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27/08/2016

Zu wenig Köpfe, zu viele Kürzel: Die EU und ihre Kommunikation

Europawahlen 2014

Zu wenig Köpfe, zu viele Kürzel: Die EU und ihre Kommunikation

Auf dem Europäischen Abend darf das gelbe Logo nicht fehlen: EurActiv.de war Medienpartner. Am Rednerpult spricht Klaus Dauderstädt, dbb Bundesvorsitzender und Vize-Präsident der Europäischen Union der Unabhängigen Gewerkschaften (CESI). Foto: dbb/Jan Bre

Noch mal Glück gehabt: Die Medien tragen nicht die Hauptschuld am Krisenzustand Europas. Das zeigte der Europäische Abend im dbb-Forum in Berlin mit dem Titel “Europa kommunizieren”. Wer aber dann?

Natürlich spielen die Medien eine große Rolle in der Wahrnehmung Europas, der Europäischen Union, der Institutionen, der EU-Topakteure und ihrer Entscheidungen. Aber zumindest den deutschen Medien wird hohe Qualität in der Europa-Berichterstattung zugestanden, wo es doch recht einfach gewesen wäre, den Medien die Schuld am allgemeinen Desinteresse oder an der Skepsis gegenüber Brüssel zuzuweisen.

Mit zwei Workshops, mehreren Gastreferaten, einer großen Diskussion und mit Informationsständen diverser Initiativen, darunter EurActiv.de als Medienpartner, hatte der Europäische Abend eher den Charakter einer eines zivilgesellschaftlichen Gipfeltreffens, initiiert von dbb beamtenbund und tarifunion sowie Europa-Union Deutschland.

Der Chef des Europa-Referats des Bundespresseamts, Ulrich Köhn, sieht "keinen Grund zur Medienschelte". Die Sichtbarkeit Europas in den Medien sei noch nie so hoch gewesen wie jetzt. Die Berichtertattung in Deutschland sei sehr differenziert, was ein Grund dafür sein dürfte, dass die europaskeptischen Parteien bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert seien.

Dennoch machten sich viele Diskutanten ihre Gedanken über die Rolle der Medien. Die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth erinnerte daran, dass die Diskrepanz zwischen Zustimmung und Kritik nicht neu sei. Neu sei der Zusammenbruch europäischer Mitgliedsstaaten in der Schuldenkrise – und dass viele gar nicht mehr wüssten, wozu eigentlich Europa noch gut sei. "So wie über Europa gesprochen wird, so technisch, so kompliziert, so uninteressant, da geht kein Funke hoch! Je mehr Kürzel verwendet werden, desto mehr schalten die Bürger ab."

Süssmuth kritisierte, "dass zwar die Schuldenkrisen-Berichte berghoch aufbereitet werden, aber dass dann in nur zwei Zeilen geschrieben wird, wie die Probleme überwunden worden sind". Denn einige der Krisenländer brauchten den Rettungsschirm nicht mehr. "Was ist da passiert? Damit könnte man Geschichten machen!"

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, plädierte dafür, mehr über konkrete Inhalte und Personen zu sprechen, damit der Funke überspringe und sich die Bürger selbst als Teil Europas fühlten. Denn noch seien die politischen Repräsentanten der EU viel zu weit weg von den Menschen. "Wir brauchen eine Betriebstemperatur für Europa, mehr Emphase." Das könne nur über mehr Öffentlichkeit für Europa und eine verstärkte transnationale Berichterstattung erreicht werden.

Einer der bekanntesten Europa-Blogger, der in Berlin lebende Brite Jon Worth, ärgerte sich über schwache Botschaften wie "Mehr Europa!" oder das Statement von Außenminister Guido Westerwelle: "Es geht vor allem um ein besseres Europa." Wenigstens habe Kommissionspräsident José Manuel Barroso mittlerweile erkannt, dass man ein neues Narrativ für Europa brauche. Angesichts der Kampagne des Europäischen Parlaments jedoch – "Handeln. Mitmachen. Bewegen" – vermisste Worth jegliche inhaltliche Aussage.

Der Generalsekretär der Union der Europäischen Föderalisten, Christian Wenning, befürchtete, dass immer mehr Menschen den populistischen Europagegnern folgten, wenn es keine politischen EU-Entscheider mit wahrnehmbarer Präsenz und Problemlösungskompetenz gebe: "Wir brauchen Ritter mit offenem Visier für Europa!"

"Europa darf nicht zu einem Projekt der Eliten werden", so der CDU-Bundestagsabgeordnete Günter Krings. Wenn die Menschen Europa nicht verstünden, weil zu viel über Institutionen und Instrumente und zu wenig über Ziele und Werte gesprochen werde, leiste dies den populistischen Tendenzen Vorschub.

Markus Feldenkirchen vom "Spiegel"-Hauptstadtbüro zählte die Mängel auf, deretwegen das Image der EU und der Institutiionen so bescheiden seien. Erstens: Das fatale Denken von Politikern, Bürgern und Medien, Europa sei weit weg. Zweitens: Der Zwang zur Bebilderung der Geschichten sei mit den erhabenen Gebäuden in Paris, London und Washington kein Problem, sehr wohl aber mit den schrecklichen Bauten der EU in Brüssel. Seine These: "Gäbe es bessere Gebäude, stünde die EU besser da." Drittens: Es fehlten die Köpfe; die Akteure seien viel zu unbekannt. Viertens: die Sprachverwirrung, die bürokratischen Begriffe, die Abkürzungen führten zu Unlust und zur Ablehnung des Systems als Ganzes. "Die Journalisten müssten sich da mehr Mühe geben."

Und nicht zuletzt plädiert Feldenkirchen für einen Perspektivwechsel. Das Werben für Europa brauche eine andere Erklärung als den Krieg. Früher habe das funktioniert, heute klinge das spießig. In Europa gäbe es heute selbst dann keinen Krieg, wenn sich die EU auflöste. "Also weg von der Angst-Argumentation, dafür optimistischere Erzählungen, etwa die Aussicht auf wirtschaftliche Prosperität – oder auch Liebe, über die nationalen Grenzen hinweg."

(Der nächste Europäische Abend des dbb findet am 17. März 2014 zum Thema "Europa wählen" statt.)


Ewald König