BDI: „Abschottungstendenzen sind Gift“

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"Wer nur auf die automobile Handelsbilanz schaut, sieht nicht das gesamte Bild", betonte Wissmann. [John Lloyd/Flickr]

Angesichts der wachsenden Widerstände gegen die Globalisierung sieht die Industrie Gefahren für ihre Geschäfte und Arbeitsplätze. Der deutsche Wohlstand sei schließlich zu 87 Prozent abhängig vom Außenhandel.

Dass die deutsche Wirtschaft zu den Exportchampions gehört, ist inzwischen eine Binse. Dass sich die Stimmung in der deutschen Öffentlichkeit gegen einen freien Welthandel wendet, ist seit der Debatte um ein transatlantisches Freihandelsabkommen (TTIP) eine neuere Entwicklung. Und eine riskante, die insbesondere der Industrie zunehmend Sorgen bereitet, zumal sich auch in anderen wichtigen Staaten wie Großbritannien (Brexit) und den USA (Trump gegen Freihandelsabkommen) die Stimmung ins national-retardierende dreht. Grund genug für den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), auf die krasse Bedeutung des Weltmarktes mit Fakten hinzuweisen.

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Nach dem Sieg von Donald Trump fürchten Deutschlands Unternehmen eine Abschottung der US-Wirtschaft. Gegenüber Freihandel hatte sich Trump im Wahlkampf skeptisch geäußert.

„Der Außenhandel macht mittlerweile eine Größenordnung von 87 Prozent des deutschen BIP aus“, sagt BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber der WirtschaftsWoche. Lediglich Südkorea ist noch abhängiger mit einem Wert von fast 88 Prozent, während die USA auf vergleichsweise geringe 28 Prozent kommen, so eine Studie der Welthandelsorganisation Unctad. Umso mehr muss Deutschland für freie Marktzutritte kämpfen. Kerber: „Abschottungstendenzen sind Gift.“

Mit Zahlen versucht die Wirtschaft gegen Stimmungen anzukämpfen. Das überzeugt natürlich in Zeiten hohen Wohlstands, einer zunehmenden Gedankenlosigkeit über die ökonomischen Grundlagen unseres Volkseinkommens und einer Geld-ist-nicht-alles-Bewegung immer weniger. Und dennoch kann es helfen, sich die Zahlen zu veranschaulichen, um sich die möglichen Folgen einer Antifreihandelsstimmung zu vergegenwärtigen und mit einzukalkulieren. Wenn rund 80 Prozent der deutschen Automobilproduktion für den Export bestimmt ist, lässt sich leicht ausmalen, was bei einer Rückkehr zu einer nationalen Ökonomie hierzulande mit den VW-, BMW– oder Daimler-Werken geschehen würde.

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Europa wird einer Studie zufolge in den kommenden Jahrzehnten deutlich an wirtschaftlichem Gewicht einbüßen. Deutschland werde demnach seinen Platz unter den größten Volkswirtschaften räumen – und weit hinter Nigeria und zahlreichen asiatischen Ländern landen.

Die wirtschaftlichen Verflechtungen gehen über den reinen Austausch von Gütern und Dienstleistungen hinaus. Laut BDI haben Ausländer in Deutschland bisher über 480 Milliarden Euro investiert und sind für fast drei Millionen Arbeitsplätze verantwortlich.

Wahr ist auch, dass deutsche Unternehmen umgekehrt noch viel mehr Geld im Ausland investieren. Laut BDI verfügen deutsche Unternehmen über Investitionsbestände im Ausland von knapp einer Billion Euro und haben dort 6,7 Millionen Arbeitsplätze geschaffen. Das können Arbeitnehmer in Deutschland als Bedrohung verstehen. Tatsächlich gehen Jobs hierzulande verloren, wenn es sich anderswo günstiger produzieren lässt. Und die Digitalisierung, die nun die Wirtschaft mit Macht erreicht, befeuert den Strukturwandel und schürt Ängste. Allerdings ist es noch nie gut gegangen wenn Länder versucht haben, sich mit protektionistischen Mitteln gegen die Zeitläufte zu stemmen.

Wichtiger und richtiger ist es, Globalisierung und Digitalisierung als Herausforderung anzunehmen und zu versuchen, aus dem globalen Strukturwandel als (globaler) Gewinner hervorzugehen. Voraussetzung dafür ist wiederum „Offenheit“, meint BDI-Hauptgeschäftsführer Kerber. Und Transparenz beziehungsweise Kenntnis über die möglichen Konsequenzen einer Verschlossenheit.

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