Holocaust-Gedenktag Auschwitz: Historische Gerechtigkeit statt politischer Entgleisungen

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Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau [© Surreal Name Given (CC BY 2.0)]

Am Dienstag jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee zum 70. Mal. Die tiefe Krise in den Beziehungen zu Russland kann für politische Entgleisung und Feindseligkeiten keine Entschuldigung sein. Vielmehr geht es um die Wahrheit darum, wer damals Opfer und wer damals Täter war, was wir aus unserer Geschichte heute und morgen machen und lernen, meint Petra Erler.

Als der ukrainische Ministerpräsident Arseni Jazenjuk in einem ARD-Interview am 7. Januar dieses Jahres auf die Frage, wie er hoffe, die Bundeskanzlerin zu mehr Hilfe für die Ukraine bewegen zu können, unter anderem allen Ernstes sagte: „Wir können uns alle sehr gut auf den sowjetischen Anmarsch in die Ukraine und nach Deutschland erinnern“ (so die deutsche Simultanübersetzung), dachte ich erst, ich hätte mich verhört. Zumal er später selbst davon sprach, man dürfe die Geschichte nicht revidieren. Aber ich hatte mich nicht verhört.

Die tiefe Krise in den Beziehungen zu Russland kann für eine solche politische Entgleisung nicht als Entschuldigung dienen, auch wenn sie ein bequemes Erklärungsmuster liefert. Es geht auch nicht um die russische Seele, die den Zweiten Weltkrieg als Großen Vaterländischen Krieg in würdiger Erinnerung hält. Es geht um die Wahrheit, darum, wer damals Opfer und wer damals Täter war, was wir aus unserer Geschichte heute und morgen machen und lernen.

1963 kam es in der Bundesrepublik Deutschland zum ersten Prozess um die Verbrechen in Auschwitz. Eine Dokumentation beschreibt einen der damals Angeklagten wie folgt: „Zu den Angeklagten gehörte auch der Anthropologe Dr. Bruno Beger. Er war ein höherer SS-Offizier und arbeitete zusammen mit dem während des Zweiten Weltkrieges an der Universität Straßburg tätig gewesenen Professor Hirt, der bei Kriegsende Selbstmord beging. Sie wollten eine Schädelsammlung von ‚jüdisch-bolschewistischen Kommissaren‘ anlegen. Da in Auschwitz viele sowjetische Kriegsgefangene inhaftiert waren, wurden die Opfer dort ausgesucht, getötet, skelettiert und die Köpfe in der Universität Straßburg verwahrt.“

Niemand weiß genau, wie viele Opfer Auschwitz genau forderte und welchen Nationalitäten sie angehörten. Was wir wissen ist, dass die Hölle von Auschwitz Teil der barbarischen Judenvernichtung durch die Nazis war, die im Übrigen auch alles andere auszulöschen suchten, was sie für minderwertig und unwert hielten. In Vernichtungslagern, aber nicht nur dort.

Die wenigen Überlebenden werden nicht mehr lange Zeugnis von der Barbarei des Faschismus ablegen können. Deshalb sind Gedenktage, wie der 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee so wichtig. Erinnert wird an einem solchen Tag nicht nur der ungeheuerlichen, durch nichts wiedergutzumachenden Verbrechen. Erinnert wird auch an den Weg, der gegangen wurde, um die wenigen Überlebenden schließlich der Vernichtungsmaschinerie noch entreißen zu können. Wie dieser unendlich schwere und opferreiche Weg der Roten Armee aussah, können wir erahnen nur Dank derer, die ihn gingen und überlebten.

Deshalb ist es keine protokollarische Frage, wer oder wer nicht an den Feierlichkeiten anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz teilnimmt. Hier geht es um historische Gerechtigkeit, auch um den Kampf gegen die Verdrängung oder gar Umbewertung der Geschichte. Wenn heute viele junge Deutsche mit Auschwitz nichts mehr verbinden, dann ist dieser Kampf nicht gewonnen. Im Gegenteil.

Und wenn ein polnischer Außenminister fein herausstellt, dass es ja die Erste Ukrainische Front gewesen wäre, die das Lager befreit habe, dann ist das eine unfassbare politische Entgleisung, die nicht schweigend hingenommen werden sollte. Schon gar nicht durch das politische Berlin. Oder erinnern auch wir uns nicht mehr daran, dass die Niederlage von Nazideutschland in Wahrheit ein Tag der Befreiung war. Im heutigen Bundestag sind die Inschriften der sowjetischen Soldaten, die Berlin befreiten, nachzulesen. Und wir verdanken ihnen viel.

Die Autorin:

Dr. Petra Erler ist Geschäftsführerin der „The European Experience Company GmbH“ in Potsdam und ehemalige Kabinettschefin des damaligen EU-Kommissars Günter Verheugen in Brüssel.