Cédric Villani: „Deutschland weiß, wie viel es Macron zu verdanken hat“

Cédric Villani [TED/YouTube]

Emmanuel Macrons Wahlsieg hat die Angst Deutschlands vor einem Frexit beseitigt. Das sollte helfen, die Kooperation zwischen den beiden treibenden Kräften der EU zu verbessern, sagt Cédric Villani im Interview mit EURACTIV France.

Cédric Villani ist ein französischer Mathematiker, Professor an der Universität Lyon und Direktor des Institut Henri Poincaré. Der überzeugte pro-Europäer und Anhänger von Emmanuel Macron kandidiert bei der kommenden Parlamentswahl im Department Essonne in der Nähe von Paris. Villani sprach mit Cécile Barbière von EURACTIV.fr.

Der Wahlkampf zur Präsidentschaftswahl hat sich sehr auf Europa fokussiert. Glauben Sie, dass dieses Thema für die französischen Bürger wirklich so eine dringende Frage ist?

Das kommt drauf an. Es gibt großes, echtes Interesse in einigen Teilen der Bevölkerung, während andere Bürger sich kaum oder gar nicht mit der EU befassen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen denen, die von Europa profitieren – weil sie zum Beispiel ungehindert reisen oder im Ausland studieren können – und denjenigen, die zwar Neuigkeiten aus Europa empfangen, aber fest in Frankreich verwurzelt sind und keine konkrete Verbindung zur EU haben.

Wir müssen mehr über Europa reden und mehr Leuten die Möglichkeit geben, Europa zu erleben: ganze Altersklassen sollten von Erasmus profitieren.

Das Problem ist, dass die Präsenz der europäischen Politik nicht so hoch ist, wie die der nationalen. Zur Präsidentschaftswahlen sprechen in Frankreich alle über Politik, aber es gibt kein europäisches Äquivalent zu diesen Wahlen. Klar, es gibt die Wahlen zum Europäischen Parlament – aber eben keine große Debatte wie zu den nationalen Präsidentschaftswahlen. Es gibt daher weniger Gelegenheit, über europäische Politik zu diskutieren.

Eine Erkenntnis der Wahl in Frankreich ist: die Franzosen sind zwar nicht besonders große Fans der EU, aber die Union verlassen wollen sie auch nicht. Was kann getan werden, um die französischen Bürger mehr für das europäische Projekt zu begeistern?

Wenn Sie die Franzosen fragen, werden die Ihnen sagen, dass Europa schlecht gemanagt wird und schlecht aufgebaut ist. Aber wenn Sie über einen Austritt reden, werden sie Ihnen widersprechen. Der Brexit hat das pro-EU-Gefühl hierzulande gestärkt. Die Leute haben gemerkt, dass sie sich dem europäischen Projekt recht verbunden fühlen.

Macrons großer Coup war es, den proeuropäischsten Wahlkampf zu führen. In seiner Kampagne war die EU immer das Herzstück. Das war ein Wagnis, Europa ist ein Thema, mit dem man Wahlen verliert – aber er hat gewonnen. Die Franzosen sind gar nicht so euroskeptisch.

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Sie sagen, der Brexit habe das pro-EU-Gefühl wieder bestärkt…

Ja, in gewisser Weise. Wir wissen noch nicht, was das Endergebnis des Brexit sein wird. Im Moment herrscht noch Chaos. Ich selber habe den Brexit beinahe als physischen Schmerz empfunden. Jetzt stellt sich langsam heraus, dass Großbritannien keine Ahnung hat, was es tun soll, die Verhandlungen kommen nicht voran, und die anderen EU-Länder bilden eine gemeinsame Front in der Angelegenheit.

Das ist ein sehr komplizierter Wendepunkt für die europäische Politik. Der Ruf nach Reformen, auch nach Änderungen der Verträge, wird von allen Seiten lauter.

Was sind Emmanuel Macrons Hauptideen für europäische Reformen?

Europa bedeutet Kooperation. Es gibt schon Zusammenarbeit, beispielsweise in großen Wissenschaftsprojekten, aber das muss weiter ausgebaut werden. Ein tolles Programm ist zum Beispiel der Europäische Forschungsrat, über den wir Wissenschaftler unterstützen – unabhängig von ihrer Herkunft, nur basierend auf Expertise. Die europäische Wissenschaftszusammenarbeit muss gestärkt werden, aber wir brauchen weitere große Kooperationsprojekte, zum Beispiel im Kampf gegen den Klimawandel, für das digitale Europa und eine europäische Verteidigungsunion. In all diesen Punkten ist der Nationalstaat schlicht zu klein.

Alleine können sich weder Frankreich noch Deutschland gegen China, die USA oder Russland behaupten. Aber eine vereinte EU ist ein wirtschaftlicher und demografischer Block mit echter Macht. Das gleiche gilt auch für den digitalen Bereich. Die amerikanischen Riesenkonzerne ficht es nicht an, wenn ein Land neue Verordnungen erlässt, aber wenn das gesamte Europa einen Wettbewerbsmechanismus einführt, wird das ernst genommen.

Aber wie können die europäischen Bürger konkret eingebunden werden?

Ein wichtiger Punkt in Emmanuel Macrons Programm ist die Bürgerbeteiligung, insbesondere über die demokratischen Tagungen, die er überall in Europa einführen möchte. Er zielt auf eine echte Debatte und eine Abkehr von einfachen Ja-Nein-Logiken. Wir müssen verstehen, warum wir Europa brauchen. Wenn Sie sich auf ein Abenteuer einlassen, ohne zu wissen, warum, kann das ein schnelles Ende nehmen. Im Endeffekt sind es nicht die Regularien und Institutionen sondern der persönliche Einsatz der Teilnehmer, die ein Projekt am Leben halten.

Nicht nur die Bürger, sondern auch die Führer einiger Mitgliedsstaaten, besonders Polen und Ungarn, müssen wieder für das europäische Projekt begeistert werden. Haben Sie diesbezüglich Hoffnung?

Richbtig, wir müssen ebenso die Bürger wie auch ihre Vertretern erreichen. Wenn wir gewisse Situationen analysieren, zum Beispiel die Demokratieprobleme in Polen oder Ungarn, können wir zu dem Schluss kommen, dass die Demokratie in Gefahr ist. Wir dürfen nicht moralistisch  sein und unsere Verbündeten verurteilen, aber wir müssen die Anzeichen für politische Differenzen ernstnehmen. Ich hoffe, dass eines Tages sogar Russland Teil des europäischen Projekts ist, aber bis dahin ist es natürlich ein sehr weiter Weg. Heute geht es um eine EU der 28 oder 27 Staaten – und vielleicht einiger mehr, wenn die derzeitigen Erweiterungsverhandlungen abgeschlossen sind.

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In Bezug auf die französischen Beziehungen zu anderen EU-Staaten wurde Macron vorgeworfen, er stünde Deutschland zu nahe. Was halten Sie davon?

Um Fortschritte zu erzielen, müssen wir Vertrauen haben. In Deutschland hat man verstanden, dass der Populismus in ganz Europa stark geworden war. Vor allem hatte Berlin Angst vor einem Frexit. Das hätte den absoluten Zusammenbruch der EU bedeutet. Deutschland ist ein großer Unterstützer des europäischen Projekts und weiß, wie viel es Emmanuel Macron zu verdanken hat. Ich denke, Berlin wird sich auch dementsprechend verhalten.