Digitalisierung der Arbeitswelt: Weniger Jobverluste, aber steigende Ungleichheit

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.com PLC.

Unter deutschen Unternehmen zeigt sich ein verhaltener Optimismus, wenn es um den Brexit geht. [Foto: EP]

Gefährdet die zunehmende Digitalisierung eine große Zahl von Arbeitsplätzen? Eine neue Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der OECD zeigt: Weit weniger als bislang vermutet. Dennoch könnte die Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt zunehmen, schreiben Melanie Arntz, Terry Gregory und Ulrich Zierahn.

Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne kamen jüngst in einer Studie zu der Einschätzung, dass 47 Prozent aller Beschäftigten in den USA durch die Automatisierung gefährdet sind. Diese alarmierenden Zahlen motivierte eine ganze Reihe von Folgestudien, die zu ähnlichen Einschätzungen in mehreren europäischen Ländern kommen mit Blick auf den Anteil der durch Automatisierung bedrohten Arbeitsplätze.

Allerdings verdrängen Maschinen üblicherweise nicht gleich ganze Berufe, sondern ersetzen vielmehr einzelne Tätigkeiten. Berufe wiederum setzen sich aus einer Vielzahl an Tätigkeiten zusammen, die auch innerhalb von Berufen zwischen verschiedenen Arbeitsplätzen variieren. Die bisherigen, an Frey und Osborne angelehnten Studien nehmen hingegen an, dass ganze Berufe automatisiert werden können und überschätzen daher vermutlich das Automatisierungspotenzial.

Das ZEW hat in seiner Studie nun die Heterogenität der Arbeitsplätze in 21 OECD-Ländern mit Blick auf die Tätigkeitsstruktur berücksichtigt, um die Automatisierungswahrscheinlichkeit auf Grundlage der tatsächlichen Tätigkeiten am einzelnen Arbeitsplatz abzuschätzen.

Studie: Mindestlohn führt kaum zu Entlassungen

Der gesetzliche Mindestlohn bringt in Deutschland kaum Nachteile, zeigt eine Studie. Die meisten betroffenen Betriebe behalten ihr Personal – und sparen an anderer Stelle.

Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass dieser tätigkeitsorientierte Ansatz zu sehr viel konservativeren Einschätzungen des Automatisierungspotenzials gelangt. Demnach sind im Durchschnitt nur neun Prozent der Beschäftigten in den 21 untersuchten OECD-Ländern automatisierbar. Dieser Anteil variiert zwischen sechs Prozent in Südkorea und zwölf Prozent in Österreich – eine Varianz, die in der Studie mit generellen Unterschieden in der Arbeitsplatzorganisation, mit vorherigen Investitionen in Automatisierungstechnologien sowie mit Länderunterschieden im Bildungsniveau der Beschäftigten in Verbindung gebracht werden konnte.

Beschäftigte können Tätigkeitsfelder an die sich wandelnden Aufgaben anpassen

Auch die jüngsten technologischen Entwicklungen werden somit kaum das Ende der Arbeit einläuten. Dennoch wären auch diese Zahlen beunruhigend, wenn tatsächlich Beschäftigung in diesem Ausmaße verloren ginge. Das hier abgeschätzte Automatisierungspotenzial darf jedoch aus drei Gründen nicht mit den tatsächlichen oder erwarteten Beschäftigungsverlusten gleichgesetzt werden.

Erstens gibt es erhebliche rechtliche, gesellschaftliche und auch wirtschaftliche Hürden, die eine tatsächliche Anwendung der technologischen Möglichkeiten in der betrieblichen Praxis deutlich verlangsamen. Zweitens können Beschäftigte ihre Tätigkeitsfelder an die sich wandelnden Aufgaben am Arbeitsplatz anpassen, sodass ein technologiebedingter Arbeitsplatzverlust vermieden wird. Drittens schafft die Nachfrage nach neuen Technologien auch unmittelbar neue Arbeitsplätze und führt zudem aufgrund steigender Wettbewerbsfähigkeit mittelbar zu neuen Arbeitsplätzen.

Arbeitslosigkeit: EU-weit 21 Millionen Menschen ohne Job

Die Arbeitslosigkeit in Europa bleibt hoch. Während es in südeuropäischen Staaten weiter besonders düster aussieht, stehen etwa in Tschechien die meisten Bürger in Lohn und Brot.

Es ist daher unwahrscheinlich, dass die derzeitige Digitalisierungs- und Automatisierungswelle die Zahl der Jobs deutlich reduzieren wird. Gleichzeitig ist jedoch mit Umbrüchen zu rechnen, wenn sich Berufsfelder und die an einem Arbeitsplatz benötigten Fähigkeiten verändern und sich Arbeitskräfte somit an die neuen Anforderungen anpassen müssen. Insbesondere Geringqualifizierte könnten diesen Anpassungsdruck zu spüren bekommen, da ihre Jobs im Vergleich zu Höherqualifizierten eine signifikant höhere Automatisierbarkeit aufweisen.

Die Herausforderung für die Arbeitswelt von morgen liegt daher vermutlich eher in einer Zunahme der Ungleichheit in Beschäftigungs- und Lohnchancen und der Frage, wie eine ausreichende Weiterbildung und Höherqualifizierung für die am stärksten betroffenen Arbeitskräfte sichergestellt werden kann.

Die Autoren

Dr. Melanie Arntz ist kommissarische Leiterin des Forschungsbereichs „Arbeitsmärkte, Personalmanagement und Soziale Sicherung“ am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Dr. Terry Gregory und Dr. Ulrich Zierahn sind Senior Researcher am ZEW.