Lebenserwartung: Wer früher stirbt, war länger arm

Ein immer höherer Anteil der deutschen Bevölkerung ist den Angaben zufolge von monetärer Armut bedroht - verfügt also über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens. [Foto: dpa]

Die soziale Spaltung wirkt sich auf die durchschnittliche Lebenserwartung aus, zeigt eine Studie. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung fordert nun das Ende der starren Altersgrenze von 65. Euractivs Medienpartner Wirtschaftswoche berichtet.

Die durchschnittliche Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahrzehnten in fast allen Ländern stark gestiegen – und steigt weiter. Aber Unterschiede im Wohlstand und der Bildung wirken sich zunehmend auch auf das Lebensalter aus. Sowohl im globalen Vergleich als auch innerhalb der Gesellschaften führt die soziale Spaltung zu großen Unterschieden bei der Lebenserwartung. Darauf macht das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in seiner heute veröffentlichten Studie „Hohes Alter, aber nicht für alle“ aufmerksam.

Die weltweite Lebenserwartung steigt seit rund hundert Jahren an, in den früh entwickelten Ländern Europas und Nordamerikas schon seit rund 200 Jahren. Der Anstieg ist steil und von kurzen oft regionale begrenzten Einbrüchen durch Kriege und Katastrophen abgesehen stetig. „Von geschätzt rund 30 Jahren um 1900 ist die Menschheit heute bei einem Durchschnitt von rund 71 Jahren angelangt – ein Zugewinn an Lebenszeit von etwa dreieinhalb Jahren pro Jahrzehnt. Frauen in Japan, die weltweiten Spitzenreiterinnen, kommen heute im Mittel auf fast 87 Jahre“, heißt es in der Studie.

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Das sieht das nach einem ungebrochenen aus. Selbst wo der Aufwärtstrend zwischenzeitlich stagnierte oder sogar zurückging, etwa in den 1990er Jahren durch die HIV/Aids-Epidemie in Afrika und Asien, ist ein Aufholprozess zu beobachten. In den Industrieländern beruht der stetige Anstieg der Lebenserwartung wesentlich darauf, dass sich durch moderne Medizin und Prävention die Überlebenswahrscheinlichkeit für die hohen Altersgruppen erhöht hat. Biostatistiker rechnen damit, dass die Lebenserwartung mit der Fortentwicklung der medizinischen Versorgung weiter steigt. Hochrechnungen zufolge könnten südkoreanische Mädchen des Geburtsjahrganges 2030 sogar über 90 Jahre alt werden.

Sozialstatus und Bildung entscheidend

Den grenzenlosen Optimismus vieler Forscher, die von einem weiteren ungebremsten Anstieg der Lebensdauer ausgehen, will die Autorin der Berlin-Institut-Studie, Sabine Sütterlin, aber nicht teilen: „Es gibt auch Entwicklungen, die zumindest regional beziehungsweise in bestimmten Schichten der Gesellschaft den Anstieg bremsen.“ Die Gesundheit und damit die Lebenserwartung werde wesentlich von zwei Faktoren bestimmt: Sozialstatus und Bildung. „In vielen Industrieländern ist die Gesellschaft gespalten in Gruppen, die ein sehr hohes Alter erreichen und dabei lange fit und gesund bleiben, und weniger  Privilegierte, die tendenziell eher riskante Verhaltensweisen pflegen, denen der Lebensstress zusetzt, die häufiger erkranken und früher sterben.“

So ist für neugeborene Jungen im wohlsituierten bayerischen Landkreis Starnberg mit rund acht Jahren mehr Lebenszeit zu rechnen als für Jungen in der ehemaligen Schuhmacher- und mittlerweile Arbeitslosenstadt Pirmasens in Rheinland-Pfalz. In den USA liegen sogar rund 20 Jahre zwischen dem Bezirk (County) mit der höchsten und jenem mit der niedrigsten mittleren Lebenserwartung.

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„Viele Studien belegen, dass zwei Faktoren entscheidend sind für gesundheitliche Ungleichheit und damit das Risiko, vorzeitig zu sterben: der Sozialstatus und das Bildungsniveau“, sagt Reiner Klingholz, der Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Je niedriger der sozioökonomische Status, desto höher die subjektiv erlebte Stressbelastung. Auf Dauer fördert dieser Lebensstress die Entstehung von körperlichen Erkrankungen, Depressionen und anderen psychischen Störungen. Hinzu kommt, dass Risikofaktoren für die Gesundheit wie Bewegungsmangel, Übergewicht und Rauchen in Gruppen mit niedrigem Sozialstatus überproportional häufig vorkommen. „Gesellschaft und Politik müssen aktiv werden, um diese Ungleichheiten zu verringern“, so das Fazit der Studie.

Die Rentengrenze von 65 ist obsolet

Angesichts der steigenden Lebenserwartung hält Sütterlin die hergebrachte Altersgrenze von 65 Jahren in der Arbeitswelt für obsolet. Sie schlägt wie die amerikanischen Demografen Warren Sanderson und Sergei Scherbov die Orientierung am durchschnittlich zu erwartenden Lebensende vor. Die Empfindung der Alterung der Gesellschaften würde sich ändern, wenn anstelle der festen Größe 65 die jeweils durchschnittlich verbleibenden 15 Lebensjahre gelten würden.  „Die herkömmliche Dreiteilung des Lebens in Ausbildung-Arbeitsphase-Ruhestand lässt sich nicht  aufrechterhalten“, glaubt Sütterlin. „Die Menschen werden künftig länger arbeiten, aber die Arbeit stufenweise ausklingen lassen.“

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