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26/08/2016

Banken-Stresstest der EZB: Kernschmelze in Italien

Finanzen und Wirtschaft

Banken-Stresstest der EZB: Kernschmelze in Italien

25 europäische Banken sind beim EZB-Stresstest durchgefallen. Aus Deutschland: die Münchener Hypothekenbank. Foto: dpa

Die meisten Großbanken in der Euro-Zone würden laut den aktuellen Stresstests eine erneute Finanzkrise überstehen. Doch es gibt keinen Grund zur Entwarnung, meinen Experten. Gleich neun italienische Geldhäuser rasselten durch den Bilanzcheck der Europäischen Zentralbank. Und auch deutschen Banken haben Mängel.

Zu diesem Ergebnis kommt die Europäische Zentralbank (EZB), die in den vergangenen zwölf Monaten die 130 wichtigsten Geldhäuser der Region auf Herz und Nieren geprüft hat. Es war der umfassendste Stresstest des Bankensystems aller Zeiten. Nur 25 Institute patzten, bei ihnen ergab sich ein Kapitalloch von insgesamt 25 Milliarden Euro. Doch dieses ist zum größten Teil schon gestopft. 

Krisenfälle gab es vor allem in den südlichen Euro-Staaten: Allein in Italien fielen neun Institute durch, in Griechenland und Zypern je drei. In Deutschland riss wie erwartet nur die Immobilienbank MünchenerHyp die Latte, sie hat die Kapitallücke aber schon geschlossen. Die anderen 23 deutschen Teilnehmer kamen durch, darunter Deutsche Bank, Commerzbank und die Landesbanken.

Exakt um 12 Uhr mittags veröffentlichte die EZB am Sonntag die mit Spannung erwarteten Ergebnisse. Die Notenbank wollte mit dem Gesundheitscheck sicherstellen, dass keine Altlasten mehr zum Vorschein kommen, wenn sie am 4. November die Aufsicht über die wichtigsten Banken in der Euro-Zone übernimmt.

Vizepräsident Vitor Constancio zog eine positive Bilanz: “Diese bislang nicht dagewesene tiefgehende Prüfung der Bilanzen der Großbanken wird das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Bankensektor stärken.” Er hofft, dass die Institute jetzt auch wieder mehr Geld in die schwächelnde Wirtschaft im Euro-Raum pumpen.

Ob diese Rechnung aufgeht, ist allerdings ungewiss. Experten weisen darauf hin, dass Unternehmen schlichtweg zu wenig Kredite nachfragen. Es sei daher “extrem unwahrscheinlich”, dass hier mehr Bewegung reinkomme, sagte etwa Erik Nielsen, Chefvolkswirt der Großbank Unicredit. Außerdem zeigte sich bei der Prüfung, dass in den Büchern der Institute noch 136 Milliarden Euro mehr faule Kredite schlummern als angenommen.

Die Aufräumarbeiten sind also längst nicht vorbei, wie auch der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken, Michael Kemmer, einräumte. Es liege noch “eine Menge Arbeit vor den europäischen Banken, um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken”, erklärte er.

Auch die Chefin der deutschen Finanzaufsicht BaFin, Elke König, sieht noch keinen Grund zur Entspannung für die hiesigen Institute: “Alle Teilnehmer stehen solide da – auch wenn sie sich auf ihren Lorbeeren nicht ausruhen dürfen.”

Schlechte Noten für Banken aus Südeuropa

Der Gesundheitscheck bestand aus einer intensiven Prüfung riskanter Positionen in den Bilanzen und einem Stresstest. Bei diesem mussten die Institute beweisen, dass sie auch einen schweren Einbruch der Konjunktur überstehen könnten, ohne mit Steuergeld aufgefangen zu werden.

Beim Stresstest zeigte sich nach Angaben der EZB, dass das Eigenkapital aller geprüften Banken zusammen im schlimmsten simulierten Krisenfall um 263 Milliarden Euro abschmelzen würde. Dies entspricht einem Rückgang der Eigenkapitalquote von 12,4 Prozent auf 8,3 Prozent.

Beim Bilanzcheck (Asset Quality Review) zeigte sich laut EZB, dass in den Büchern der Banken faule Kredite im Volumen von insgesamt 879 Milliarden Euro schlummern.

Das größte Loch in der Bilanz hätte in der simulierten Wirtschaftskrise die traditionsreiche Banca Monte dei Paschi aus Italien mit allein 2,1 Milliarden Euro. Dahinter folgen die griechische Eurobank (1,76 Milliarden Euro) und die portugiesische Millennium BCP (1,15 Milliarden Euro).

Durchgefallen sind zudem jeweils drei Geldhäuser aus Griechenland und aus Zypern, Dexia und Axa Bank Europe aus Belgien sowie zwei Banken aus Slowenien. In Österreich fiel die Krisenbank ÖVAG durch. Das Institut hatte das bereits erwartet und vor drei Wochen seine Abwicklung 

Erleichterung bei Landesbanken

Die deutschen Banken kamen im Krisen-Szenario im Schnitt auf eine harte Kernkapitalquote von 9,1 Prozent, wie BaFin und Bundesbank mitteilten. Mindestens nötig waren 5,5 Prozent. Die Latte gerissen hat hierzulande wie erwartet nur die Münchener Hyp. Denn sie hatte schon Ende 2013 nicht genügend Kapital, um die zu diesem Zeitpunkt geforderten acht Prozent Quote zu erreichen. Nach einer rund 400 Millionen Euro schweren Kapitalerhöhung 2014 ist das Kapitalloch aber bereits gestopft.

Von den Landesbanken galt zuletzt vor allem die HSH Nordbank als Wackelkandidatin. Sie wurde im Stresstest zwar kräftig durchgeschüttelt, kam am Ende aber knapp durch. Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon zeigte sich angesichts der Ergebnisse aller Landesbanken erleichtert. Die Ergebnisse zeigten, dass die Institute seit der Finanzkrise kräftig umgebaut hätten und heute deutlich stabiler seien als auf dem Höhepunkt der Krise 2008.

Stresstests sind nur “Zwischenergebnis”

Politiker aus dem Regierungs- wie dem Oppositionslager sprachen am gestrigen Sonntag lediglich von einem Zwischenergebnis. Sie sehen noch Schwachstellen, etwa die vielen faulen Kredite in den Bankenbilanzen. “Das ist nur eine Etappe und kein Grund für eine voreilige Entwarnung”, sagte der Obmann der Unionsfraktion im Bundestags-Finanzausschuss, Hans Michelbach, der Nachrichtenagentur Reuters.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble reagierte indes erleichtert. “Die Ergebnisse bestätigten meine Eindruck, dass die deutschen Banken gut vorgesorgt haben”, sagte er.

Bei Schieflagen haftet der Staat erst am Schluss”

Schäuble wies darauf hin, dass die europäischen Banken, die nun schnell ihre Kapitallücke schließen müssen, kaum auf Staatsgelder hoffen dürfen. Erst müssten sie ihre eigenen Möglichkeiten nützen, dann nach der verabredeten Haftungskaskade würden Gläubiger und Großanleger herangezogen. “Staatliche Mittel stünden dabei an letzter Stelle”, unterstrich Schäuble.

Die Landesminister für Wirtschaft und Finanzen von Hessen, Tarek Al-Wazir und Thomas Schäfer, äußerte die Hoffnung, dass nun mehr Vertrauen in die Bilanzen der Banken zurückkehrt.

Griechenlands Regierungschef Antonis Samaras sprach davon, dass die Test-Ergebnisse für die Banken seines Landes – obwohl nicht alle ihn bestanden – alle Erwartungen übertroffen hätten. Auch Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy reagierte erleichtert auf die Bewertung der Institute seines Landes.

Deutsche Finanzpolitikern üben harsche Kritik

In den Reaktionen deutscher Finanzpolitiker überwog bei aller Erleichterung die Vorsicht. Als Alarmsignal, das “wie ein Damoklesschwert über den Bankenbilanzen schwebt” bezeichnete Michelbach die rund 880 Milliarden Euro an faulen Krediten, die laut EZB auf die geprüften 130 Institute entfallen.

Unionsfraktionsvize Ralph Brinkhaus betonte, die Kapitalausstattung und die Liquidität der Institute müssten weiter verbessert werde. “Es besteht kein Anlass zur Beruhigung”, lautete sein Fazit. Brinkhaus’ SPD-Kollege Carsten Schneider forderte die Banken auf, namentlich in Deutschland, mit dem erhaltenen Vertrauensvorschuss nunmehr ihre Kreditvergabe auszuweiten und damit das Wachstum anzukurbeln. 

Im Übrigen müsse mehr getan werden, um das Bankensystem in den Ländern zu stärken, in denen Geldhäuser den Stresstest nicht bestanden haben. Wie Schäuble warnte auch er diese Banken vor der Hoffnung auf Staatsgelder. Die EU-Kommission müsse strikt darauf achten, dass nicht unerlaubte Staatsbeihilfen fließen. 

Der CDU-Haushaltspolitiker Norbert Barthle verlangte von der EZB, durchgefallene Finanzinstitute nicht durch den Ankauf schlechter Papiere zu stützen. “Die EZB hat versichert, nur Papiere mit Premium-Bewertung zu kaufen. Ich gehe davon aus, dass dies auch eingehalten wird”, sagte Barthle im Gespräch mit Reuters mit Bezug auf die von der EZB begonnenen Ankäufe von Pfandbriefen.

Später will die EZB auch Kreditverbriefungen ankaufen, sogenannte ABS-Papiere. In ABS-Papieren können Banken Kreditrisiken bündeln, aus der Bilanz auslagern und am Markt bei Investoren platzieren.

Der Grünen-Finanzpolitiker Gerhard Schick nannte den EZB-Stresstest einen “Zwischenschritt” bei der Stabilisierung des europäischen Bankensystems. Der Test zeige, dass bei vielen Banken in Europa das Eigenkapital noch nicht ausreiche. Generell seien Europas Geldhäuser zu niedrig kapitalisiert – gerade auch die deutschen. 

Schicks Kollege im Europaparlament, Sven Giegold, bemängelt die Analysemethode der Stresstests: “Durch die Fokussierung des Tests auf einzelne Banken bleibt der wahre Zustand von Europas Bankensystem weiter im Dunkeln”, so Giegold. Ein zu optimistisches Bild der tatsächlichen Risiken drohe so die Anstrengungen zu bremsen, Banken und Finanzmärkte effektiv zu regulieren. 

Dennoch seien die Stresstests ein wichtiger Meilenstein für Europas Bankenaufsicht und die Transparenz des Finanzsektors. Die dreckigsten Ecken des Finanzsystems seien markiert worden, der labile Zustand des Finanzsystems in Europa sei aber außerhalb der Analyse geblieben.

Auch der Linken-Europaabgeordnete Fabio de Masi kritisiert die Lückenhaftigkeit der Prüfung: „Der Stress im Bankensektor ist nicht vorbei. Steuerzahler werden auch nach den Tests weiter für Zombie-Banken haften“, sagt De Masi.

„Die Schattenbanken werden weder von Aufsicht noch Stresstest erfasst. Die Finanzkrise hatte aber dort ihren Ursprung”, so De Masi weiter. Die Stresstests beruhten zudem auf einer statischen Analyse von Bankbilanzen und würden so systemische Risiken, also die Vernetzung des Bankensektors, weitgehend ausblenden.

An der größten Bankenprüfung in Europa aller Zeiten waren tausende Bankaufseher, Wirtschaftsprüfer und Juristen in ganz Europa beteiligt. Laut EZB analysierten sie alleine beim Stresstest etwa 40 Millionen Daten, die ihnen von den Banken geliefert wurden. Die Prüfung der Bilanzen erstreckte sich auf 82 Prozent der Posten in den Bilanzen aller Banken in der Euro-Zone sowie dem ab Januar zur Währungsunion gehörenden Litauen.