Studie: Mindestlohn macht zufriedener

Oft vom Mindestlohn erfasst: Putzkräfte. [Foto: Photographee.eu/Shutterstock]

Niedriglohnbeschäftigte haben seit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns nicht nur bessere Arbeitsbedingungen – auch ihre Arbeitszufriedenheit ist gestiegen, zeigt eine Analyse.

Bauarbeiter, Mitarbeiter von Gaststätten und Hotels, Schausteller, Putzkräfte – diese und etliche andere Berufsgruppen waren und sind bei der Entlohnung ihrer Arbeit oft benachteiligt. Ein Fakt, den die Bundesrepublik mit der Einführung des Mindestlohns im Jahr 2015 ändern wollte. Doch es ist nicht ausschließlich das Geld, das zählt.

Wer in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeitet, hat nicht nur mit der geringen Bezahlung zu kämpfen, sondern in der Folge auch mit Frust im Arbeitsalltag. Verbessert sich aber das eine, hat das auch Konsequenzen für das andere. Das bestätigt nun eine Studie, die die Arbeitsbedingungen und die Arbeitszufriedenheit von Beschäftigten im Niedriglohnsektor seit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland untersucht hat und im Fachmagazin „Wirtschaftsdienst veröffentlicht wurde.

Besseres Betriebsklima und mehr Wertschätzung

Beschäftigte, die vom Mindestlohn betroffen sind, geben demnach zwar oft gestiegene Ansprüche an ihre Arbeit an. Gleichzeitig aber verbessert sich damit auch die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie, das Betriebsklima und die Wertschätzung durch Vorgesetzte, zeigt die Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

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„Die gestiegene Arbeitsplatzqualität und -zufriedenheit der Mindestlohnempfänger ist ein weiteres Argument, das zu einer insgesamt positiven Bewertung des gesetzlichen Mindestlohns beiträgt“, meinen die WSI-Arbeitsmarktforscher Toralf Pusch und Miriam Rehm von der Arbeiterkammer Wien in ihrer Untersuchung, die in der Fachzeitschrift „Wirtschaftsdienst“ erschienen ist.

Das Ergebnis ziehen die Wissenschaftler aus detaillierten Befragungsdaten von mehr als 340 Beschäftigten, die 2014 weniger als 8,50 Euro in der Stunde verdienten und nach dem 1. Januar 2015 im gleichen Job weiterarbeiteten. Um sicher einschätzen zu können, welche Effekte tatsächlich auf den neuen Mindestlohn zurückführbar sind, verglichen Pusch und Rehm die Antworten der zum Mindestlohn Beschäftigten mit denen von rund 440 vergleichbaren Arbeitnehmern, die 2014 zwischen 8,50 und 13 Euro in der Stunde erhielten.

Mindestlohn-Erhöhung 2017: Stolpersteine für Unternehmen bleiben

Noch immer sorgt der gesetzliche Mindestlohn insbesondere im Niedriglohn-Sektor für Unsicherheiten und Streit. Sollte sich die Bundesregierung dem Vorschlag der Mindestlohn-Kommission anschließen, stellt dies Unternehmen vor Schwierigkeiten.

Und diese Antworten zeigen: Der Mindestlohn greift – zumindest meistens. Von 2014 auf 2015 stieg der Stundenlohn der befragten Niedrigstverdiener beträchtlich – nämlich um knapp ein Viertel von durchschnittlich 6,70 Euro brutto pro Stunde auf im Mittel 8,20 Euro. Der Mittelwert unterhalb von 8,50 Euro zeigt zwar, dass der Mindestlohn im Jahr seiner Einführung noch nicht überall gezahlt wurde. Die Verbesserung um gut 22 Prozent übertraf trotzdem das durchschnittliche Lohnwachstum in der Vergleichsgruppe (3,7 Prozent) um ein Vielfaches.

Mehr Einkommen bei kürzerer Arbeitszeit

Entsprechend wuchs der durchschnittliche monatliche Verdienst der Mindestlohn-Beschäftigten spürbar – von durchschnittlich 839 auf 994 Euro – obwohl die Befragten im Mittel pro Woche anderthalb Stunden weniger arbeiteten.

Der Anteil der Beschäftigten mit überlangen Arbeitswochen von mehr als 45 Stunden ging deutlich zurück, während er in der Kontrollgruppe anstieg. In den geringeren Arbeitszeiten sehen die Forscher einen wichtigen Grund dafür, dass die Befragten der Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familie nach Einführung des Mindestlohns signifikant bessere Noten geben als zuvor.

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Verdichtung, aber auch Aufwertung der Arbeit

Vor Einführung des Mindestlohnes hatten manche Ökonomen dramatische Beschäftigungsverluste prognostiziert. Diese blieben ebenso aus wie drastische Preissteigerungen. Offensichtlich ist es vielen Arbeitgebern gelungen, die höheren Lohnkosten auszugleichen, etwa durch eine höhere Produktivität. I

Indizien dafür erkennen Pusch und Rehm in den PASS-Daten: Mindestlohn-Beschäftigte berichten über mehr und anspruchsvollere Arbeit. Zugleich geben sie an, seltener in ihrer Tätigkeit gestört zu werden. Außerdem empfinden sie das Klima zwischen ihren Kollegen und das Verhältnis zu Vorgesetzten als besser – Trends, die sich bei der Kontrollgruppe nicht so ausgeprägt zeigen. Lediglich ihre Aufstiegschancen schätzen Mindestlohn-Beschäftigte etwas negativer ein als Angehörige der Kontrollgruppe.

„Diese Erkenntnisse können als Anhaltspunkte gewertet werden, dass Unternehmen einerseits auf Arbeitsverdichtung und andererseits auf verstärkte Motivation setzen“, schließen Pusch und Rehm. So würden gering bezahlte Tätigkeiten etwa durch bessere Organisation „aufgewertet“. Unter dem Strich empfänden das die Mindestlohn-Beschäftigten als überwiegend positiv.

Viele Minijobber bekommen keinen Mindestlohn

Bei all dem bleibt jedoch ein Haken, auf den die Wissenschaftler der Hans-Böckler-Stiftung Anfang 2017 hingewiesen hatten. Damals zeigte eine weitere Studie, dass das Mindestlohngesetz bei Minijobs offenbar noch längst nicht flächendeckend angewendet wird. Denn viele Minijobber erhalten gar nicht den gesetzlichen Mindestlohn, obwohl sie ein Recht darauf hätten. Wie der damalige Bericht aufschlüsselte, erhielt im Jahr 2015 knapp jeder zweite Minijobber weniger als die eigentlich vorgegebenen 8,50 Euro brutto pro Stunde. Jeder Fünfte bekam nicht einmal 5,50 Euro.