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09/12/2016

Würzburg-Attentat: Die Gefährlichkeit der offenen Fragen

EU-Innenpolitik

Würzburg-Attentat: Die Gefährlichkeit der offenen Fragen

Nahe Würzburg hatte ein Mann in einem Regionalzug Reisende mit einer Axt und einem Messer angegriffen.

Foto: Screenshot/Twitter

Wie wird aus einem jungen Flüchtling mit guter sozialer Perspektive plötzlich ein Attentäter? Welche Rolle spielt der Islam? Was taugen die bisherigen Erklärungsansätze zum Würzburg-Anschlag? EurActivs Medienpartner WirtschaftsWoche berichtet.

Ein 17-jähriger Flüchtling nimmt eine Axt, steigt in einen Zug und will Menschen töten. Er verletzt vier Mitreisende schwer, auf der Flucht eine weitere Person. Dann wird der Jugendliche, der vor einem Jahr ohne Begleitung nach Deutschland kam, von einem Sondereinsatzkommando erschossen. Später reklamiert der Islamische Staat das Attentat für sich.

Das sind die Fakten zum Attentat in einer Würzburger Regionalbahn. Alles andere sind ungesicherte Informationen, Spekulationen und Annahmen. Selbst die Frage der Nationalität ist nicht geklärt. Der 17-Jährige war als Afghane eingereist. Nach Angaben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière liegt ein Antrag für eine Familienzusammenführung vor, die Familienmitglieder leben demnach in Afghanistan. Dennoch wird in Ermittlerkreisen diese Herkunft bezweifelt. Möglicherweise stammte er auch aus dem benachbarten Pakistan.

Die wichtigste Frage, auf die es bislang keine gesicherten Erkenntnisse gibt: Wieso verübt ein Jugendlicher, der den Weg nach Deutschland findet, in einer Pflegefamilie lebt und sogar einen Ausbildungsplatz in Aussicht hat, eine solche Tat?

Peter Neumann vom Internationalen Zentrum für Radikalisierung am King’s College in London spricht von einer „Blitzradikalisierung“. Die Vermutung liege nahe, dass sich der Täter von Würzburg innerhalb der letzten Wochen in Deutschland radikalisiert habe, sagt Neumann in einem Gespräch mit der Augsburger Allgemeinen. „Das ist ungewöhnlich. Typischerweise dauern Radikalisierungsprozesse mehrere Monate oder gar Jahre. Das ist eine neue Qualität.“

Wie läuft das ab? Was sind Auslöser für eine solche Blitzradikalisierung? Politologe und Pädagoge Thomas Mücke fallen im Interview mit Zeit Online eine Vielzahl von Möglichkeiten ein. Der Täter von Würzburg könnte in Zusammenhang mit der Attacke in Nizza ein Nachahmungstäter sein. Ebenso könnten private Probleme den Ausschlag gegeben habe. Mücke sieht aber kein erhöhtes Radikalisierungsrisiko unter jungen Flüchtlingen. Die hätten zwar Krieg und Gewalt miterlebt. „Aber das macht sie nicht gefährlich.“

Ahmad Mansour von der „European Foundation for Democracy“ ist anderer Meinung. „Islamisten haben schon bemerkt, dass vor allem die unbegleiteten Minderjährigen eine instabile Gruppe sind“, sagt Mansour in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Junge Flüchtlinge suchten nach Vaterfiguren, Orientierung und Halt. „Und wenn die einzigen, die ihnen Angebote machen, die Salafisten sind, dann werden wir ein Problem haben.“

Wie reagieren wir auf ein Phänomen, das wir nicht verstehen?

Mansour hat ähnliches selbst erlebt. Als junger Palästinenser hatte er sich in Israel zeitweilig radikalisiert, später schwor er dem Islamismus aber ab. Mittlerweile erforscht erforscht er die Thematik aus wissenschaftlicher Perspektive. Er glaubt, dass manche Flüchtlinge, besonders Jüngere, keinen Zugang zur deutschen Gesellschaft finden. Er kenne viele, „die in Deutschland physisch angekommen sind, aber mental und emotional sind sie immer noch in ihren Heimatländern“.

Hinzu kommt ein problematisches Werteverständnis im Islam, wie Mansour gegenüber n-tv erklärt. Die muslimische Community müsse „eine innerislamische Debatte führen, um Jugendlichen ein Islamverständnis anzubieten, das keine Basis schafft, auf der Islamisten ihre radikalen Ideologien aufbauen können. Sie müssen zu einem demokratischen, humanistischen Islam finden, der ohne Wenn und Aber hinter den Menschenrechten steht.“ Das vorherrschende Islamverständnis sei konservativ und trage Werte in sich, die den Radikalen in die Hände spielten.

Innenminister de Maizière, für den der Fall „im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror“ liegt, ist der Meinung, der Täter sei von dem Islamischen Staat „angestachelt“ worden. In einem Video hatte sich der Jugendliche zum IS bekannt. Laut Innenminister enthalte das Video keine Hinweise, dass der IS das Attentat beauftragt oder mitgeplant habe.

Vielmehr dürfte sich der Jugendliche selbst zu dem Angriff entschieden haben. Sollten die Ermittlungen diesen Befund bestätigen, steht Deutschland vor einem Dilemma. Über 52.000 minderjährige Flüchtlinge, die ohne Begleitung gekommen sind, leben derzeit hier. Sie alle zu potentiellen Attentätern zu erklären, wäre zynisch und genau jene Überreaktion, die der IS erreichen möchte. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass im Zuge der Flüchtlingskrise eben Menschen zu uns gekommen sind, die sich offenbar in kürzester Zeit radikalisieren können und dann zur Gefahr werden.

Wir wissen, dass es diese Gefahr gibt. Wie wir ihr entgegentreten können, wissen wir nicht.