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26/02/2017

Deutsche Bank: Neuer Chef plant Radikalkur

Finanzen und Wirtschaft

Deutsche Bank: Neuer Chef plant Radikalkur

Der neue Chef John Cryan will die Deutsche Bank mit einer Radikalkur auf Kurs bringen.

[Carsten Frenzl/Flickr]

Der neue Vorstandschef der Deutschen Bank, John Cryan, hat von seinen Vorgängern zahlreiche Aufgaben geerbt und beklagt zu hohe Kosten. Mit den angekündigten Einschnitten stehen Tausende Jobs auf dem Spiel.

Der neue Chef John Cryan will die Deutsche Bank mit einer Radikalkur auf Kurs bringen und den Rückstand auf die Konkurrenz verkürzen.

Die knapp 100.000 Mitarbeiter müssen sich deshalb auf harte Einschnitte gefasst machen. „Veränderungen können belastend sein, aber den Status quo beizubehalten, ist keine Option“, schrieb der Brite am Donnerstag an die Belegschaft. Zwar konnte Deutschlands größtes Geldhaus den Nettogewinn im zweiten Quartal auf 818 Millionen Euro mehr als verdreifachen, weil das Tagesgeschäft robust lief. Doch das sei „nicht annähernd da, wo wir sein sollten“, befand Cryan. Die Kosten seien viel zu hoch – zuletzt sind sie sogar noch gestiegen. „Dies ist ein verschwenderischer Umgang mit unseren hart verdienten Erträgen.“

Cryan sitzt seit dem 1. Juli auf dem Chefsessel. Er löste Anshu Jain ab, der nach Kritik von Aufsehern und Investoren zurückgetreten war, weil der jahrelange Konzernumbau nicht die gewünschten Ergebnisse gebracht hat. Bei der Rendite ist die Bank hinter den Erwartungen geblieben, die Dividende stagniert, während die US-Konkurrenz davonzieht. Auch viele europäische Großbanken haben in den vergangenen Jahren konsequenter gespart als die Deutsche Bank. Bei den Frankfurtern soll nun die neue „Strategie 2020“ der Befreiungsschlag sein.

Cryan, der die letzten zwei Jahre im Aufsichtsrat saß, hat sie mit entwickelt. Details will er im Herbst vorstellen und gegebenenfalls nachjustieren. „Wir wissen, dass wir jetzt liefern müssen“, betonte Cryan in einer Telefonkonferenz mit Analysten. Eine weitere Kapitalerhöhung, die von manchen Experten erwartet wird, schloss er aus – sofern externe Ereignisse die Bank nicht dazu zwingen. Ziel sei es, kleiner zu werden, um dadurch weniger Kapital zu brauchen. Geplant ist etwa ein Verkauf der Postbank, der Rückbau des Privatkundengeschäfts und der Rückzug aus mehreren Ländern. Auch die Investmentbank soll abspecken. Beobachter erwarten, dass konzernweit tausende Jobs wegfallen. Cryan und der neue Finanzchef Marcus Schenck ließen sich dazu noch nicht in die Karten schauen. Der Zwischenstand der Strategiesuche wird an diesem Donnerstag Finanzkreisen zufolge aber ausführlich im Aufsichtsrat diskutiert, der in New York tagt.

Weiss, wo die Probleme liegen

Eines ist für Cryan schon jetzt klar: „Damit unsere Strategie Erfolg hat, müssen wir effizienter werden. Wir müssen diszipliniert sein bei der Frage, wie, wo und mit wem wir Geschäfte tätigen.“ Die Deutsche Bank schöpfe ihr Potenzial bei weitem nicht aus. Analysten geben Vorschusslorbeeren: „Cryan ist ein exzellenter Kommunikator, Analytiker und Manager“, sagte Dirk Becker von Kepler Cheuvreux. „Er weiß, wo die Probleme liegen, und packt sie an.“

Baustellen gibt es viele: Der Vorsteuergewinn kletterte im Frühjahr zwar um gut ein Drittel auf 1,2 Milliarden Euro. Doch die Eigenkapitalrendite nach Steuern lag Ende Juni bei mageren 5,7 Prozent. Das liegt auch daran, dass noch immer viele Altlasten drücken: Für Rechtsstreitigkeiten hat die Deutsche Bank nach wie vor 3,8 Milliarden Euro zur Seite gelegt, obwohl der besonders teure Zinsskandal vom Tisch ist. Aber viele US-Hypothekenklagen schwelen noch. Auch der Umbau des Geldhauses wird Geld verschlingen. Das alles dürfte im zweiten Halbjahr deutliche Spuren in der Bilanz hinterlassen und die zuletzt verbesserte Kapitalquote wieder drücken, erklärte Finanzchef Schenck.

Bei den Aktionären überwog am Donnerstag die Hoffnung auf bessere Zeiten: Die im Dax gelistete Deutsche-Bank-Aktie kletterte bis zum späten Nachmittag um mehr als vier Prozent auf 31,54 Euro. Das ist der höchste Kurs seit drei Monaten.

Luxus-Investmentbank

In der Kernbank gab es über alle Sparten hinweg Gewinnsteigerungen: Die Investmentbank verdiente vor Steuern 1,2 Milliarden Euro, nach 828 Millionen im Vorjahreszeitraum. Dabei half, dass der wichtige Anleihehandel besser lief als erwartet – schließlich hatten die US-Banken eher maue Ergebnisse geliefert. Analyst Ingo Frommen von der LBBW blieb skeptisch: „Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass ein großer Teil Bewertungseffekten geschuldet ist.“

Cryan hat bereits klargemacht, dass er Bereiche des Kapitalmarktgeschäfts, die besonders viel Kapital verschlingen, stutzen will, während Jain hier lange gezögert hat. Das bekräftigte Cryan nun: „In der Investmentbank wollen wir investieren, aber auch das bilanzintensive Geschäft – einen Luxus, den wir uns nicht mehr erlauben können – reduzieren.“

Im Privatkundengeschäft stand im zweiten Quartal ein Ergebnis von 483 (379) Millionen Euro zu Buche – eine gesunkene Risikovorsorge im Kreditgeschäft bügelte die Belastungen der Zinsflaute aus. Zulegen konnte die Deutsche Bank auch im Zahlungsverkehr und der Vermögensverwaltung, während die interne „Bad Bank“ ihren Verlust deutlich ausweitete.