„Junge Wilde“ an der Macht! Europas junge und unangepasste Politiker

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.com PLC.

Eine der "jungen Wilden": Serbien neue Premierministerin Ana Brnabic [Fotosr52/Shutterstock]

Der alte Kontinent Europa wird von immer mehr sehr jungen Politikern regiert. Einige dieser „jungen Wilden“ führen ein unkonventionelles Leben. Sie stehen für einen Aufbruch in neue Zeiten und für den Abwurf traditionellen Ballasts.

Alle reden von Vergreisung. Europa nicht. Jedenfalls in der Politik. Denn während die Bevölkerungsstruktur dem Namen „alter“ Kontinent alle Ehre macht, werden die Politiker scheint’s immer jünger. Ob in Serbien, Irland, Luxemburg, Frankreich oder Österreich – überall dort sind Youngster am Drücker, die herkömmlichen Stereotypen widersprechen. Nicht nur wegen ihres Alters.

Serbiens neue Premierministerin Ana Brnabić

Aktuellstes Beispiel: Ana Brnabić (41), parteilos, Belgrad. Die bisherige Ministerin für öffentlichen Dienst und Kommunales übernimmt dieser Tage das Amt der Premierministerin von Serbien. Der Name lässt gleich drei Mal aufhorchen: Sie ist die erste Frau Serbiens auf diesem Posten, die jüngste Person in diesem Amt und –  bekennend lesbisch.

Die geschlechtliche Orientierung Brnabićs hat in Serbien aufhorchen und aufheulen lassen. Homosexualität ist in der Balkanrepublik, die gerne EU-Mitglied wäre, für Viele etwas Unerlaubtes oder Krankhaftes. Besonders der Klerus der mächtigen orthodoxen Kirche wettert. Regenbogenparaden werden in Serbien schon mal „aus Sicherheitsgründen“ abgesagt. 2016 nahmen an der LGBT-Parade in Belgrad rund 1.000 feiernden Menschen teil (darunter Brnabić), die über 5000 Polizisten beschützen mussten.

Serbien wird erstmals von einer Frau regiert

Erstmals bekommt Serbien eine Frau als Regierungschefin – die sich zudem offen zu ihrer Homosexualität bekennt. Staatschef Vucic schlug dem Parlament Ana Brnabic für den Posten vor.

„Die ist nicht mein Premier,“ schimpfte Dragan „Palma“ Markovic, der mitregierende Rechtsaußen Serbiens. Und fügte hinzu: ein Regierungschef müsse Kinder haben. Brnabić kontert, solche Worte seien „verantwortungslos, maßlos und diskriminierend.“ Auch gegenüber Medien musste sich die studierte Marketingexpertin mit Diplomen aus den USA und England rechtfertigen: „Wenn man kompetent ist, dann soll man wegen seiner Orientierung, Zugehörigkeit oder Meinung nicht diskriminiert werden.“

Man könnte meinen, die als Businessfrau des Jahres geehrte Brnabić sei stark. Liberale Belgrader Kreise werten die Ernennung Brnabics als fortschrittlichen Weg in Richtung EU. Doch Beobachter sehen sie gerade wegen ihrer Angreifbarkeit eher eine Marionette ihres Mentors, des mächtigen nationalkonservativen Präsidenten Aleksandar Vučić.

Irlands neuer Premier Leo Varadkar

In einem weiteren tief christlich geprägten Land Europas regiert seit wenigen Tagen ebenfalls ein bekennender Homosexueller. Er ist sogar noch jünger, als seine serbische Kollegin, und gehört wie Brnabić zum politisch konservativen Lager: Leo Varadkar (38), konservativ, Dublin.

Der neue Premier der Republik Irland ist Sohn indischer Einwanderer und praktizierte als Arzt, bevor er in der Partei Fine Gael ganz nach oben kam. Zuletzt war er Minister für Verkehr, Tourismus und Sport sowie Gesundheitsminister.

Im Januar 2015, an seinem 36. Geburtstag, outete Varadkar sich als homosexuell. In einem Referendum über die gleichgeschlechtliche Ehe führte er das Ja-Lager gegen die katholische Kirche an und die Iren stimmten sensationell mit 62 Prozent dafür. Damit war Irland die erste Nation, die Lebensbünde gleichgeschlechtlicher Paare per Volksentscheid einführte – Varadkar sei Dank.

Varadkar selbst hat bislang nicht geehelicht, lebt aber offen mit einem Kardiologen zusammen. Politisch steht der populäre junge Staatsmann vor enormen Herausforderungen: er muss den EU-Austritt der Nachbarinsel Großbritannien für sein Land möglichst weich abfedern. Die nach Schengen-Regeln offene Grenze zwischen seiner Republik und der britischen Provinz Nordirland könnte zur hart bewachten EU-Außengrenze werden. Damit droht ein Ende des Friedensprozesses in der einst von monarchietreuen Milizen und republikanischen Terroristen gequälten Unruheprovinz.

Luxemburgs Regierungschef Xavier Bettel

Mit 44 Jahren der älteste „junge Wilde“ Europas ist Xavier Bettel, Luxemburg. Als erster europäischer Regierungschef heiratete er im Amt seinen langjährigen Lebensgefährten, den belgischen Architekten Gauthier Destenay. Bettel hatte 2013 mit seiner liberalen Demokratesch Partei den Konservativen und heutigen EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker besiegt. Der war 19 Jahre an der Macht und könnte mit nunmehr 62 Jahren fast Bettels Opa sein. Nun regiert im Groussherzogtum Lëtzebuerg eine bunte Koalition aus Liberalen, Grünen und Sozialdemokraten mit Bettel an der Spitze – der „Inkarnation einer neuen Generationen von europäischen Leadern“, wie das Magazin Paris Match lobt.

Die Ehemänner Bettel-Destenay leben ihre Beziehung konsequent. Das hat selbst im aufgeklärten 21. Jahrhundert und sogar in westlichen Hemisphären durchaus Tücken. Als der „First Gentleman of Luxembourg“ beim NATO-Gipfel 2017 in Brüssel das Rahmenprogramm für Ehepartner der Regierungschefs mitmachte, gab es einen Eklat. Den verursachte aber nicht die streng muslimische türkische Kopftuchträgerin Emine Erdogan, sondern Donald Trump. Das Team des US-Präsidenten „vergaß“, den Namen Destenay unter ein Gruppenfoto der First Ladies mit First Man zu setzen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Der wichtigste „junge Wilde“ Europas ist zweifellos der sozialliberale Emmanuel Macron, 39, Paris. Er hat es auf den Stuhl des mächtigen Staatspräsidenten von Frankreich gebracht, einer Atom- und Vetomacht in den UN. Dass seine Ehefrau und einstige Französisch-Lehrerin Brigitte („Bibi“) 25 Jahre älter ist, als das jugendliche Staatsoberhaupt, bringt Stoff für die Boulevardpresse (dass Melania Trump ebenfalls ein Vierteljahrhundert jünger ist, als ihr Mann, der US-Präsident, wird übrigens eher selten vermerkt).

Das Powerpaar geht mit dem öffentlichen Interesse an ihrer Beziehung elegant und professionell um. Der Präsident lässt die Welt gerne wissen, dass Bibi, die Mutter dreier Kinder aus früherer Ehe und inzwischen siebenfache Großmutter, seine große Liebe ist. „Brigitte ist immer bei mir und immer für mich da, ohne sie wäre ich nicht der, der ich bin,“ sagt Macron über sie. Sie über ihn: „Wir brauchen einander, und wir sind auch schon sehr lange zusammen.“

Die „Première Dame“ der französischen Republik ist eine der engsten Beraterinnen Macrons im Elysee-Palast (kostenfrei). Privat und politisch kreieren die Macrons für La Grande Nation einen neuen Stil in das nicht nur politisch, sondern auch protokollarisch angegraute Frankreich, das sich Emmanuel gerade anschickt, umzukrempeln.

Sebastian Kurz: Außenminister, Vizekanzler, ÖVP-Vorsitzender in Österreich

Während Macron nach wenigen Wochen im Amt so routiniert wirkt, als sei er immer schon Staatspräsident gewesen, läuft sich der jüngste „junge Wilde“ Europas für das wichtigste politische Amt in Österreich noch warm: Sebastian Kurz, 30, Wien. Von Beruf: Außenminister, Vizekanzler, ÖVP-Vorsitzender – ohne Studienabschluss, unverheiratet, aber seit Schülerzeiten liiert mit einer Wirtschaftspädagogin.

Der konservative junge Mann mit dem Habitus eines Vollprofis will bei den Wahlen am 15. Oktober 2017 Bundeskanzler werden. Gelingt dem „straighten Sebastian“, der seit Schülerzeiten mit einer Wirtschaftspädagogin liiert ist, das politische Bubenstück, wäre er das zweite Wiener Wunderkind nach Wolfgang Amadeus Mozart, der als 30-Jähriger die Oper „Figaros Hochzeit“ uraufführte.

Die politische Welt des Sebastian Kurz

In rund einem halben Jahr könnte Österreich den jüngsten Regierungschef aller EU-Länder bekommen. Was sind seine politischen Ideen, was sein politisches Netzwerk?

Seinen derzeitigen Koalitionspartner und Wahlgegner Christian Kern (SPÖ) würde Kurz jedenfalls der Lüge strafen. Der sozialdemokratische Bundeskanzler – mit 51 Jahren ein „Oldie“ – hat Kurz wegen dessen knallharter Flüchtlingspolitik einen „populistischen Vollholler“ genannt. Doch das kann einen europäischen „jungen Wilden“ nicht erschrecken.

Der Autor

Wolf Achim Wiegand ist Journalist und Auftrittsberater in Hamburg. Er ist in der FDP aktiv, unter anderem im Bundesfachausschuss für Internationale Politik. Außerdem ist er gewählter Country Coordinator der deutschen Einzelmitglieder bei der paneuropäischen liberalen Dachpartei ALDE. Veröffentlichte Meinungen sind seine persönlichen.