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04/12/2016

Deutsche Unternehmen wollen weniger in Großbritannien investieren

Finanzen und Wirtschaft

Deutsche Unternehmen wollen weniger in Großbritannien investieren

Deutsche Firmen befürchten Exportrückgänge in Großbritannien nach dem Brexit-Votum - und reagieren hart.

Foto: dpa

Nach dem Brexit-Votum befürchten deutsche Firmen Exportrückgänge in Großbritannien. Viele wollen darum nun Stellen auf der Insel streichen.

Deutsche Unternehmen wollen wegen des EU-Austrittsvotums der Briten bei Tochterfirmen und Zweigstellen auf der Insel weniger investieren und Stellen streichen.

In einer ersten großen Umfrage nach der Brexit-Entscheidung unter mehr als 5600 Betrieben, die der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) am Donnerstag vorlegte, war von deutlich schlechteren Perspektiven für deutsche Exporteure die Rede. Der Verband rechnet inzwischen mit einem Rückgang der deutschen Ausfuhren auf die Insel um ein Prozent in diesem und fünf Prozent im nächsten Jahr. Ursprünglich hatte er für 2016 einen Zuwachs von fünf Prozent erwartet. Auch in Großbritannien und in anderen Ländern schlägt der Brexit-Schock auf die Wirtschaft durch.

Für die deutsche Wirtschaft steht einiges auf dem Spiel: Großbritannien ist für sie der drittwichtigste Exportmarkt in der Welt nach den USA und Frankreich. 2015 lieferten deutsche Firmen Waren und Güter im Wert von knapp 90 Milliarden Euro dorthin – vor allem Autos, Maschinen und chemische Produkte.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die hiesige Wirtschaft mehr als 110 Milliarden Euro in dem scheidenden EU-Land investiert.

Das könnte sich jetzt ändern: „Der Brexit schadet auf Dauer der deutschen Wirtschaft“, klagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Die Unsicherheit sei mit Händen zu greifen „und wirkt kurzfristig als Dämpfer für die Konjunktur“. Manche Experten befürchten dort sogar eine Rezession. Das Pfund ist zuletzt auf ein 31-Jahres-Tief gestürzt.

Investititonen auf dem Prüfstand

In der DIHK-Umfrage unter Firmen aller Branchen und Größen gaben 35 Prozent an, bei ihren britischen Töchtern und Zweigstellen weniger Investitionen zu planen. Gut ein Viertel denkt dort sogar an Personalabbau. Schon in der Phase der Trennungsverhandlungen mit der Europäischen Union werden die deutschen Exporte nach Einschätzung von 27 Prozent der befragten Firmen sinken. Nach dem Vollzug des EU-Austritts erwarten mehr als die Hälfte niedrigere Exportzahlen. Dagegen beschäftigten sich etliche britische Konzerne, die in Deutschland tätig sind, mit mehr Investitionen und einem Beschäftigungsaufbau auf dem hiesigen Markt.

Die deutschen Unternehmen haben ihre Produktion im Mai, also noch vor dem Brexit-Votum, so stark gedrosselt wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Industrie, Bau- und Energiebranche stellten zusammen 1,3 Prozent weniger her als im April. Produktionsdaten aus der britischen Industrie belegen, dass auch sie vor dem Referendum an Schwung eingebüßt haben. Im Mai sank die Herstellung um 0,5 Prozent gegenüber dem Vormonat.

Die britische Wirtschaftsleistung war bereits von Januar bis März nur noch um 0,4 Prozent zum Vorquartal gewachsen, nachdem Ende 2015 noch ein Plus von 0,6 Prozent herausgesprungen war. Mit dem Sieg der Brexit-Befürworter haben sich nach Einschätzung von Experten die Aussichten merklich verdüstert. Finanzminister George Osborne befürchtet eine „hausgemachte Rezession“. Steuersenkungen und Hilfen der Notenbank in London sollen Schlimmeres verhindern.

Bremsspuren auch in Frankreich

Auch die französische Regierung rechnet mit Einbußen beim Wirtschaftswachstum durch die Brexit-Entscheidung. Haushaltsminister Christian Eckert sprach von einem Dämpfer in der Größenordnung von 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten, ohne jedoch einen genauen Zeitraum zu nennen.

Schlechte Nachrichten kamen auch von Unternehmen. Die größte US-Bank JPMorgan warnte vor dem Verlust Tausender Stellen in Großbritannien, die im Konzern auf andere Niederlassungen auf dem Kontinent verlagert werden könnten. Dies gelte für den Fall, dass britische Banken ihre Produkte künftig nicht mehr generell auch im Rest der EU anbieten dürfen, sagte Vorstandschef Jamie Dimon der italienischen Zeitung „Il Sole 24 Ore“.