Guy Standing zu bedingungslosem Grundeinkommen: „Mehr Gerechtigkeit, mehr soziales Kapital“

Guy Standing: „Unser Reichtum und unsere Einkommen werden sehr viel mehr von unseren Eltern oder Generationen vor Ihnen beeinflusst, als von uns selber.“ [pbombaert/Shutterstock]

99 Prozent der Menschen wollen ihr Leben verbessern – daran würde ein bedingungsloses Grundeinkommen nichts ändern. Doch würde es positive Effekte haben, wenn Menschen keine Jobs mehr machen, die sie hassen, sagt Guy Standing im Interview mit EURACTIV Poland.

Professor Guy Standing forscht an der School of Oriental and African Studies der University of London und ist Ko-Vorsitzender des Basic Income Earth Network (BIEN).

Standing sprach mit Karolina Zbytniewska, Chefredakteurin von EURACTIV.pl.

Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) bedeutet, dass jeder Mensch in einer Gemeinschaft ohne Vorbedingung einen bestimmten Betrag Geld erhält. Wie kann man sowas finanzieren?  

Das BGE lässt sich moralisch und philosophisch rechtfertigen. Das überwiegt jegliche Argumente der ökonomischen Effizienz. Es geht um die Abschaffung der Armut und – allgemeiner – um die Sicherung sozialer Gerechtigkeit.

Die meisten liberalen Wirtschaftswissenschaftler würden argumentieren, dass wir zumindest in den westlichen Demokratien in offenen, klassen- und kastenlosen Gesellschaften leben, in denen es jeder „vom Tellerwäscher zum Millionär“ bringen kann. Das ist doch theoretisch soziale Gerechtigkeit.

Theoretisch schon, allerdings sieht es in der Wirklichkeit so aus, dass unser Reichtum und unsere Einkommen sehr viel mehr von unseren Eltern oder Generationen vor ihnen beeinflusst werden, als von uns selber. Es hängt sehr viel von vererbtem Eigentum ab. Deswegen brauchen wir mehr soziale Umverteilung.

Wir werden nicht gleich geboren – sowohl, was unseren sozioökonomischen Background als auch unsere Talente und Fähigkeiten angeht. Dadurch ergibt sich zum Teil unsere Position in der Gesellschaft. Gleichzeitig werden wir aber auch von außen beeinflusst.

Wir nähern uns damit einem anderen grundlegenden Anliegen des BGE: Umweltgerechtigkeit. Reiche Leute verdienen Geld, indem sie die Umwelt verschmutzen und Ressourcen ausbeuten. Das Prekariat ist die Gruppe, die darunter am ehesten leidet. Das BGE würde somit das Leid kompensieren, das durch Nebeneffekte der Gewinngenerierung entstanden ist.

Soziale Gerechtigkeit ist aber nicht der einzige Vorteil. Das BGE erhöht die Freiheit, insbesondere in den heutigen Zeiten, in denen wir ständig der Überwachung und Kontrolle ausgesetzt sind. Der Kern der republikanischen Freiheit ist das Recht, NEIN zu sagen. NEIN zu einem herabwürdigenden Job, den ich nicht machen will. NEIN zu einem üblen Boss oder unmenschlichen Arbeitsbedingungen. NEIN zur bürokratischen Kontrolle eines Arbeitsamtes.

Das ist also der emanzipatorische Effekt des BGE: man muss sich nicht jeden Monat erniedrigen, um Arbeitslosenhilfe oder andere soziale Unterstützung zu erhalten.

Es gibt auch noch einen dritten fundamentalen Vorteil des BGE: es erhöht einfach die menschlichen Fähigkeiten und das soziale Kapital. Das Gefühl der Unsicherheit wirkt sich auf unseren Intellekt aus; es ist unmöglich, rationale Entscheidungen zu treffen, wenn man sich unsicher fühlt. Andersherum erhöht ein Gefühl der Sicherheit unsere mentalen Kompetenzen, unser Verstehen der Welt, unsere Toleranz und unseren Altruismus.

Das BGE wurde jetzt in einem Pilotprojekt in Finnland eingeführt: 2000 zufällig ausgewählte Arbeitslose erhalten seit dem 1. Januar zwei Jahre lang jeden Monat 560 Euro.

Das finnische Experiment ist kein BGE.

Weil es nicht für alle gilt, sondern nur auf ausgewählte Arbeitslose abzielt?

Ganz genau. Ich kann Ihnen voraussagen, dass die Ergebnisse positiv sein werden. Man wird herausfinden, dass es nicht notwendig ist, Menschen dazu zu zwingen, eine Arbeit anzunehmen. Es gibt bereits einige andere Pilotprojekte in der Welt, die einem echten BGE sehr viel näher kommen, darunter drei in Indien. Diese Projekte waren so erfolgreich, dass die indische Regierung darüber nachdenkt, ein universales BGE einzuführen. Laut Untersuchungen der Regierung kann sich Indien das leisten, wenn derzeitige Subventionen gestrichen werden, die zwar die Armen unterstützen sollen, sie aber tatsächlich nicht erreichen.

Auch ein Experiment in Ontario/Kanada ist näher an der Originalidee eines BGE. In dem Versuch wird die gesamte Bevölkerung sowie die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen untersucht. Das ist sehr wichtig. Wenn Sie nur bestimmten Leuten in der Gemeinschaft ein Grundeinkommen geben, werden die anderen – Bruder, Onkel, Nachbar – auch davon profitieren wollen.

Klar, sie würden sich ungerecht behandelt fühlen. Das wäre dann kein BGE sondern nur ein GE – ein Grundeinkommen.

Genau das ist der Fall in Finnland. Wenn jeder in einer Gesellschaft ein BGE erhält, entsteht dadurch auch ein moralischer Druck, sich verantwortungsvoll zu verhalten – das fängt schon bei den Kindern an. Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass wir Pilotprojekte haben, die so nah an einem echten BGE sind wie möglich.

Dennoch ist das Experiment in Finnland ein Schritt in die richtige Richtung, weil für die Teilnehmer die Armutsfalle beseitigt und die Sicherheit erhöht wird, und weil sie aus freien Stücken heraus unterbezahlte oder Zeitarbeitsjobs annehmen können, wenn sie möchten – nicht, weil es bürokratischen Zwang dazu gibt. In unseren heutigen Sozialsystemen werden Arbeitslose und arme Menschen dazu gezwungen, das zu tun, was die Bürokraten verlangen.

Ist das BGE eine Lösung für jedes Land und jede Kultur? In Polen haben wir beispielsweise eines der niedrigsten Level in Europa, wenn es um soziales Kapital geht. Soziale Verantwortung zu übernehmen ist nicht weit verbreitet. Schuld daran sind Jahrzehnte unter kommunistischer Herrschaft. Wenn man Männer vor einem Laden mit einer Flasche Billigwein sieht, wird oft die Verbindung gezogen, dass dieser Alkohol vom Arbeitslosengeld finanziert wird.

Experimente zum Grundeinkommen auf der ganzen Welt, in Süd- und Nordamerika, in Afrika, in Indien oder in Japan, haben alle gezeigt, dass Menschen, denen eine Grundsicherung zugestanden wird – wenn sie also sicher sein können, dass sie ihre Miete und ihre Nahrung bezahlen können – verantwortungsvoller werden und tatsächlich weniger Geld für Dinge wie Alkohol, Drogen und Tabak ausgeben.

Diese Situation mit den Männern, die Sie beschreiben, diese Verwahrlosung, ist ein Symptom einer sozialen Krankheit; davon, was man in seinem Leben durchgemacht hat, was für Niederlagen man eingesteckt hat, und wie man am Ende in einer Sackgasse landet, in der man keinen Ausweg mehr sieht.

Sie trinken nicht WEGEN der finanziellen Unterstützung, die sie erhalten. Es ist unverantwortlich, ihnen Geld zu geben, ohne sie auch bei einer Verbesserung ihrer Umstände zu unterstützen. Damit hilft man dabei, dass sie irgendwann wirklich am Ende sind. Dieses Bild, was sie gezeichnet haben, zeigt, dass das Sozialsystem schlecht ist, dass es seine eigenen Leute abweist.

Es mag sein, dass bei einigen Menschen auch das beste System nicht funktioniert. Aber das bedeutet ja nicht, dass es für den Großteil der Bevölkerung keine Vorteile bringt und nicht umgesetzt werden sollte.

In Polen hat die derzeitige Regierung ihr Familienprogramm durchgesetzt, unter dem jeden Familie 500 Zloty (120 Euro) pro Monat und pro Kind erhält. Die Bedingung: es dürfen keine alleinerziehenden Eltern sein. Laut Marktforschungsergebnissen arbeiten weniger gebildete Menschen und Frauen zwischen 35 und 44 Jahren dadurch weniger. Es gibt auch mehr sogenannte passive Arbeitslose, die nicht arbeiten und auch nicht nach Arbeit suchen.

Das ist ein sehr kontroverses Politikprogramm, das auf paternalistische Weise konservativ-katholische Werte durchsetzt. Dennoch: wenn arme Leute dadurch ein Einkommen haben und beispielsweise keine Toiletten mehr putzen oder gefährliche Arbeit ohne die nötigen Sicherheitsvorkehrungen machen müssen, ist das gut. Langfristig kann dies zu Verbesserungen in der Arbeitswelt führen: höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, bessere Aus- und Weiterbildung.

Wissen Sie, 99 Prozent der Menschen wollen ihr Leben verbessern – daran würde ein bedingungsloses Grundeinkommen nichts ändern. Im Gegenteil würde es positive Effekte haben, wenn Menschen keine Jobs mehr machen, die sie hassen. Jede und Jeder sollte sich fragen, ob sie solche Arbeiten selbst verrichten wollen würden, bevor sie andere Leute oder die Effekte der Projekte kritisieren.