„Kultur- und Kreativwirtschaft muss zu einer politischen Priorität werden“

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.com PLC.

Die Kultur - und Kreativwirtschaft verdient als wichtiger Industriezweig in Europa mehr Beachtung und Unterstützung, meint Christian Ehler. [Per-Olof Forsberg/Flickr]

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist der Wachstumsmotor Europas. Die EU muss endlich dafür sorgen, dass dieser Sektor besseren Zugang zu Finanzmitteln und mehr Förderung erhält, meint der EVP-Abgeordnete Christian Ehler.

Der Übergang der digitalen Wirtschaft in die traditionellen Produktionsprozesse und herkömmlichen Wertschöpfungsketten wird zunehmend durch die Kultur- und Kreativwirtschaft ersetzt. Das Ergebnis ist, dass die sogenannte Kreativwirtschaft in Europa wächst und eine entscheidende Rolle bei der Reindustrialisierung Europas und beim Wirtschaftswachstum spielt. Unser aller Ziel muss es jetzt sein, eine spezifische Strategie zu entwickeln, die zur Unterstützung der Kultur- und Kreativwirtschaft beiträgt.

Im Lichte der laufenden Urheberrechtsreform stimmte das Europäische Parlament im Dezemberplenum für einen gemeinsamen Initiativbericht des Industrie- und Kulturausschusses (ITRE/CULT), der die Situation von Millionen Europäern, die in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig sind, verbessern soll. Wie? Indem wir den Markt erstmals definieren und eingrenzen!

Die Kultur – und Kreativwirtschaft kann Geschichten erzählen, denen sich jeder verbunden fühlt, eine positive Geschichte über das kulturelle Erbe und die europäische Kreativität und Identität – es geht um das Dazugehören, um das Gefühl zu Hause zu sein.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist der Wachstumsmotor Europas. Die drei Millionen Unternehmen in den Kreativindustrien sorgen in Europa für mehr als 12 Millionen Vollzeitstellen, was bedeutet, dass nicht weniger als 7,5 Prozent der EU-Beschäftigten in diesem Sektor tätig sind. Der Umsatz beläuft sich auf 1.500 Milliarden Euro während der Mehrwert sich auf rund 509 Milliarden Euro beläuft. Es ist eine Tatsache, dass dieser Sektor größer ist als die Automobil- und chemischen Produktionen in der EU, insbesondere mit Blick auf die Beschäftigung junger Menschen und der Digitalisierung, die Pluralismus sowie sprachliche und kulturelle Vielfalt bewahrt.

Vor allem vor dem Hintergrund eines konvergierenden, globalisierten Marktes ist es von großer Bedeutung, das Angebot innovativer und hochwertiger Dienstleistungen zu stärken. Dabei ist die Kultur- und Kreativwirtschaft zahlreichen Herausforderungen ausgesetzt- die Veränderungen der Wertschöpfungsketten, Digitalisierung, Internationalisierung und Europäische Gesetzgebung, die den Sektor direkt und indirekt betrifft. Trotz dieser Tatsachen ist der Sektor „Kultur- und Kreativwirtschaft“ nie zuvor als Industriezweig definiert worden.

Modernisierung des Urheberrechts für das digitale Zeitalter wäre wichtigste Reform

Eine Modernisierung des Urheberrechts für das digitale Zeitalter ist vermutlich die wichtigste Reform, die momentan auf Europäischer Ebene verhandelt wird, um das Leben für Künstler, Urheber und Designer im Kultur- und Kreativsektor wieder lukrativ zu machen. Probleme und Gesetzeslücken gibt es in diesem Bereich genug. So zum Beispiel die Frage der Plattformregulierung: Der Wert der kulturellen und kreativen Arbeiten wurde von den Nutzern, Rechteinhabern, Künstlern und Produzenten – weitgehend zum Vorteil der Plattformbetreiber – abgezweigt.

Diese Praxis hat einen ineffizienten und unfairen Markt geschaffen und droht die langfristige Gesundheit der kulturellen und kreativen Sektoren der EU sowie den Erfolg des digitalen Binnenmarktes zu gefährden. Diese ungerechte Situation muss sich ändern. Unser Initiativbericht macht deutlich, dass Haftungsausschlüsse nur für neutrale und passive Online-Dienstleister und nicht für Dienste gelten können, die eine aktive Rolle bei der Verteilung, Förderung und Vermarktung von Inhalten auf Kosten der Urheber spielen. Der Sektor ist jedoch noch so viel mehr als nur Copyright.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft wirkt durch die sogenannten „Spill-over-Effects“ in andere Branchen wie dem Tourismus, dem Einzelhandel und der Digitaltechnik hinein und bewahrt europäisches Kulturerbe und traditionelles Savoir-Faire. Die oft stark ausgeprägte regionale Bindung ist kein unbedeutender Grund der zur sozialen Kohäsion Europas beiträgt.

Europäische Kommission muss im kommenden Jahr eine Industriestrategie vorlegen

Es liegt nun auch an der Kommission, diese Vorschläge umzusetzen und dabei nicht allzu viel Zeit zu verlieren,  denn längst laufen zahlreiche Gesetzesinitiativen – gerade im Bereich der Digitalen Agenda – die die Kreativwirtschaft direkt und indirekt betreffen. Ich erwarte daher, dass die Europäische Kommission im kommenden Jahr eine Industriestrategie für den Kultur- und Kreativsektor entwirft.

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Für mich liegen die nächsten Schritte klar auf der Hand: Wir müssen den Zugang zu Finanzmitteln verbessern und Kultur-und Kreativindustrien besser als zuvor durch die Förder- und Finanzierungsprogramme der EU fördern. Das Europäische Parlament wird diese Ideen in die Verhandlungen zum nächsten MFF und der Neuauflage der Strukturfonds, des Forschungsrahmenprogramms und dem EFSI einfließen lassen.

Mit dem jüngst verabschiedeten Bericht haben wir einen guten Anfang gemacht und eine Blaupause sowie eine Vision für die Zukunft dieses Sektors entworfen. Eine Vision, die dazu beiträgt, das Wachstum zu fördern, das innovative Potenzial des Sektors zu erschließen. Das Europäische Parlament, allen voran die Intergroup „Cultural and Creative Industries“, wird diesen Prozess aufmerksam, aktiv und konstruktiv begleiten.

Die Richtung ist klar: Wir müssen Kreativindustrien zur politischen Priorität machen- in allen Politikbereichen.

Der Autor

Dr. Christian Ehler ist ein deutscher Abgeordneter der CDU und Mitglied der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) im Europäischen Parlament. Dort gehört er unterem dem Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie und der Delegation für die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten an.

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