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26/09/2016

Deutsche Wirtschaft könnte unter Brexit leiden

Finanzen und Wirtschaft

Deutsche Wirtschaft könnte unter Brexit leiden

Für die deutsche Wirtschaft könnten die Folgen des Brexit ungemütlich werden.

Foto: Shutterstock

In weniger als zwei Wochen stimmen die Briten über den Verbleib ihres Königreichs in der EU ab. In vielen deutschen Unternehmen steigt die Nervosität. Denn ein Austritt der Briten hätte gravierende Folgen – auch für Deutschlands Wirtschaft.

Wie stark sind deutsche Unternehmen in Großbritannien engagiert?

Laut Statistischem Bundesamt ist Großbritannien im vergangenen Jahr mit rund 89,3 Milliarden Euro der drittwichtigste Exportmarkt für Deutschland gewesen. Die Außenhandelsbilanz betrug 31 Milliarden Euro. Über 2500 deutsche Unternehmen haben eine Niederlassung im Vereinigten Königreich. Zusammen bilden sie dort einen Kapitalstock von etwa 130 Milliarden Euro und beschäftigen rund 400.000 Mitarbeiter.

Welche Folgen hätte ein Austritt der Briten aus der EU für die deutsche Wirtschaft?

Ein Nein zur EU beim Referendum am 23. Juni würde den Austritt Großbritanniens aus dem europäischen Binnenmarkt bedeuten. „Damit stehen auch in Deutschland Arbeitsplätze unter Vorbehalt“, sagt Volker Treier, stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Grund: eine mögliche Abwertung des britischen Pfunds gegenüber dem Euro und eine höhere Inflation. Das würde die Preise für deutsche Produkte im Vereinigten Königreich erhöhen und den Absatz womöglich senken.

„Die Unruhe in der deutschen Wirtschaft ist dementsprechend hoch. Viele sind besorgt“, sagt Treier. Laut einer Umfrage der Deutschen Außenhandelskammer in Großbritannien erwarten 80 Prozent ihrer knapp 700 Mitgliedsunternehmen negative Folgen eines Brexit für ihr Geschäft. Dagegen rechnen nur sechs Prozent mit positiven Effekten. Insgesamt würden 61 Prozent ihre Investitionstätigkeit im Vereinigten Königreich nach einem Austritt verringern, sieben Prozent würden sie erhöhen.

Gibt es Profiteure eines Brexit?

London gilt als Hauptstadt des europäischen Finanzwesens. Die Börse in Frankfurt am Main könnte diese Position nach einem Austritt der Briten übernehmen und zum Zentrum der europäischen Unternehmensfinanzierung werden. Ausgemacht ist das jedoch nicht, denn auch die Pariser oder Dubliner Börse kämen dafür in Frage. „Unterm Strich sind auch die Börsenbetreiber nicht für einen Brexit“, ist sich Volkswirt Treier deswegen sicher.

Auch die chemische Industrie in Deutschland könnte laut einer Bertelsmann-Studie profitieren. Ein Ausschluss Großbritanniens aus dem europäischen Binnenmarkt würde demnach ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und ihr ein zusätzliches Wachstum von 0,5 bis 1 Prozent bescheren.

Wie könnten die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien nach einem Brexit aussehen?

Als Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO), zu der 162 Staaten zählen, würde Großbritannien von bereits bestehenden Handelserleichterungen gegenüber der EU und damit mit Deutschland profitieren. Generelle Zollfreiheit bei der Einfuhr von Waren bedeutet dies aber nicht, sondern nur für bestimmte Produktgruppen. Für die Briten würden damit dieselben Regeln wie für Bangladesch oder Botsuana gelten.

Umfassendere Erleichterungen beim Zugang zum europäischen Binnenmarkt brächte eine Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), zu dem neben den 28 EU-Mitgliedsstaaten Island, Norwegen und Liechtenstein zählen. Arbeitnehmer aus diesen Staaten können in jedem Mitgliedsland arbeiten, Waren und Dienstleistungen zollfrei über Grenzen hinweg angeboten und Kapital ohne Hindernisse über Grenzen hinweg transferiert werden. Doch Großbritannien müsste hohe Mitgliedsbeiträge entrichten, ohne Einfluss auf Entscheidungen in Brüssel nehmen zu können.

Daneben sind auch separat ausgehandelte Abkommen denkbar. Das ist jedoch äußerst langwierig, wie sich bei der Schweiz mit ihren über 120 Einzel-Vereinbarungen mit der EU gezeigt hat.