Adair Turner: Grundeinkommen nicht das beste Mittel gegen Ungleichheit

Adair Turner ist Vorsitzender des Institute for New Economic Thinking (INET). Von 2008 bis 2013 war er Chef der britischen Financial Services Authority. [INET]

Als Vorsitzender der britischen Financial Services Authority erlebte Adair Turner den Zusammenbruch des Finanzsystems 2008 aus der ersten Reihe. Im Verlauf der Krise wurde er zu einem Hauptbefürworter des sogenannten Helikoptergeldes. Er bezweifelt aber, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen die beste Option ist, um der wachsenden Ungleichheit entgegenzutreten.

Adair Turner ist Vorsitzender des Institute for New Economic Thinking (INET). Er war Chef der britischen Financial Services Authority (2008-2013) sowie Generaldirektor der Vereinigung der britischen Industrie (CBI).  

Er sprach am Rande einer Konferenz des INET in Edinburgh (Schottland) mit Jorge Valero von EURACTIV.com.

Sie glauben, der technologische Fortschritt führe nicht dazu, dass wir mehr Freizeit haben werden. Dies sei ein Problem des gemeinschaftlichen Handelns. Was genau meinen Sie damit?

Es ist auffällig, dass in den ersten Phasen der starken Produktivitätssteigerung, zwischen 1850 und 1950, die entstandenen Vorteile auf größeren materiellen Wohlstand und weniger Arbeitsstunden aufgeteilt wurden. Damals wurde eine Reihe von Dingen erfunden, die das Leben der Menschen deutlich angenehmer gemacht haben, wie Waschmaschinen oder Autos, die den Menschen mehr Freiheiten brachten.

Die technologischen Vorteile nutzten wir für mehr Freizeit und weniger harte Arbeit. Aber seit den 1970er oder 1980er-Jahren haben viele Gesellschaften wieder weniger Freizeit, oder sie ist unglaublich ungleich verteilt: Einige Leute haben gar keine Arbeit, während andere extrem hart und lange arbeiten. Wir haben also alle Vorteile der technologischen Errungenschaften immer mehr für materielle Dinge und Dienstleistungen eingetauscht.

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Was bedeutet das für unser heutiges Leben?

In einer Welt der wachsenden Ungleichheit achten die Menschen sehr auf ihren relativen Status im Vergleich zu anderen. Deswegen arbeiten sie nicht, um einen elementaren Lebensstandard zu erreichen sondern, um mit anderen Menschen um Status und Statusprodukte zu wetteifern.

Wir könnten noch viel mehr Technologie haben, die die Arbeit automatisiert und damit sehr viele Jobs auslöscht; und wir würden trotzdem diese Extra-Freizeit nicht nutzen, sondern andere Tätigkeiten für die Menschen finden, an denen sie sich wie verrückt abarbeiten können. Aber es ist nicht klar, ob das auch gut für das menschliche Wohlergehen ist.

Ich möchte nicht allzu paternalistisch klingen. Ich will nicht behaupten, dass ich genau weiß, was gut und richtig für die Menschen ist. Aber wir wissen, dass die Vorstellung, dass jeder Mensch alle Möglichkeit hat, um seine eigenen Interessen zu verfolgen, diesen Problemen des gemeinschaftlichen Handelns entgegenstehen.

Stellen Sie sich vor, dass Sie in einer Gegend leben, in der die Grundstückspreise darauf angepasst sind, dass die Menschen 40 Stunden pro Woche arbeiten – auch, wenn wir uns eigentlich kollektiv auf eine 15-Stunden-Woche einigen könnten. Wenn Sie nun keine 40 Stunden arbeiten, können Sie sich das schöne Grundstück schlicht nicht leisten.

In einer Umgebung, in der Statusgüter (wie ein Grundstück in einer bestimmten Gegend) ein extrem wichtiger Teil dessen sind, wie unser individueller Lebensstandard aussieht, sind wir in einer Situation gefangen, in der das Individuum nicht mehr die Option hat, weniger zu arbeiten und mehr Freizeit zu haben. Die Menschen leben innerhalb einer Gesellschaft, in der das kollektive Verhalten bestimmt, welche Optionen dem Individuum zur Verfügung stehen. Wenn jeder Mensch seinen eigenen Weg wählen würde, wären die Auswahlmöglichkeiten auch anders.

Sie verfechten das Prinzip des sogenannten „Helikoptergeldes“: Die Bürger erhalten direkt und ohne Kosten Geld von den Zentralbanken. Könnten Zentralbanker somit eine Option sein, um ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen?

Das sind zwei unterschiedliche Dinge, die wir trennen müssen bzw. die ich trenne. Ich argumentiere, dass man in Situationen, wenn die nominale aggregierte Nachfrage und die Wirtschaft schlecht sind, das Helikoptergeld als Maßnahme sehen sollte, um die Wirtschaft in Gang zu kriegen.

Ich bin aber sehr vorsichtig damit, zu sagen, dass Ich auf diese Weise auch ein bedingungsloses Grundeinkommen oder etwas Ähnliches finanzieren würde. Wenn Sie ein Grundeinkommen-System aufbauen wollen, dann soll dieses System für immer bestehen. Das ist keine temporäre Sache. Andersherum wollen Sie aber das Helikoptergeld nicht für immer haben.

Wir müssen unterscheiden, für welche Dinge wir als Gemeinschaft permanent und langfristig mehr Geld ausgeben wollen. Wenn das bedingungslose Grundeinkommen dazu zählt, dann müssen wir akzeptieren, dass dafür einige Menschen höhere Steuern zahlen werden. Wir sollten nicht so tun, als sei es eine komplett kostenlose Sache und wir müssten einfach nur die Gelddruckmaschine anschmeißen.

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Was ist Ihre grundsätzliche Meinung zum bedingungslosen Grundeinkommen?

Meiner Meinung nach müssen wir die grundsätzliche Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens von seiner spezifischen Umsetzung trennen.

In den modernen Technologien schlummert etwas, das wahrscheinlich zu einer noch stärkeren Ungleichheit führen wird. Wenn das eintritt, müssen wir eine Lösung haben, wie wir damit umgehen.

Wenn man den Menschen aber einfach Geld gibt, schafft das verschiedenste politische Probleme. Wenn das Grundeinkommen beispielsweise niedrig ist, ermöglicht es den Menschen einen zwar ausreichenden, aber dennoch relativ niedrigen Lebensstandard. Damit schaffen Sie die derzeitigen Probleme nicht ab.

Ich würde nicht ausschließen, dass eine gewisse Form des bedingungslosen Grundeinkommens eine Möglichkeit ist, aber vielleicht gibt es andere Dinge, die wichtiger sind. Zum Beispiel sicherstellen, dass man sehr gute, kostenlose Gesundheitsversorgung und Bildung bereitstellt. Oder den Bürgern subventionierte, hochqualitative öffentliche Verkehrsnetze und schöne öffentliche Plätze bieten.

Es gibt viele Wege, Menschen mit relativ niedrigen Einkommen einen guten, angenehmen Lebensstandard zu geben, die wichtiger sind als einfach zu sagen „hier hast du etwas Geld.“

Im Endeffekt sind dies alles verschiedene Ansätze, um ein grundsätzliches Problem zu lösen: Nämlich dass wir, wenn wir alles dem freien Markt überlassen, irgendwann eine Einkommensschere haben, die breiter ist, als wir für akzeptabel erachten.

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