Vorsitzende des Frauenforums: Europa als größter Markt der Welt hat enormes Potenzial

Clara Gaymard, geschäftsführende Vorsitzende des Women's Forum for the Economy and Society [Daniela Vincenti]

In Zeiten des Zweifels an der Zukunft der EU solle Europa seinen Ehrgeiz wiederentdecken, fordert die geschäftsführende Vorsitzende des Frauenforums. Der größte Markt der Welt und seine hochgebildete Arbeiterschaft hätten enormes Potential.

Wir müssen zurück zu unseren Wurzeln; das würde unserem Optimismus einen Schub geben. Ich mag wirklich, was einer der Gründungsväter der EU, Robert Schuman, mal gesagt hat: ‚Europa zu gestalten ist so schwierig und komplex. Wenn Sie scheitern, war das kein Fehler sondern nur ein weiterer Schritt’”, so Clara Gaymard.

Clara Gaymard ist geschäftsführende Vorsitzende des Women’s Forum for the Economy & Society, die führende Plattform für die Sicht von Frauen auf große soziale und wirtschaftliche Themen. Gaymard ist außerdem Gründerin von Raise France, einer Investmentfirma und Stiftungsfonds in Paris.

Sie sprach am Rande des Frauenforums in Rom mit EURACTIV.com-Chefredakteurin Daniela Vincenti.

Sie führen das Frauenforum nun seit drei Jahren. Diese Veranstaltung in Rom hat den Fokus Europa. Wie sollen wir die Probleme der EU am besten angehen?

Ich möchte mich zunächst bei unserer Geschäftsführerin Chiara Corazza, die dieses heutige Forum erst möglich gemacht hat, bedanken. 60 Jahre nach der Unterzeichnung der Verträge von Rom haben Frauen sehr viel von Europa profitiert – aber sie waren auch wichtige Mitgestalterinnen. Es geht heute darum, zu zeigen, was Frauen von Europa erwarten können und was sie Europa geben können.

Weil wir Frauen sind und uns besonders mit den jeder Frau der Welt innewohnenden Fähigkeiten, ihre Situation zu verbessern, beschäftigen, haben wir auch viele Frauen aus dem Mittelmeerraum hierhin eingeladen. Europa bedeutet nichts, wenn es nicht auch heißt, Anderen die Möglichkeit geben, ihre Lebensumstände zu verbessern. Mit diesem Forum soll die Stimme der Frauen in Europa hörbar gemacht werden.

Südeuropa sieht sich grade einer Flüchtlingskrise gegenüber. Glauben Sie, dass Frauen ein besseres Verständnis für Migrationsentwicklungen haben?

Ich will nicht sagen „Frauen sind so und Männer sind so“. Das ist das, wogegen wir als Feministinnen ankämpfen. Natürlich ist es nicht so, dass alle Frauen lieb, nett und süß sind, und alle Männer auf Krawall gebürstet. Ich hasse Stereotype.

Ich würde es also nicht so formulieren wollen. Es kann aber sein, dass wir als Frauen eine pragmatischere Sicht haben. Wir sehen Dinge, wie sie sind, und nicht, wie wir sie uns wünschen würden.

Und so sehen wir auch, dass die Situation der Frauen in der Welt bei weitem nicht befriedigend ist. Das können wir nicht hinnehmen. Im Forum sehen wir es so: wir hatten das Glück, eine Ausbildung zu genießen, einen Job, eine Familie zu haben. Und mit diesen Voraussetzungen im Rücken wollen wir helfen, dass Andere auch eine Stimme haben und als aktiv-handelnde Personen auftreten können.

Es ist wichtig, dass dieses Forum in Rom stattfindet. Hier wurden die Verträge von Rom unterzeichnet, die allen Bürgern und Bürgerinnen Frieden, Freiheit, Respekt vor anderen Kulturen und Vielfalt bringen sollten. Das sind auch unsere Ziele und wir wollen diese Philosophie wiederbeleben. Wir wollen sie erneut ausdrücken und uns für diese Ziele einsetzen.

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Gleichberechtigung der Geschlechter ist nach wie vor Wunschdenken. Wie können wir den Prozess vorantreiben? Brauchen wir Frauenquoten?

Jahrelang herrschte diese eine Sichtweise vor: „wir führen Gesetze zur Gleichberechtigung ein und das wird dann schon reichen.“ Aber das stimmt nicht. Es muss auch freiwilliges Handeln geben; man muss wachsam sein und beobachten, was passiert. Ja, wir haben gewisse Gesetze und es ist gut und richtig, dass es sie gibt. Aber das ist noch nicht genug.

Wir wollen echte Auswirkungen erzielen – nicht lediglich, um Frauen zu fördern, sondern weil wir glauben, dass Frauen etwas Neues, etwas Anderes voranbringen können.

In dieser Hinsicht sind Frauen unausgeschöpftes Potential. Unter den Vorstandsvorsitzenden der Welt sind nur ca. 4 Prozent weiblich. Uns geht da so viel verloren. In dieser Hinsicht muss sich noch viel ändern, und wir müssen uns dafür einsetzen, sonst riskieren wir Rückschritte. Solche Rückschritte gibt es bereits in einigen Ländern, gar nicht weit weg. Es gibt Frauen in London, Paris, Rom, die gezwungen werden, zu Hause zu bleiben. Es geht hier nicht um Religion, es geht um Respekt für andere Menschen. Wenn wir nicht jeden Tag darauf hinweisen und Alarm schlagen, werden solche Zustände von einigen Menschen als normal angesehen.

Wie können wir Frauen aus der Mittelmeerregion ermutigen, aufzustehen und ihre Meinung zu sagen? Viele von ihnen fühlen sich unsicher und in Gefahr.

Das ist kein Gefühl – sie sind tatsächlich in Gefahr. Aber sie sind mutig; viele von ihnen riskieren sogar ihr Leben. Wir müssen sie unterstützen. Wir müssen dafür sorgen, dass die heutigen Gegebenheiten nicht als normal akzeptiert werden.

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Sie haben General Electrics verlassen und eine eigene Firma aufgebaut, die in kleine bis mittelständische Betriebe und andere Unternehmen investiert, die von Frauen geleitet werden und Frauen fördern. Ist der wirtschaftliche Weg ein guter Ansatz für Gleichberechtigung? Oder halten Sie Investitionen in Kultur und Bildung für den wichtigeren Weg?

Jeder macht Politik. Egal, wo Sie sind. Auch als Mutter, die zu Hause bleibt: die Art, wie Sie Ihre Kinder erziehen, ist politisch. Wir können uns nicht nur beschweren und sagen „wir haben eine schlechte Regierung oder schlechte Politiker“. Wir sind alle ein Teil der politischen Gesellschaft.

Es stimmt: Bildung ist der Schlüssel. Gebildete Frauen werden ihre Kinder ebenfalls bilden und ähnlich großziehen. Das sehen Sie in Indien. Auch das Unternehmerinnentum ist wichtig. Immer, wenn unser Unternehmen Geld an eine Firma geben will, frage ich nach, ob es eine Frau im Entscheidungsteam gibt. Wenn nicht, gibt es kein Geld – auch, wenn das Projekt an sich toll ist.

Mein Partner im Unternehmen ist ein Mann, ein großartiger Geschäftsmann, der Frauen immer gefördert hat. Aber als wir starteten, wollte er zunächst drei Männer einstellen. Ich machte ihm klar, dass ich unter diesen Umständen nicht miteinsteigen kann. Ich wollte ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Daraufhin erklärte er, dass es im Investment-Business nur sehr wenige Frauen gibt; fünf Prozent, um genau zu sein. Ich sagte: „dann müssen wir genau zwei Frauen von diesen fünf Prozent einstellen” – und das haben wir dann getan.

Die Europäische Kommission hatte bindende Frauenquoten ins Spiel gebracht. Sind solche Quoten der richtige Ansatz, wenn es keine Veränderung in der Mentalität gibt?

Ich glaube schon, dass Quoten richtig sind. In Frankreich wurde eine Frauenquote für Vorstände eingeführt. Die Wirtschaft wehrte sich dagegen; das sei ein Eingriff in ihre Freiheit als Unternehmer. Außerdem argumentierten sie, sie wollten ja Frauen einstellen, könnten aber keine finden. Die Quote werde zu Qualitätsminderung führen usw. Wenn Sie sich aber die Resultate heute anschauen, sehen Sie, dass nicht nur 40 Prozent der Vorstände mit Frauen besetzt sind, sondern auch, dass die Einstellungsverfahren sehr viel professioneller geworden sind.

Auch das französische Parlament besteht heute zu 46 Prozent aus Frauen. Wenn man Quoten setzt, zwingt man die Leute, die richtige, passende Frau für den Job zu finden.

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Die EU befindet sich in einer Phase der Reflexion, des Nachdenkens über ihre Zukunft. Wenn Sie als Geschäftsfrau, die in und mit verschiedenen Kulturen gearbeitet hat, eine Vision für Europa entwerfen sollten: wie würde sie aussehen?

Ich  habe kein Geheimrezept, aber ich habe einen Traum. Es läuft auf Ehrgeiz und Ambition hinaus. Europa ist der größte Markt der Welt. Die Diversität der Kulturen und der Menschen hier gibt uns in der modernen Welt viele Möglichkeiten. Die Kreativität ist auf einem Höchststand, die Menschen sind sehr gut gebildet und ausgebildet. Das Potential Europas ist also riesig – größer, als das der USA oder Chinas.

Europa darf sich nicht selbst bekriegen, sondern muss sich bewusst werden, dass es für eine Kultur, ein Streben und eine Macht steht, die die Welt verändern kann.  Wir müssen zurück zu unseren Wurzeln; das würde unserem Optimismus einen Schub geben. Ich mag wirklich, was einer der Gründungsväter der EU, Robert Schuman, mal gesagt hat: „Europa zu gestalten ist so schwierig und komplex. Wenn Sie scheitern, war das kein Fehler sondern nur ein weiterer Schritt.”

Mein Traum ist, dass wir wieder Führer haben, die verstehen, dass es keinen anderen Weg als den weiteren Aufbau Europas geben kann. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Kultur verlieren. Im Gegenteil, wenn wir stark und selbstbewusst unsere Kultur vertreten, können wir auch ein stärkeres Europa bauen.

Das ist mein Traum. Der Schlüssel dazu heißt Respekt. Churchill sagte mal: „Der Schlüssel zum Erfolg ist, von einem Misserfolg zum anderen zu gehen, ohne seine Begeisterung zu verlieren.“