Von der Leyens neue Cyber-Truppe

Der Cyber-Raum als Kriegsgebiet? [Flickr]

Diese Zahl ist erschreckend: Die Bundeswehr wurde von Januar bis Anfang März dieses Jahres 284.000 Mal das Ziel von Cyber-Attacken. Verteidigungs-Staatssekretärin Katrin Suder weiß: Cyber-Attacken auf Staaten und kritische Infrastrukturen sind „keinerlei Science-Fiction mehr, sondern bittere Realität“. Nach eigenen Angaben konnte die Bundeswehr die Angriffe abwehren. Offensichtlich stimmt also die Aussage auf Werbeplakaten der Bundeswehr: Deutschlands Freiheit wird auch im Cyber-Raum verteidigt.

Heute stellt das Verteidigungsministerium das Kommando „Cyber- und Informationsraum“ offiziell in den Dienst. Die neue Teilstreitkraft wird ab Juli 13.500 Soldaten und zivile Mitarbeiter stark sein. Zum Vergleich: Die Marine hat rund 16.000 Soldaten, die Luftwaffe umfasst rund 28.000 Mann.

EU: Rüsten für den Cyberkrieg

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Damit bündelt die Bundeswehr ihre bisherigen Ressourcen – und will für die anderen europäischen Streitkräfte zum Vorbild werden. Die Cyber-Experten vom Cyber-Sicherheitsrat Deutschland e.V. begrüßen die neue Struktur. Philipp von Saldern, Präsident des Vereins, sagt im Gespräch mit Euractiv.de: „Dieser  Schritt  des  Bundesverteidigungsministeriums ist  angesichts  der gegenwärtigen und zukünftigen Cyber-Bedrohungslage absolut notwendig und könnte als Blaupause für andere Bundesministerien dienen.“

Politiker verlangen Mitspracherecht des Bundestags

Schwerpunkt der neuen Bundeswehr-Einheit ist die virtuelle Verteidigung, doch die Truppe trainiert auch Cyber-Angriffe. Der netzpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Konstantin von Notz, sagt: „Selbstverständlich braucht es für Cyber-Attacken der Bundeswehr ein Bundestagsmandat.“ Der Grünen-Politiker wirft der Regierung vor, bei dieser verfassungsrechtlichen Frage nicht klar Stellung zu beziehen. Dies sei unverantwortlich. Auch der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages Hans-Peter Bartels verlangt für Cyber-Angriffe eine Zustimmung des Hohen Hauses. „Jede offensive Maßnahme unserer im Grundgesetz verankerten Parlamentsarmee Bundeswehr braucht ein ausdrückliches Mandat des Bundestages“, sagte der SPD-Politiker in einem Interview.

Maaßen: Industrie 4.0 erhöht Risiko der Cyber-Spionage

Die Industriestaaten laufen Gefahr, zunehmend Cyber-Spionage durch kleinere Staaten ausgesetzt zu sein, warnt Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen.

Während auf dem Schlachtfeld die Verteidigung einer Stellung mitunter leichter ist als deren Einnahme, ist es auf dem virtuellen Schlachtfeld andersherum: Der Angreifer muss nur eine einzige Schwachstelle entdecken und in diese eindringen, der Verteidiger hingegen muss alle Sicherheitslücken erkennen und den Angriff schnell abwehren.

IT-Experten arbeiten lieber für die Wirtschaft

Doch die Streitkräfte stehen vor einer weiteren Herausforderung: Allein dieses Jahr suchen sie rund 1.000 neue Soldaten und 800 IT-Administratoren für das neue Kommando. Dabei konkurrieren sie mit der freien Wirtschaft, die Informatikern deutlich höhere Gehälter anbieten kann als der Staat. Experten für Hacker-Angriffe und ihre Abwehr verdienen in der Wirtschaft leicht das Dutzendfache wie im öffentlichen Dienst. Dazu kommt: Die Sicherheitsbehörden sind bei deutschen Hackern unbeliebt und werden schon mal als „Stasi 2.0“ bezeichnet.

Philipp von Saldern vom Cyber-Sicherheitsrat Deutschland e.V. sagt: „Erfahrene Hacker, also wirkliche Spezialisten, sind nur schwer für die Bundeswehr zu begeistern.“ Er rät der Armee deshalb, viele eigene Leute auszubilden. Ein europäisches Vorbild könne Estland sein. Dort arbeiteten Cyber-Security-Experten,  talentierte Nachwuchskräfte und IT-Spezialisten gemeinsam für die Verteidigung des estnischen Cyberraums, sagt von Saldern, dessen Vorgänger Arne Schönbohm heute das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) leitet.

In den USA sind die Geheimdienste bei Hackern beliebter als in Deutschland. Die Cyber-Kämpfer des US-amerikanischen Centers of Cyber Intelligence geben ihren Spähprogrammen lockere Namen wie CrunchyLimeSkies, ElderPiggy oder McNugget, wie Dokumente der Enthüllungsplattform Wikileaks zeigen.

Deutsche Behörden sorgen sich um russische Hacker

Ludwig Leinhos soll die Hacker-Truppe der Bundeswehr nach vorne bringen. Der bisherige Luftwaffen-Offizier ist Deutschlands oberster Cyber-General. Leinhos studierte bei der Bundeswehr Elektrotechnik. Nun muss er Tausende Soldaten in der neuen Einheit zusammenzuführen.

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Die Nato will im Laufe der kommenden drei Jahre drei Milliarden Euro in die Modernisierung ihrer Satelliten und Informationstechnologien investieren.

Wer sich bei Abgeordneten und in Geheimdienstkreisen umhört, erfährt, dass insbesondere russische Hacker für Kopfzerbrechen sorgen. Der russische Staat spiele im Internet eine destruktive, eine negative Rolle.

Eine gemeinsame europäische Cyber-Armee erscheint zurzeit unrealistisch. In den EU-Staaten werden unterschiedliche IT-Infrastrukturen und Programme genutzt. Schon in Deutschland tun sich Bund, Länder und Kommunen schwer, untereinander Daten auszutauschen. Eines der eindruckvollsten Beispiele für die Missstände bei der Zusammenarbeit deutscher Behörden sind die Pannen bei den Ermittlungen zur Mordserie des rechten NSU-Trios. Bei solchen Kommunikationspannen helfen auch die besten Hacker nicht.