Finanzexperte: Londoner Banken bereiten sich auf harten Brexit vor

Die City of London bereitet sich auf den Brexit vor. [Michael Garnett/Flickr]

Viele Londoner Investmentbanken suchen bereits nach geeigneten Büroflächen in Frankfurt, Dublin und Paris. Das Europageschäft ist zu wichtig, um für den Fall eines harten Brexit keinen Plan B zu haben, argumentiert Philipp Ständer.

Philipp Ständer ist Wissenschaftler am Jacques Delors Institut Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der europäischen Wirtschaftspolitik, den Kapitalmärkten und dem Bankensystem.

EURACTIV.de: Die City of London hat sich im Vorfeld des Brexit-Referendums für einen Verbleib Großbritanniens in der EU ausgesprochen. Was haben Londons Finanzinstitute zu befürchten?

Philipp Ständer: Die City hat wie keine andere Region in Europa vom gemeinsamen Binnenmarkt profitiert. Die Hälfte der global aktiven Finanzinstitute hat dort ihren europäischen Hauptsitz und wickelt von dort das Europa-Geschäft ab. Dieses Geschäft beruht auf den Binnenmarktregeln und den so genannten Finanzpässen. Großbritannien hat sich nun dafür aus gesprochen, den Binnenmarkt zu verlassen. Damit würden die Finanzinstitute auch die Pässe verlieren.

Um weiter auf dem europäischen Markt zu bleiben, müssten sie auf den Kontinent abwandern. Das bringt Probleme mit sich: Zum einen die Kosten für den Aufbau einer Tochtergesellschaft zum anderen den Verlust des attraktiven Standorts London und den daraus folgenden Verlust von Markteffizienz.

Bereiten sich die Banken bereits in großem Stil auf eine Umsiedlung auf den Kontinent vor? Wie kostenintensiv und zeitaufwendig ist so ein Standortwechsel?

Vorbereitungen auf einen Umzug sind deutlich sichtbar. Acht der zehn größten Investmentbanken haben schon bekannt gegeben, wo künftig der europäische Hauptsitz sein soll – zu Gunsten von Frankfurt, Dublin und Paris. Teilweise wird schon nach Büroflächen gesucht. Das lässt sich nicht mehr aufhalten.

Besonders kostenintensiv ist die Ausstattung der Tochtergesellschaften mit Eigenkapital. Hinzu kommt der Aufbau der Infrastruktur: Personal, Rechenzentren und so weiter. All das ist teuer und führt langfristig zu höheren Kosten. Für diese Umstrukturierung hätte die Finanzbranche gerne drei Jahre Zeit, aber die werden sie nicht bekommen. Vermutlich bleiben noch ca. eineinhalb Jahre.

Gehen wir von einer vollständigen Umsiedlung der Banken oder dem Aufbau zusätzlicher Niederlassungen aus?

Die Niederlassungen auf dem Kontinent wären zusätzlich und würden auch nur einen kleinen Teil der Belegschaft betreffen. Bei einer großen Bank mit 5.000 bis 6.000 Angestellten in London würden wohl ein paar Hundert nach Frankfurt verlegt werden.

Gehen Sie davon aus, dass es ein Übergangsabkommen gibt, in dem Banken und andere Akteure in Ruhe und mit Kenntnis der zukünftigen Regeln reagieren können?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass es ein Übergangsabkommen geben wird. Dennoch dürfen sich die einzelnen Akteure nicht darauf verlassen. Der Brexit-Fahrplan sieht ein spannendes Finale vor. Bis Oktober 2018 soll der Deal eigentlich unter Dach und Fach sein. Bei der Ratifizierung könnte es aber auch danach noch spannend werden. Wenn einzelne Akteure dann nicht vorbereitet sind, könnte das zu einem Risiko für die Finanzstabilität werden. Eine solche Unsicherheit dürfen die Aufsichtsbehörden nicht zulassen. Deshalb muss dafür gesorgt werden, dass alle auf einen harten Brexit vorbereitet sind.

Ist nicht letztlich damit zu rechnen, dass es schon zu einer Lösung kommt, die beiden Seiten umfassenden Marktzugang gewährt – schon allein weil das im gegenseitigen Interesse liegt?

Ein besteht durchaus ein wechselseitiges Interesse an guten Marktzugangsregeln, aber es gibt auch politische Stolpersteine. Die britische Regierung hat sich weit aus dem Fenster gelehnt, als sie sagte, dass sie vom europäischen Gesetzgeber und europäischer Regulierung unabhängig werden will. Diese Forderung ist mit einer regulatorischen Äquivalenz unvereinbar, die wiederum Voraussetzung für gegenseitigen Marktzugang wäre.

Darüber hinaus hat auch die EU einiges zu verlieren und muss rote Linien ziehen. Sie kann ein Land außerhalb des Binnenmarktes nicht so gut stellen, wie eines das drinnen ist. Und natürlich buhlen die EU-Mitgliedsländer nun auch um den britischen Finanzsektor und werben darum, dass die Banken in ihre Finanzzentren kommen.

Macht dieses Buhlen um die britischen Banken es schwerer, in der EU-27 zu einer strengeren Finanzregulierung zu kommen – siehe Macrons Rückzug bei der Finanztransaktionssteuer?

Man sieht schon, dass einige Länder gerade einen Anreiz haben, keine strenge Regulierung zu fordern. Die einzelnen Länder wollen sich als wohlwollender Gesetzgeber profilieren um als attraktiver Standort wahrgenommen zu werden.

Gleichzeitig bietet der Brexit auch die Möglichkeit, regulatorische Standards in der EU zu erhöhen. Großbritannien war zum Beispiel stets gegen eine stärker vereinheitlichte Finanzmarktaufsicht. Hier fällt mit dem Austritt eine Hürde weg, wodurch höhere Standards durchgesetzt werden können.

Das ist auch notwendig: Der Brexit wird das Finanzsystem weiter fragmentieren. Das ist das Gegenteil dessen, was man ursprünglich angestrebt hat, um die Finanzierung für Unternehmen zu erleichtern. In einem fragmentierten Finanzsystem braucht man eine einheitlichere Aufsicht um Risiken zu vermeiden, die den nationalen Aufsichtsbehörden entgehen würden.

Welche Auswirkungen hätte eine Schwächung des Finanzstandorts London für die britische Realwirtschaft?

Der britische Finanzsektor zeichnet für elf Prozent des BIP verantwortlich. Es ist also ein sehr wichtiger Sektor, auch in Hinblick auf die Steuereinnahmen der Regierung.

Hinzu kommt, dass die Arbeitnehmer der Finanzwirtschaft in der Regel besonders einkommensstark sind, weswegen ein Abzug negative Auswirkungen auf den Konsum haben könnte. Man muss allerdings auch sehen, dass die Zahlen der Banker, die voraussichtlich abwandern in einer Größenordnung sind, bei der man davon ausgehen kann, dass der Einfluss überschaubar bleibt.

Bedeutender sind die allgemeinen Erwartungen bezüglich der Wachstumsaussichten und des Investitionsklimas in Großbritannien. Hier hat der Finanzsektor Signalwirkung. Wenn sich die Aussichten eintrüben, könnte das negative Auswirkungen haben.