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29/09/2016

Brexit: Londoner Finanzsektor bereitet Notfallszenarien vor

Finanzen und Wirtschaft

Brexit: Londoner Finanzsektor bereitet Notfallszenarien vor

Die City of London

[Pulseman/Flickr]

Knapp einen Monat vor dem Referendum über einen Verbleib Großbritanniens in der EU wappnet sich der Londoner Finanzsektor für die Brexit-Gefahr. Unterdessen hielten die EU-Staaten ein vertrauliches Treffen zu einer abgestimmten Reaktion auf den Brexit ab.

Überall in den Wolkenkratzern der City stellen sich Banken, Versicherungen und Börsenplätze dieselbe Frage: Was ist, wenn die Briten für EU-Austritt stimmen? Die Vorbereitungen für Plan B laufen dabei ebenso fieberhaft wie diskret.

Stärkere Schwankungen der Märkte, erschwerte Zugangsbedingungen zum EU-Binnenmarkt, internationale Handelsbeziehungen ungewiss – die kurz- und langfristigen Folgen eines Brexit wären vielfältig. Großbanken wie HSBC und Deutsche Bank haben schon mit der Geschäftsverlagerung in andere Länder gedroht. Die Bank of England wird in den Wochen rund um das mit Spannung erwartete Referendum die Liquidität erhöhen, um eine Kreditklemme wie in der
Finanzkrise 2008-2009 zu verhindern.

Womit die Unternehmen im einzelnen ihre „Werkzeugkästen“ für den Fall eines Austritts aus der EU ausstatten, darüber schweigen sie. „Wir haben Notfallpläne, an denen wir sehr hart arbeiten“, sagt John Nelson vom
Versicherungsmarkt Lloyd’s, ohne Details zu nennen.

Treffen der EU-Staaten für abgestimmte Reaktion

Vertreter der Europäischen Union und der Mitgliedsstaaten hielten unterdessen Insidern zufolge ein vertrauliches Treffen zu einer abgestimmten Reaktion auf einen etwaigen EU-Austritt Großbritanniens ab.

Bei der Sitzung am Montag sei das Thema gewesen, wie in man in den ersten Stunden nach einem Ja beim Referendum im Juni vorgehen würde, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch von mehreren mit dem Vorgang vertrauten Personen. „Es geht darum, etwas vorbereitet zu haben und nicht bis zum Tag nach dem 23. Juni zu warten.“ Das Treffen sei vom Stabschef des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, Martin Selmayr, geleitet worden. Auch hochrangige Diplomaten aus Deutschland und Frankreich hätten teilgenommen.

Ein Sprecher der Kommission sowie deutsche und französische Vertreter lehnten Stellungnahmen zu den Angaben ab. Der Kommissionssprecher betonte, man bereite sich darauf vor, dass Großbritannien in der Union bleibt. „Wir haben keinen ‚Plan B'“, sagte er.

Finanzdienstleister werden vor allem versuchen, ihre Reserven aufzustocken

Für die Wirtschaftsprofessorin Anastasia Nesvetailova von der City University London ist klar: Große Finanzdienstleister werden vor allem versuchen, ihre Reserven aufzustocken – also Bargeld, hochwertige Finanztitel
und andere Wertpapiere, die von einem Brexit nicht in Mitleidenschaft gezogen würden.

Ferner erstellten die Finanzinstitutionen bewusst pessimistische Szenarien, um die möglichen Risiken abzuschätzen, sagt die Ökonomin. In ihren Stresstests müssten sie auch „massive und verlängerte Liquiditätskrisen“ überstehen können.

Und nicht zuletzt wird der Personalbedarf auf den Prüfstand gestellt, sollten Aktivitäten aus London verlagert werden. Im Fall eines Brexit könnten rund 100.000 Arbeitsplätze in der City verloren gehen, wie die Lobbyfirma
TheCityUK errechnet hat. Das wäre fast jeder 7. Job.

Die größte britische und europäische Bank HSBC hat gewarnt, dass sie allein rund eintausend Arbeitsplätze nach Paris verlagern würde. Auch die Deutsche Bank, die rund 9000 Arbeitnehmer in Großbritannien beschäftigt, prüft nach
eigenen Angaben mögliche Verlagerungen. Es gebe die „konkrete“ Gefahr, dass Mitarbeiter aus dem Finanzsektor nach Dublin, Frankfurt oder Paris versetzt würden, sagt auch Nesvetailova.

Laut einer Studie der HSBC könnte ein Brexit das britische Pfund um bis zu 20 Prozent fallen lassen, während die Inflation auf fünf Prozent stiege. Auch die Zinssätze würden demnach in die Höhe schießen, neben einem Anstieg der
Lohnkosten. Die Wachstumsrate würde laut HSBC dagegen um bis zu 1,5 Prozent sinken.

Dennoch halten sich die meisten Unternehmen im Finanzsektor bedeckt mit einer Empfehlung zum Referendum am 23. Juni. Institute wie die Royal Bank of Scotland beziehen nicht offiziell Position, sprechen aber von gewissen
„Risiken“, die eine Scheidung von Brüssel mit sich brächte. Die Bank of England, der Internationale Währungsfonds (IWF), der britische Industrieverband und TheCityUK sprechen sich offen für einen Verbleib in der
Europäischen Union aus.

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