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20/01/2017

Deutsche Ökonomen sehen erhöhtes Grexit-Risiko

Finanzen und Wirtschaft

Deutsche Ökonomen sehen erhöhtes Grexit-Risiko

Eine Staatspleite Griechenlands scheint kaum noch vermeidbar.

[piet theisohn/Flickr]

„Es läuft auf einen Grexit hinaus“: Führende deutsche Ökonomen sehen Griechenland nach dem „Nein“ beim Referendum über Sparauflagen auf dem Weg aus dem Euro.

Die Bundesregierung nehme das Votum des griechischen Volkes zur Kenntnis und respektiere es, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Nach Darstellung des Bundesfinanzministeriums ist ein Schuldenschnitt weiterhin kein Thema. Die deutsche Position habe sich überhaupt nicht verändert, sagte der Sprecher des Ministeriums Martin Jäger. Er wies darauf hin, dass nach dem jetzt geltenden ESM-Vertrag ein mehrstufiges Verfahren für ein neues Hilfsprogramm für Griechenland erforderlich sei. Dazu gehöre auch die Zustimmung des Plenums des Deutschen Bundestags.

Die deutsche Wirtschaft hat das Nein der Griechen zu den Sparauflagen der internationalen Gläubiger derweil mit Sorge aufgenommen. „Das Ergebnis ist ein Schlag ins Gesicht aller Europäer“, sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo, am Montag der „Bild“-Zeitung. „Mit dem Referendum hat sich die griechische Bevölkerung leider für die vermeintlich einfachen Lösungen entschieden“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands, Michael Kemmer.

Führende deutsche Ökonomen sehen eine immer größere Wahrscheinlichkeit für einen Grexit. „Das Referendum bedeutet eine politische und wirtschaftliche Katastrophe für Griechenland“, schreibt DIW-Präsident Marcel Fratzscher in seinem Blog. „Die griechische Regierung hat ihren Bürgern wieder Versprechungen gemacht, die sie nicht wird halten können. Die Wirtschaft Griechenlands wird in den kommenden Monaten in eine noch tiefere Depression abgleiten, die Arbeitslosigkeit weiter steigen und soziale Verwerfungen sich weiter verstärken.“

Der Ausblick für eine Einigung über ein neues Hilfsprogramm sei laut Fratzscher mit dem Referendum deutlich schlechter geworden. „Ich erwarte in den kommenden Wochen einen kompletten Zusammenbruch des griechischen Bankensystems, denn die EZB wird ihre Notfallhilfen nicht aufrecht erhalten können. Ich erwarte die Einführung von staatlichen Schuldscheinen, also von einer Parallelwährung zum Euro. Ein Grexit ist und bleibt die schlechteste Option für Griechenland, aber sie wird immer wahrscheinlicher.“

Drachme als virtuelle Währung

Griechenland sollte nach den Worten von ifo-Präsident Hans-Werner Sinn nun den Sprung in die eigene Währung wagen. „Die Drachme sollte sofort als virtuelle Währung eingeführt werden“, sagte er in München.

„Alle Verträge des Landes einschließlich der Schuldverträge mit Ausländern sollten umgewandelt werden. Das würde den griechischen Staat und die griechischen Banken wieder flüssig machen.“ Zugleich sollte die Staatengemeinschaft darauf verzichten, jene Euro-Banknoten einzutreiben, über die griechische Bürger verfügten, sondern zulassen, dass sie für Bargeschäfte verwendet würden, obwohl die Preise in Drachme definiert würden, sagte Sinn.

„Griechenlands Staat ist nach der offiziellen Feststellung des Rettungsschirms EFSF zahlungsunfähig, und da er insolvent ist, sind es auch die Banken, mit denen er vielfach verbunden ist“, sagte Sinn. In dieser Situation dürfe die EZB nicht mehr zulassen, dass die griechische Notenbank den Banken weitere Notkredite gewähre. „Damit kommt freilich die Wirtschaft zum Erliegen, wenn nicht rasch ein neuer fiskalischer Rettungsschirm aufgespannt wird oder Griechenland zur Drachme zurückkehrt. Da absehbar ist, dass die Verhandlungen über einen weiteren Rettungsschirm nur noch mehr Zeit kosten, ohne zum Erfolg zu führen, sollte Griechenland die neue Währung einführen.“

„Griechischen Banken drohen auszubluten“

Eine Staatspleite scheint kaum noch vermeidbar, nachdem Athen vor wenigen Tagen eine Rückzahlung an den Internationalen Währungsfonds nicht leistete und auch keine neue Hilfsgelder mehr bekommt. „Am 20. Juli könnten die von der EZB gehaltenen Staatsanleihen nicht wie vereinbart zurückgezahlt werden“, erwartet nun Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Dann dürfte die EZB die Obergrenze für die ELA-Notkredite nicht erhöhen, so dass die griechischen Banken auszubluten drohen.“

Zudem werde es für die Regierung schwierig, die nächsten Lohn- und Rentenzahlungen zu stemmen. „In einer solchen Situation bliebe der Regierung kaum etwas anderes übrig, als eine neue Währung einzuführen, um so die Zahlungsfähigkeit zurückzugewinnen“, erklärte Krämer. „Das wäre wohl faktisch das Ende eines Mitgliedschaft in der Währungsunion.“

„Es läuft auf einen Grexit hinaus“, sagte BayernLB-Chefvolkswirt Jürgen Michels gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. „Die Eurogruppe wird sich Verhandlungen sicher nicht verwehren. Die Frage wird sein: Was wollen die Griechen herausholen? Wie groß soll etwa der angestrebte Schuldenschnitt sein? Tspiras wird mit geschwellter Brust in die Verhandlungen gehen. Die Eurogruppe hat die Wahl: entweder das Gesicht zu verlieren und nachzugeben oder den Grexit zu riskieren und unbekanntes Terrain zu betreten.“

Last-Minute-Kompromiss kaum noch machbar

Einen Last-Minute-Kompromiss hält der Chefökonom der Berenberg Bank, Holger Schmieding, für kaum noch machbar. „Die Regierung hat die Wirtschaft so gelähmt, dass der Finanzbedarf von Griechenland von Woche zu Woche steigt“, sagte er. „Das macht es den Gläubigern sehr, sehr schwer, etwas anzubieten, das ausreichen könnte.“

„Die nächsten Wochen werden für Griechenland von hoher Unsicherheit geprägt sein – verlässliche Prognosen sind kaum möglich“, sagte hingegen Volkswirt Nicolaus Heinen von der Deutschen Bank. „Denkbar ist, dass sich die wirtschaftlichen Verhältnisse in Griechenland weiter zuspitzen werden, sodass die Stimmung kippt und die Regierung Alexis Tsipras unter Druck gerät.“ Unter einer neuen Regierung unter Führung des bürgerlichen Lagers könnte dann über ein weiteres Rettungspaket verhandelt werden. „Bleibt Tsipras an der Macht, dürften Spekulationen über eine baldige Zahlungsunfähigkeit und eine griechische Parallelwährung in den kommenden Wochen zunehmen“, so Heinen.

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