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30/09/2016

Endstation Schwarzarbeit: Warum Flüchtlinge für 80 Cent die Stunde schuften

Finanzen und Wirtschaft

Endstation Schwarzarbeit: Warum Flüchtlinge für 80 Cent die Stunde schuften

Viele Flüchtlinge arbeiten in der deutschen Schattenwirtschaft, um ein eigenes Einkommen zu haben.

Foto: dpa

Viele Flüchtlinge in Deutschland arbeiten laut Informationen des Radiosenders NDR Info in der Schattenwirtschaft. Neben schlechten Arbeitsbedingungen nehmen sie dafür oftmals Dumping-Stundenlöhne von unter einem Euro in Kauf.

Die Recherchen des Senders bei Behörden, Sozialarbeitern, Wissenschaftlern und Flüchtlingen ergeben ein nüchternes Bild von der Flüchtlingsintegration in Deutschland. Demnach seien viele Zugezogene nicht in den legalen Arbeitsmarkt eingebunden, sondern in der Schattenwirtschaft tätig und verdingen sich dort für einen Hungerlohn als Tellerwäscher, Putzkraft oder Tapezierer. Gerade mal acht Prozent

Für die Vermittlung der Flüchtlinge in die deutschen Schattenbetriebe sollen mitunter Besucher und sogar Mitarbeiter von Asylunterkünften zuständig sein, berichtet der Sender unter Berufung auf Ermittlungskreise. So stehe derzeit ein Angestellter einer niedersächsischen Gemeinschaftsunterkunft im Verdacht, als Vermittler an Schwarzbetriebe fungiert und „die Situation von Flüchtlingen ausgenutzt zu haben, um sich an ihnen finanziell zu bereichern“.

Neben Wohnungen und Privilegien in der Unterkunft soll der Mann – gegen eine stattliche Provision – Flüchtlingen Jobs in der Schattenökonomie vermittelt haben. „Herr A. bot mir an, eine unangemeldete Stelle in einer Diskothek auf der Reeperbahn anzunehmen, das heißt also Schwarzarbeit“, zitiert der Sender einen Heimbewohner. „Als Gegenleistung sollte ich jedoch die Hälfte des Gehalts an ihn abgeben. Dazu war ich nicht bereit.“

Auch in Hamburg und Berlin gebe es laut Sozialverbänden und Flüchtlingshelfern immer wieder Versuche solcher Vermittler, Flüchtlinge für die Schwarzarbeit anzuwerben.

Bis zu 300.000 neue Jobs in der Schattenwirtschaft

Wie viele Geflüchtete tatsächlich unangemeldet arbeiten, lässt sich nicht mit verlässlichen Zahlen belegen. Das Tübinger Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) und die Universtität Linz schätzten in einer Studie vom Februar, dass in diesem Jahr bis zu 300.000 neue Stellen für Flüchtlinge in der Schattenwirtschaft entstehen könnten. Bei den geschätzten 1,1 Millionen Menschen, die im letzten Jahr nach Deutschland flohen, entspreche das einem Anteil an Schwarzarbeitern von rund 30 Prozent an der gesamten Flüchtlingszahl.

Ein Hauptgrund dafür seien laut Studie die schleppende Integration der meist arbeitswilligen Neubürger in den bestehenden Arbeitsmarkt. „Die Flüchtlinge sind monatelang in ihren Unterkünften zum Nichtstun verdammt, also ist es doch naheliegend, dass sie irgendwann raus wollen und sich als Schwarzarbeiter verdingen“, so einer der Autoren, der Linzer VWL-Professor Friedrich Schneider.

Eines der Kernprobleme bei der wirtschaftlichen Einbindung der Neuankömmlinge sind mangelnde Sprachkenntnisse. Obwohl die meisten schnell Deutsch lernen wollen und als motiviert gelten, dauert vielen Beteiligten der Prozess zu lange – sowohl in den Betrieben als auch bei den Flüchtlingen selbst. So haben beispielsweise die 30 größten DAX-Unternehmen bisher nur 54 Flüchtlinge fest eingestellt, obwohl der Bedarf an qualifizierten Fachkräften weiterhin wächst. Der Geschäftsführer der Handwerkskammer Berlin, Ulrich Wiegand, betont gegenüber EurActiv, wie wichtig es für Flüchtlinge ist, eine entsprechende Qualifikation vorweisen zu können, um eine Beschäftigung zu finden. “Eine vollständige Ausbildung ist der zentrale Weg dorthin.”

Doch vielen Zugezogenen geht die Vorbereitungszeit auf eine legale Beschäftigung – in der es neben Sprachkenntnissen auch darum geht, die Gesetze und Eigenheiten des deutschen Arbeitsmarktes zu vermitteln – zu träge voran. In der Folge suchen sich viele eine unangemeldete Tätigkeit in der Schattenwirtschaft.

Integrationsleistung der Konzerne „beschämend“

Eine Befragung lokaler Beschäftigungsinitiativen durch das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ergab, dass die Arbeitsmotivation der Flüchtlinge zu Beginn ihres Aufenthalts in Deutschland am größten ist. Je länger jedoch die Aufbauphase – in der die Flüchtlinge kein eigenes Einkommen erwirtschaften können – dauere, desto mehr geraten sie unter Zeitdruck, schnell Geld zu verdienen, um Familienangehörige zu unterstützen oder Schulden zu begleichen. „Nicht wenige Geflüchtete ziehen es daher vor, einen unsicheren und schlecht bezahlten Job unter ihrem Qualifikationsniveau anzunehmen“, resümiert der Berliner Thinktank.

Die Schattenwirtschaft scheint genau das zu bieten: Jobs mit niedriger Qualifikation, keine Kontrolle durch Behörden, unbürokratische Abwicklung, umgehende Auszahlung des Lohns.

Dass die unangemeldete Beschäftigung zwar schnelles Geld bedeutet, aber zugleich ein Integrationshindernis darstellt, steht gleichermaßen außer Frage. Ob das Anfang August in Kraft getretene Integrationsgesetz, das Asylbewerbern den Weg in die legale Beschäftigung erleichtern soll, zu einer substanziellen Veränderung der Lage beitragen wird, bleibt abzuwarten.

Erst vor einer guten Woche hatte Merkel Unternehmen um Tipps und Unterstützung gebeten, Flüchtlinge in die Wirtschaft schneller zu integrieren. „Uns ist jeder Hinweis aus der Praxis willkommen, um noch effektiver werden zu können“, so Merkel. Andere bewerteten die bisherigen Anstrengungen der deutschen Industrie weniger diplomatisch. Der SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann verlangte konkrete Zusagen aus der Wirtschaft. „Ich erwarte jetzt, dass diesen Worten auch Taten folgen,“ so Oppermann. Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner wurde noch deutlicher: Sie nannte die bisherigen Integrationsbemühungen der Konzerne „beschämend“.

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