Pulverfass Moria: Zeugnis europäischen Versagens

Lange war es um die Flüchtlingslager auf Lesbos ruhig. Doch nun steht der Winter vor der Tür und es droht eine Verschärfung der Krise in den Lagern. [EPA/STRATIS BALASKAS]

Das Flüchtlingshilfswerk der UNO meldet einen Anstieg der auf Lesbos ankommenden Migranten und Flüchtlinge. Im Schnitt sind es 4000 Menschen im Monat.  Die Zustände auf der griechischen Insel Lesbos haben sich dramatisch verschärft.

Auch im Lager Moria, wo zurzeit ca. 8500 Menschen untergebracht sind. Das Lager ist für höchstens 2300 Menschen ausgelegt. Eine lebensbedrohliche Zerreißprobe – sowohl für die Migranten und Flüchtlinge, als auch für die griechischen Bewohner. Es gibt täglich Unruhen, Gewalt, Übergriffe gegen Frauen, Auseinandersetzungen zwischen den Ethnien und mit der Polizei.

EURACTIV sprach mit Andreas Müller-Hermann über die gegenwärtige Situation auf Lesbos. Der gelernte Ingenieur organisiert seit 2016 humanitäre Hilfe für die auf Lesbos ankommenden und lebenden Flüchtlinge.

EURACTIV: Sie sind regelmäßig in Griechenland, um dort humanitäre Hilfe zu leisten. Sie besuchen gerade Lesbos. Wie hat sich die Situation im Lager im Vergleich zu 2015 dort verändert? 

Andreas Müller-Hermann: Inzwischen kommen viel weniger Flüchtlinge auf Lesbos an. Zurzeit sind es vielleicht ein oder zwei Boote pro Woche, mit jeweils fünfzig Leuten an Bord. Es passieren aber leider immer noch Unglücke, das sieht man daran, dass immer noch Leichen angetrieben werden. Deshalb sind noch Rettungskräfte vor Ort.

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Auch die Flüchtlingslager haben sich verändert. Moria, das größte Lager in Lesbos und vom Staat betrieben, war früher offen zugänglich. Jetzt gleicht es einem Hochsicherheitsgefängnis, eingezäunt mit Stacheldraht. Man kommt nicht hinein und die Flüchtlinge dürfen die ersten Wochen nach ihrer Ankunft auch nicht hinaus. Kara Tepe, ein anderes Lager, sieht deutlich besser aus. Es wird unter anderem von der Stadt betrieben. Das privat betriebene Camp PIKPA ist das Camp mit den humansten Bedingungen auf der Insel.

Im Lager Moria sind im vergangenen Winter Menschen erfroren, weil die Sommerzelte durch den Schneefall zusammengebrochen sind. Auch in diesem Jahr haben sich  der griechische Staat und die EU-Institutionen nicht auf den kommenden Winter eingestellt. In Moria herrscht eine verzweifelte Stimmung. Die Anträge werden nur sehr schleppend oder gar nicht bearbeitet. Viele erzählten mir, dass sie seit sieben Monaten auf einen ersten Termin warten.

Es gibt Berichte, dass sich vor allem in Moria die Stimmung zuspitzt. Dadurch, dass die Flüchtlinge nicht von der Insel kommen gibt es nicht nur Unruhen und Gewalt im Lager, auch die Bewohner von Lesbos fühlen sich von der griechischen Regierung und der EU im Stich gelassen. Können Sie das bestätigen?

Die Ungewissheit zermürbt die Menschen auf beiden Seiten des Zauns. Um Moria herum, haben viele kleine Läden aufgemacht. Da kann man sich etwas zu Essen kaufen oder ein Bier für einen Euro. Dort wird jetzt sehr viel getrunken. Die Leute sitzen da den ganzen Tag und die Stimmung ist angespannt.

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Innerhalb von Moria gibt es Gewalt, Auseinandersetzungen, Übergriffe. Viele leiden an psychosomatischen Krankheiten und die Selbstmordrate ist relativ hoch. Es ist sehr deprimierend zu sehen, dass sich Europa, gerade dort die Probleme der Zukunft züchtet. Anstatt zu sagen, die Leute sind jetzt da, jetzt machen wir auch was mit denen, überlässt man sie sich selbst. Das ist fatal.

Die Europäische Union ist ihren vereinbarten Übereinkommen nicht nachgekommen, was die Flüchtlingsverteilung betrifft, dafür macht sie Deals zur Fluchtursachenbekämpfung, wie etwa mit Libyen: Wie beurteilen das die Flüchtlinge vor Ort? Konnten Sie Meinungen in Lesbos sammeln?

Ich glaube, dass viele der Flüchtlinge diese Zusammenhänge gar nicht genau kennen. Sie sehen nur das, was dabei rauskommt. Dass sie lange in Ungewissheit leben müssen, dass sie nicht wissen, was mit ihnen passiert oder ob sie abgeschoben werden. Das macht die Flüchtlinge kaputt. Aber auch die europäischen Bürger leiden, wenn die Kriminalität steigt und etwa der Drogenhandel und der Drogenkonsum zunehmen. Fluchtursachen zu bekämpfen, ist bislang wohl eher eine Floskel, da in Wirklichkeit überall Grenzen in Afrika aufgebaut und Grenz­kontrollen eingerichtet werden, um die Flüchtlinge schon in Afrika zu stoppen. Die Fluchtursachen werden nicht bekämpft, sondern Fluchtmöglichkeiten werden eingeschränkt. Ich sehe nicht, dass die Europäer sich dafür ernsthaft interessieren. Für sie ist nur wichtig, den Flüchtlingsstrom zu verringern oder ganz zu stoppen, mit welchen Mitteln auch immer.

Gibt es denn auch hoffnungsvolle Zeichen auf Lesbos, trotz dieser katastrophalen Situation, die sie geschildert haben?

Ich habe, wie im Januar 2016 auch, die Insel hoffnungsvoll verlassen. Ich war positiv überrascht, von dem, was alles möglich ist. Es gibt eine Reihe von Organisationen, die großartige Arbeit leisten, wie das Sozial-Zentrum „One Happy Family“, das Sozial-Zentrum der amerikanischen Organisation Humans4Humanity, oder das privat organisierte Lager „PIKPA“, das die griechische NGO Lesbos Solidarity betreibt. Die haben beispielsweise gerade eine Schule „Mosaic“ in der Stadt Mytilini eröffnet. Sie bieten dort Sprachunterricht an, sowie Musik-, Kunst- oder Meditationsprojekte. Oder sie nähen dort aus den alten Schwimmwesten der Flüchtlinge Taschen, die dann verkauft werden. Daraus ist ein richtiges Unternehmen entstanden. Ich finde es hervorragend, dass man die Flüchtlinge aus den Lagern holt und ihnen eine Beschäftigung gibt.

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Die Flüchtlinge arbeiten in diesen Zentren auch selbst mit. Sie haben Möbel gebaut oder die Räume neu dekoriert. Da entsteht plötzlich eine ganz neue Dynamik. Im „One Happy Family“ Zentrum wurde jetzt eine Schule mit Lehrern aus den Lagern eröffnet. Es gibt  ja alle Berufsgruppen in den Camps. Man versucht die Leute, die schon da sind, zu aktivieren. Es ist schön zu sehen, was dann eben doch geht und was eigentlich alles möglich wäre.

Werden all diese Initiativen durch Privatengagement am Leben gehalten und durch Spenden finanziert?

Lesbos Solidarity und damit Pikpa und Mosaic müssen beispielsweise um die eigene Existenz kämpfen. Die Stadt und der Bürgermeister wollen das Lager schließen. Der Bürgermeister möchte PIKPA die Schwimmwesten zur Taschenproduktion nicht mehr zur Verfügung stellen, obwohl hunderttausende davon auf einer Müllhalde herumliegen und nur die Umwelt verschmutzen.

Im Hinblick auf die europäischen Regierungen, was müsste sich Ihrer Meinung nach dringend ändern? 

Es ist wichtig, die Flüchtlinge vor Ort zu fördern. Es müssen Möglichkeiten im Bereich der Weiterbildung und Berufsausbildung angeboten werden. Jene Projekte, die das schon tun, dürfen nicht behindert werden. Sonst ist die Zeit für die Flüchtlinge völlig verloren und sie werden depressiv. Die Flüchtlinge sollten schneller die Möglichkeit zum Arbeiten bekommen, um selber ein bisschen Geld zu verdienen.

Was haben Sie von ihrer freiwilligen Arbeit auf Lesbos mitgenommen?

Auf Lesbos lernte ich, dass eine Gesellschaft auch anders funktionieren kann:  Alle haben plötzlich zusammengearbeitet. Herkunft, sozialer Status und Alter haben keine Rolle gespielt. Alle haben mit angepackt, den ganzen Tag für die Flüchtlinge gekocht, Essen oder Kleidung ausgegeben, am Strand geholfen, im Lager geräumt. Es war eine sehr positive Energie zu spüren und ich habe gesehen, wozu die Zivilgesellschaft fähig ist, wenn sie sich selbst ermächtigt und einfach startet.