verstärkt werden. Konkret wurde vereinbart, dass die Kommission bei dem neuen Hilfsprogramm zusammen mit den anderen Troika-Partnern für die Laufzeit des Programms eine "Überwachungskapazität vor Ort" aufbauen wird. "Dabei geht es darum, Ratschläge zu geben und Hilfestellung zu leisten, um sicherzustellen, dass die Reformen fristgerecht und uneingeschränkt durchgeführt werden".

Die Euro-Länder haben zudem angekündigt, dass für neue (vorsorgliche) Euro-Rettungsprogramme, die über den EFSF finanziert werden, entsprechend der IWF-Praxis strenge Auflagen gelten sollen. "Die Kommission wird die betreffenden Mitgliedstaaten einer verstärkten Überwachung unterziehen und der Euro-Gruppe regelmäßig Bericht erstatten."

Erste Reaktionen in Griechenland

EurActiv Griechenland berichtet, dass die Reaktion der Regierung in Athen am besten mit dem Wort "Erleichterung" umschrieben werden kann. Dennoch gebe es noch Unsicherheit bezüglich der endgültigen Vereinbarung und der Unbestimmtheit der Formulierungen in den Schlussfolgerungen. Die meiste Kritik richte sich gegen eine Bestimmung, die eine "permanente Präsenz ausländischer Experten" vorzusehen scheint, die von Tag zu Tag den Betrieb des Landes überwachen sollen.

Abgeordnete der größten Oppositionspartei Nea Dimokratia (ND) nehmen eine abwartende Haltung ein. Dies sei hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass sie sich über die genaue Formulierung der Schlussfolgerungen nicht sicher sind. Alle weisen jedoch auf eine "gewisse Ironie" hin: Die Bestimmungen der Entscheidung über den Schuldenschnitt sollen dazu führen, dass Griechenland im Jahr 2020 in Bezug auf die prozentuale Verschuldung im Verhältnis zum BIP das erreichen wird was es im Jahr 2009 hatte –  als Premierminister Giorgos Papandreou an die Macht kam.

Hebelung der EFSF-Mittel

Die 17 Euro-Länder verständigten sich in der Nacht zu Donnerstag zudem darauf, das Kreditvolumen des Euro-Rettungsschirm EFSF auf über eine Billion Euro zu "hebeln". Die noch frei verfügbare Kreditsumme von etwa 275 Milliarden der insgesamt 440 Milliarden Euro könne durch die Mobilisierung privaten Kapitals um den Faktor vier bis fünf steigen. Die EFSF stehen dafür zwei Optionen zur Verfügung: Für neu begebene Staatspapiere kann sie eine Anleiheversicherung anbieten. Zudem kann sie eine Zweckgesellschaft gemeinsam mit privaten Investoren gründen, um seine neuen Aufgaben zu finanzieren – Bondkäufe, Bankenkapitalisierung oder vorbeugende Kredite an Euro-Länder.

In der offiziellen Zusammenfassung "Wichtigste Ergebnisse des Euro-Gipfels" ist von einer "erheblichen Optimierung der Ressourcen der EFSF, ohne Aufstockung der ihr zugrundeliegenden Garantien" die Rede: "Die vereinbarten Optionen ermöglichen eine Vervielfachung der Finanzmittel der EFSF. Die Hebelwirkung der beiden Optionen wird unterschiedlich ausfallen, je nach ihren spezifischen Merkmalen und Marktbedingungen, aber der Faktor könnte bis zu 4 oder 5 betragen, so dass voraussichtlich 1 Billion Euro (etwa 1,4 Billionen Dollar) zur Verfügung stehen wird. Wir bitten die Euro-Gruppe, die Bedingungen für die Umsetzung dieser Modalitäten im November endgültig festzulegen. Außerdem wird eine weitere Zusammenarbeit mit dem IWF angestrebt, um die Wirkung der Finanzmittel der EFSF weiter zu steigern."

Michael Kaczmarek

EurActiv.com hat den Euro-Gipfel in einem Live-Bericht dokumentiert.

Reaktionen

Bundesregierung, Bundestag

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle sagte am Donnerstag im ARD Morgenmagazin, das Treffen in Brüssel habe die Euro-Länder "einen Schritt nach vorn" gebracht. Dies zeige auch die positive Reaktion der Märkte in Fernost. Eine weitere gute Botschaft des Gipfels sei, dass der Bundestag im Vorfeld stärker beteiligt und die Entscheidungsprozesse damit demokratisiert worden seien.

Zufrieden mit den Beschlüssen aus der Nacht zeigte sich auch SPD-Chef Sigmar Gabriel, der von einem guten Ergebnis sprach. Allerdings warf er Bundeskanzlerin Angela Merkel erneut vor, eine 180-Grad-Wende vollzogen zu haben. Die Kanzlerin habe zu spät auf die Krise reagiert und damit die Risiken für den Steuerzahler erhöht, kritisierte Gabriel im Deutschlandfunk. Wichtig sei jetzt, dass die Bundesregierung weitere Schritte unternehme – allen voran die Einführung einer Steuer auf Börsengeschäfte. Mit den Einnahmen daraus könnte dann auch ein dringend benötigter Wiederaufbauplan für Griechenland und andere verschuldete Länder in Südeuropa finanziert werden.

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sprach im rbb-Inforadio von einem "guten Schritt, um Griechenland zu retten". Kritik übte sie allerdings zugleich am Krisenmanagement der Bundesregierung. "Den Schuldenschnitt zum Beispiel hätte man früher machen müssen, das wäre dann weniger riskant geworden. Das hat Frau Merkel auch aktiv verhindert", warf Nahles Merkel vor. Eine späte Erkenntnis sei jedoch "besser als keine".

Grünen-Chef Cem Özdemir lobte die Entscheidung. "Es ist eine deutlich bessere Lösung als alles, was wir bislang hatten," sagte er im Fernsehsender n-tv. Özdemir verteidigte zudem die Zustimmung seiner Partei zu den Euro-Beschlüssen im Bundestag. "Wir konnten deshalb aus gutem Gewissen zustimmen, weil die Regierung im Kern viele Fragen – oder viele Forderungen – aufgenommen hat, gegen die sie selber noch vor einiger Zeit war – die aber immer grüne Forderungen waren."

Kritik am Euro-Gipfel kommt von dem Vorsitzenden der Linkspartei, Klaus Ernst. Die Hebelung des EFSF-Rettungsschirms sei ein "Fehler mit dramatischen Folgen", sagte er den Zeitungen der WAZ-Gruppe. Es gebe noch nicht einmal "das kleinste Signal an die Bürger, dass der Staat auch einmal ihre Interessen gegen die Banken vertritt."

Europaparlament

CDU
Der CDU-Europolitiker Elmar Bork sagte im Deutschlandfunk, dass das Ergebnis besser sei, als er es erwartet habe. "Es hat sich doch gezeigt, dass in der Stunde der Not man zu weitgehenden Lösungen möglich ist, dass dies eine Basis ist, auf der jetzt aufgebaut werden kann, dass dazu den Märkten genügend Sicherheit demonstriert wird, dass die Europäer in der Lage sind, zu entscheiden und sich gegenseitig zu stützen, und ich glaube auch, dass durch den Haircut gegenüber Griechenland und dann in der Kombination mit dem neuen EFSF wir in der Lage sind, dann doch einen Ringzaun, einen Schutzwall zu machen, dass die Haltbarkeit des Euro von großer Bedeutung ist und dadurch glaubhaft wird."

SPD
Der SPD-Europaabgeordnete Bernhard Rapkay hat die Erklärungen zur "vertieften Integration" kritisch bewertet: "Von Integration kann derzeit keine Rede sein. Viel mehr betrachten wir im Europäischen Parlament mit Sorge die Unfähigkeit der Staats- und Regierungschefs, Europa und das Einigungswerk zusammenzuhalten. Seit Monaten schon ebnen Frau Merkel und Herr Sarkozy schleichend den Weg für ein gespaltenes Europa: Auf der einen Seite die Euro-Länder und auf der anderen der Rest. Das belegen die vorliegenden Beschlüsse leider ein weiteres Mal. Europa befindet sich in einer institutionellen Krise. Anstatt diese gemeinsam unter Einbeziehung aller EU-Organe wirklich anzugehen, soll nun wieder mal ein neuer Posten geschaffen werden – ein Präsident des Euro-Gipfels. Als ob wir nicht bereits genügend, wenn nicht sogar zu viele davon hätten."

Für eine wirklich vertiefte Integration seien Vertragsänderungen durchaus notwendig. "Dabei muss das Europäische Parlament weiterhin als Garant für demokratische Transparenz in Europa und die Gemeinschaftsmethode als Bekenntnis zu Europa uneingeschränkt gewahrt bleiben. Änderungen an den Verträgen wird es ohne Beteiligung und Zustimmung des Parlamentes nicht geben. Sollten die Staats- und Regierungschefs versuchen, die demokratische Mitbestimmung auszuhöhlen, werden wir das durch unsere im Lissabon-Vertrag festgeschriebenen Rechte zu verhindern wissen", so Rapkay.

Der SPD-Europaabgeordnete Udo Bullmann sieht in den in der Nacht beschlossenen Maßnahmen zur Stabilisierung Griechenlands und zum Ausbau des europäischen Rettungsfonds "einen Schritt in die richtige Richtung". Zugleich betonte Bullmann die weiterhin bestehenden Risiken: "Frankreich ist angeschlagen. Spanien und Italien haben einen hohen Refinanzierungsbedarf. Daher ist weder klar, ob die Ausweitung des effektiven Fondsvolumens ausreicht, noch ob die Krise ohne eine flexible Haltung der Europäischen Zentralbank bewältigt werden kann."

Grüne

Die Grünen-Europaabgeordneten Rebecca Harms und Daniel Cohn-Bendit bewerten den Gipfel als vorläufige Rettung der Eurozone. "Er bedeutet aber nicht das Ende der Krise. Die Ergebnisse des Gipfels sind zu schwach und zu langsam in der Umsetzung. Ohne den guten Willen der Märkte bleiben sie wertlos. Das Vorgehen zur Bankenrekapitalisierung ist fragwürdig. Die Zeit, die den Banken gewährt wird, ist zu lang. Die Eigenkapitalquote von 9 Prozent ist optimistisch. So kann nicht ausgeschlossen werden, dass es zu einen zweiten Bankenkollaps à la Dexia kommt. Der Schuldenschnitt von 50% ist zu gering. Die Freiwilligkeit des Schuldenverzichts lässt offen, ob der Schuldenschnitt auch wirklich umgesetzt wird. Wer glaubt, so die griechische Staatsschuld bis 2020 auf 120 Prozent des BIP reduzieren können, blendet aus, welche Schäden die Sparpakete in den betroffenen Volkswirtschaften schon jetzt hinterlassen haben."

Der gehebelte Rettungsfonds EFSF werde die Märkte nicht beeindrucken. "Die angestrebte Summe von 1 Billion Euro ist an der Untergrenze dessen, was wir brauchen, um die Spekulation zu stoppen. Die Wirksamkeit der beschlossenen Instrumente hängt zu sehr von den Märkten ab. Der Deal lässt die Frage der wirtschaftlichen Erholung außen vor. Die Frage, wie und mit welchen Mitteln die EU auf den Pfad nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung findet, bleibt auch nach diesem Gipfel völlig offen. Die Entscheidung, Europas Wirtschaftspolitik weiter durch Wirtschaftsgipfel zu steuern ist eine Drohung. Die Eurozonenchefs haben bisher von Gipfel zu Gipfel durch Entscheidungsschwäche und Intransparenz die wirtschaftliche und politische Krise verschärft. Steuerung und Aufsicht gehören viel mehr in die Hände der Kommission nach Vorgaben des Rates der 27 und unter enge Kontrolle des Parlaments. Deshalb begrüßen wir die neue, gestärkte Rolle des Kommissars Olli Rehn", erklärte Harms und Cohn-Bendit.

Bankensektor

"Die Beschlüsse des EU-Gipfels sind ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Entschärfung der Staatsschuldenkrise", sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) Uwe Fröhlich. Der beabsichtigte Schuldenschnitt biete grundsätzlich eine Perspektive zur Lösung der griechischen Finanzkrise. Mit der massiven Erhöhung der Privatgläubigerbeteiligung sei aber die Grenze der Freiwilligkeit erreicht. Eine Hebelung der EFSF-Mittel sei unverzichtbar, um die Schlagkraft des Fonds zu erhöhen. Fröhlich: "Dabei muss darauf geachtet werden, dass es nicht zu einer unangemessenen Verlagerung der Haftungsrisiken auf den Steuerzahler kommt."

Links


Euro-Rat:
Erklärung des Euro-Gipfels (26. Oktober 2011)

Euro-Rat: Wichtigste Ergebnisse des Euro-Gipfels (26. Oktober 2011)

Rat: Statement of EU Heads of State or Government (26. Oktober 2011)

Rat: Feature: European response to the debt crisis

Rat: Common resolve to overcome the crisis

Ratspräsident:
Remarks by Herman Van Rompuy (26. Oktober 2011)

Bundesregierung: Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Europäischen Rat (27. Oktober 2011)

Bundesregierung: Regierungserklärung von Kanzlerin Merkel zum Europäischen Rat und zum Eurogipfel (26. Oktober 2011)

Bundestag:
Tagesaktuelles Protokoll der 135. Sitzung (26. Oktober 2011)

Bundestag: Entschließung zur Regierungserklärung zum Europäischen Rat und zum Euro-Gipfel (26. Oktober 2011)

Rat: Schlussfolgerungen des Europäischen Rates (23. Oktober 2011)

Zum Thema auf EurActiv.de

Merkel-Rede: Scheitert der Euro, dann scheitert Europa (27. Oktober 2011)

Bundestag: Merkel darf hebeln (26. Oktober 2011)

EU-Vertrag: Grüne fordern Europäischen Konvent (26. Oktober 2011)

CDU: EU-Vertragsänderung und Politische Union (25. Oktober 2011)

Gipfel: Die EU formiert sich neu (24. Oktober 2011)

EurActiv.de-Debatte: Integrationssprung aus der Euro-Krise?

Teil I: "Wie die Sprache der ‘Euro-Krise’ die Unionsbürger verunsichert" von der EU-Expertin Almut Möller (DGAP) finden Sie hier.

Teil II: "Euro-Krise – Mut zu mehr europäischer Demokratie" vom grünen Europapolitiker Manuel Sarrazin finden Sie hier.

Teil III: "Merkels Skepsis vor dem Paukenschlag" von EurActiv.de-Redakteur Alexander Wragge finden Sie hier.

Teil IV: "Wann kommt das Euro-Parlament?" von EurActiv.de-Redakteur Michael Kaczmarek finden Sie hier.

Teil V: "Das neue Europa: Euro-Bonds und Euro-Parlament" von der ECFR-Expertin Ulrike Guérot finden Sie hier.