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08/12/2016

Wird der digitale Binnenmarkt mehrsprachig sein?

EU-Innenpolitik

Wird der digitale Binnenmarkt mehrsprachig sein?

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[Alfonso/Flickr]

Die lettische EU-Ratspräsidentschaft veranstaltete in der vergangenen Woche einen Gipfel zum mehrsprachigen digitalen Binnenmarkt (DSM) in Riga – kurz bevor die EU-Kommission ihren lange erwarteten DSM-Plan vorstellen wird.

Der digitale Binnenmarkt ist die neue Flaggschiffstrategie der Kommission, soll die Digitale Agenda ersetzen und wird am Mittwoch vorgestellt.

Beim Gipfel in Riga beteuerten die Politiker ihre Unterstützung für Europas reiches Spracherbe und für eine Politik der Mehrsprachigkeit.

Doch die inhaltlichen Diskussionen fanden auf Expertenebene statt. Sprachforscher, Softwareexperten und Übersetzungsoffizielle steckten die Köpfe zusammen, um das Mehrsprachigkeitsrätsel der EU zu lösen.

Dazu gehörten Diskussionen über eine kostenlose EU-Übersetzungsbetreuung und ein Vergleich der Denkansätze verschiedener Medien zu Sprachen.

Die Redner in Riga zeigten, wie die europäische Industrie, die Medien, Regierungen und Dienstleister mehrsprachige Lösungen bereits umsetzen.

Einige äußerten sich besorgt über ein einsprachiges Internet, den Mangel an Sprachschnittstellen für nationale Inhalte, und die Abhängigkeit von einigen wenigen amerikanischen Anwendungen, wie dem vielkritisierten Google Translate.

Konzentriert sich der DSM ausreichend auf Sprachen?

Der digitale Binnenmarkt der Kommission, der im März skizziert wurde, enthält Pläne, die territorialen Urheberrechte für das Fernsehen, Filme und die Musik aufzulösen.

Dazu gehört auch das Anpacken des „Geoblocking“: Medien- und Unterhaltungsrechte werden oft auf Länderbasis vergeben, was es illegal und schwierig macht, diese Inhalte außerhalb des lizensierten Landes zuzugreifen.

Die Redner auf dem Gipfel von Riga befürworteten genauso sehr die Bekämpfung des analogen „Sprachblocking“ – bei der Menschen ohne Fremdsprachenkenntnisse keinen Zugang zu wichtigen Informationen haben.

Durch mangelnde Übersetzungsanstrengungen laufen kleinere Sprachen Gefahr, durch Englisch ersetzt zu werden, warnte Rebecca Petras von der Nichtregierungsorganisation (NGO) Translators Without Borders.

„Spricht man mit jemandem in einer Sprache, die er versteht, erfasst er das Gesagte mit seinem Verstand. Spricht man mit ihm in seiner Muttersprache, geht es ihm ins Herz“, sagte Petras, Nelson Mandela zitierend.

Gegenüber EurActiv forderte der Cheforganisator des Rigaer Gipfels, die Sprachprobleme im Rahmen des DSM klarer anzugehen. Auch forderte er die Unterzeichnung eines offenen Briefes, den mehr als 3.600 Fachleute unterstützten.

Regierungsinformationen

Doch bei den EU-Bemühungen geht es nicht nur darum, Sprachen anzupreisen, sondern auch etwas für sie zu tun.

Marta Nagy-Rothengass leitet die Abteilung „Daten-Wertschöpfungskette“ in der Generaldirektion CONNECT. Sie führt den automatischen EU-Übersetzungsdienst ein. CEF.AT (automatisierte Übersetzung) baut auf dem bestehenden internen MT@EC (Maschinelle Übersetzung bei der Europäischen Kommission) auf. Dabei geht es darum, den EU-Übersetzungswerkzeugen auch außerhalb zum Durchbruch zu verhelfen, im Wissen, dass menschliche Übersetzungen dem zunehmenden Arbeitsvolumen und den Budgetbeschränkungen nicht gerecht werden.

Die Kommissionbeamtin verdeutlichte auf EurActiv-Nachfrage den Umfang: „Dieses Projekt konzentriert sich zuerst auf grenzüberschreitende öffentliche Dienstleistungen, in der Hoffnung, gut aufgenommen zu werden. Wenn es ein Erfolg ist, dann könnte der Umfang auch auf den Privatsektor erweitert werden.“ Bei CEF.AT sei in dieser Phase kein Branding erforderlich.

Joao Rodrigues Frade ist in der Generaldirektion DIGIT, der IT-Abteilung der Kommission, für das CET-Projekt und die Architektur-Büro verantwortlich. Die geplante CET.AT-Einführung kombiniere die Bereitstellung von Dienstleistungen, Projektfinanzierung und die Beratung von Beamten der Mitgliedsstaaten, sowie die Aufnahme von Feedback.

Spyridon Pilos ist der Leiter des Bereichs Sprachanwendungen bei der Generaldirektion Übersetzungen der Kommission. Er zeigte, wie die die internen maschinellen Übersetzungsinstrumente vom anfänglichen Moses-Forschungsprojekt weiter wuchsen. Moses und das derzeitige MT@EC-Instrument Dokumente wie die europäische Gesetzgebung behandelt. CEF.AT wird auch Webseiten und generische Texte übersetzen, was technisch anders ist.

Er sehe nicht, dass diese EU-Dienste mit denen von privaten Unternehmen konkurrieren, sagte Jochen Hummel, der Vorsitzende der Branchengruppe LT-Innovate in einem Interview. Doch er hoffe auf eine zukünftige öffentlich-private Partnerschaft. Das sei eine Möglichkeit, einen Mehrwert zur grundlegenden öffentlichen Infrastruktur darzustellen.

Trotz großer Begeisterung unter den Übersetzern gab es auch kritische Rückmeldungen einiger Teilnehmer. „Die Erwartungen, die von EU-finanzierten Projekten über mehrsprachige Technologien geweckt werden, gehen durch die Decke. Aber ohne solide, zugrundeliegende Geschäftsmodelle ist ihr Dasein auf den finanzierten Zeitraum beschränkt“, warnte Michelle Osella vom Istituto Mario Boella.

Privatsektor und Medien

Der Riga-Gipfel zur Mehrsprachigkeit zog auch eine Reihe Medienschaffender an – unter anderem von The Economist, The Guardian, Deutsche Welle and EurActiv – die ihre Vorgangsweise bei Sprachen verglichen, und Vorurteile über die angelsächsische Vernachlässigung von Fremdsprachen konterten.

Einsprachigkeit führe zu politischer Entrechtung, warnte Lan Greene von The Economist. Englisch – als angenommene lingua franca – werde von den meisten EU-Bürgern nicht verstanden. Schon im Mittelalter wären die lateinsprachigen Eliten von den Bevölkerung und ihrer Umgangssprache abgeschnitten gewesen. Die EU könne Lehren aus diesen vergangenen Erfahrungen ziehen.

Bei Deutsche Welle kümmert sich Peggy van der Kreeft als Innovationsmanagerin um Sprachen. Der deutsche Sender biete nicht nur viele Sprachkanäle so wie der BBC World Service, sondern geht auch mit automatisierten Übersetzungsprojekten um. Ein Beispiel sei die Unterstützung des Europaparlaments bei der Übersetzung eines Routineaustauschs wie Wahlergebnissen.

EurActiv-Gründer Christophe Leclercq erläuterte die Zwölf-Sprachen-Strategie des EurActiv-Netzwerks. Man habe Pionierarbeit geleistet, in dem man frühe Instrumente wie automatisierte Übersetzung mit menschlicher Nachbearbeitung kombiniert habe. Um die Arbeit der Übersetzer zu unterstützen, zusätzlich zur Lokalisierung durch Journalisten, nutzt das Netzwerk Übersetzungsspeicher, und könnte auf neuere Instrumente umsteigen. Entsprechende strategische Medienprojekte wurden initiiert, zum Beispiel der Vorschlag Innovation4Media, der die Medientransformation in Europa begleitet und auf #Media4EU aufbaut.

Das Rigaer Medienpanel wurde von Holly Young vom Guardian moderiert, welcher auf Englisch veröffentlicht. Young sagte, dass die Zeitung eine Serie mit „Argumenten für das Erlernen von Sprachen“ machen werde.

Positionen

Andrus Ansip, Vizepräsident für den digitalen Binnenmarkt, präsentierte am 6. Mai die Pläne der EU-Kommission für die Schaffung eines digitalen Binnenmarktes. Am darauf folgenden Tag antwortete er auf eine Frage von EurActiv beim European Business Summit zum Thema Sprachbarrieren. Er erklärte: "Es gibt viele Sprachunternehmen in Europa. [Bei der Kommission], verwenden wir zunehmend automatische Übersetzung. Wir können maschinelle Übersetzungsplattformen entwickeln. Ich hoffe, dass dies künftig kein Hinternis mehr sein wird."

Hintergrund

Jean-Claude Juncker erklärte im vergangenen Jahr den Aufbau eines digitalen Binnenmarktes (DSM) zu einer der Prioritäten in seiner ersten Amtszeit als Kommissionspräsident.

Junckers DSM-Strategie wird sich auf sechs Punkte konzentrieren: Aufbau von Vertrauen, Entfernung von Beschränkungen, Gewährleistung von Zugang und Konnektivität, Aufbau der digitalen Wirtschaft, Förderung der E-Society und Investitionen in die ICT-Forschung.

Kommissionsvizepräsident Andrus Ansip koordiniert die Strategie, die Generaldirektion CONNECT der Kommission wird sie umsetzen.

Ein Teil des Programms wird sich auf Übersetzungstechnologien konzentrieren, die für EU-Finanzierung in Frage kommen.

Die Connecting Europe-Fazilität (CEF) als Teil des Juncker-Investitionsplans umfasst die Finanzierung von EU-Infrastrukturprojekten in den Bereichen Energie, Verkehr und Telekommunikation. Der letzte Sektor wird in Breitband und die digitale Dienstleistungsinfrastruktur (DSI) unterteilt. DSI umfasst insbesondere Europeana (Kulturerbe online), E-Privacy und automatisierte Übersetzungen.

Zeitstrahl

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