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24/07/2016

Anleihekaufprogramm der EZB fördert ungleiche Verteilung von Vermögen

Finanzen und Wirtschaft

Anleihekaufprogramm der EZB fördert ungleiche Verteilung von Vermögen

Das Anleihekaufprogramm der EZB fördert die Vermögensungleichheit - zumindest kurzfristig.

Die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank ist hoch umstritten – und kommt zurzeit vor allem wohlhabenden Haushalten zugute. Dies zeigt ein Bericht, der erstmals den Einfluss des Anleihekaufprogramms auf die Vermögensungleichheit untersucht hat.

Seit EZB-Chef Mario Draghi 2012 ankündigte, zur Beruhigung der Finanzmärkte notfalls unbegrenzt Anleihen aufzukaufen, reißt die Debatte um Nutzen und Schaden dieser Entscheidung nicht ab. Kritiker wie etwa der ehemalige CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler hatten sogar vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt.

Ihr Vorwurf: Mit dem Ankauf von Staatsanleihen könnten die Haushalte überschuldeter Staaten per Notenpresse finanziert werden – wofür etwa die Bundesrepublik letztlich mit haften müsste. Laut EuGH-Urteil habe die EZB schließlich vorrangig die Preisstabilität zu gewährleisten, soll aber zudem “ohne Beeinträchtigung dieses Ziels die allgemeine Wirtschaftspolitik der Union unterstützen”.

Doch einer weiteren heikle Frage wurde bislang wenig Beachtung geschenkt: Wie wirkt sich das Anleihekaufprogramm auf die Einkommens- und Vermögensungleichheit im Euroraum aus?

Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) haben das erstmals untersucht. Das Ergebnis der Analyse von Benjamin Beckers, Kerstin Bernoth und Philipp König lautet: Kurzfristig haben bislang vorrangig wohlhabende Haushalte profitiert.

Niedrige Zinsen steigern Nachfrage nach Aktien und Immobilien

Da Aktien, Anleihen und Immobilien hauptsächlich von Vermögenden und nicht von ärmeren Menschen gehalten werden, ist es wahrscheinlich, dass die Vermögensungleichheit zunächst erst einmal steigt“, so die Autoren. Ein Grund: Die niedrige Verzinsung im Euroraum heizt die Nachfrage nach alternativen Anlageprodukten wie Aktien und Immobilien an – wodurch deren Preise steigen.

Dies dürfte sich vorerst nicht ändern. Seit März 2015 und mindestens bis März 2017 kauft die EZB für 60 Milliarden Euro im Monat Schuldtitel von Unternehmen und Staaten des Euroraums, um die Deflationsgefahr zu bannen.

Wer dabei langfristig die Gewinner und wer die Verlierer sein werden, dazu brauche es noch mehr Forschung, meint Bernoth. Klar sei aber: Da Aktien, Anleihen und Immobilien vorrangig von den vermögenderen und nicht von den ärmeren Haushalten angeschafft werden, ist es wahrscheinlich, dass die Vermögensungleichverteilung in der kurzen Frist zunehmen wird, weil die wohlhabenderen Haushalte von den Vermögenspreisanstiegen eher profitieren.

Nur zwei Prozent der wenig Vermögenden legt in Aktien an

Aktuell haben im Euroraum knapp 25 Prozent der Gruppe mit dem obersten Einkommen einen Teil ihres Vermögens direkt in Aktien angelegt. Von jenen Europäern, die der untersten Einkommensstufe angehören, tun dies hingegen nur für zwei Prozent.

Bernoth warnt darum: „Je länger das Zinsniveau auf einem so niedrigen Niveau verharrt und je mehr die EZB in die Anleihenmärkte eingreift, desto mehr müssen wir uns mit dem Thema Verteilung auseinandersetzen und umso größer werden die Verteilungseffekte wahrscheinlich wirken.“

Die mutmaßlich gestiegene Vermögensungleichheit sei auch darauf zurückzuführen, dass Zentralbanken mit Verweis auf ihr Mandat in diesem Punkt selber eine Haltung „wohlwollender Vernachlässigung“ (benign neglect) einnahmen“, sagt Bernoth. Die EZB arbeite vorrangig auf  Preisstabilität hin. Nur wenn dieses Ziel erreicht sei, soll die Zentralbank die allgemeine Wirtschaftspolitik im Euroraum unterstützen, um insbesondere zu Vollbeschäftigung und Wirtschaftswachstum beizutragen.

Wie sich Anleihekäufe langfristig auswirken, sei jedoch derzeit völlig unklar, so die Autoren der Analyse. Es gebe aber auch Hoffnung für jene Europäer mit wenig Vermögen: Geringverdienende oder verschuldete Haushalte könnten langfristig profitieren, wenn das Programm zu einer wirtschaftlichen Erholung beiträgt, die zu besseren Beschäftigungschancen und einer höheren Inflation führt.