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09/12/2016

Wer ist Owen Smith?

EU-Innenpolitik

Wer ist Owen Smith?

Wird der ehemalige BBC-Journalist und Pharmalobbyist Owen Smith bald den Partei-Veteranen Corbyn ablösen?

Foto: Owen Smith

Bis vor kurzem war der britische Labour-Abgeordnete Owen Smith außerhalb des Parlaments in Westminister oder seines Wahlkreises in Wales praktisch unbekannt. Dennoch setzen nun viele gemäßigte Parteimitglieder ihre Hoffnung in den 46-Jährigen, den umstrittenen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn abzulösen.

Corbyn, ein Politikveteran vom linken Parteiflügel, war erst vor knapp einem Jahr bei der ersten Labour-Urwahl von der Basis an die Spitze gewählt worden. Doch im Parteiestablishment ist er äußerst umstritten. Nach der Niederlage des EU-Lagers beim Brexit-Referendum am 23. Juni entlud sich der Unmut in einem Aufstand der Labour-Abgeordneten, die Corbyn vorwarfen, nicht
entschieden genug für den Verbleib in der Europäischen Union geworben zu haben.

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Bei einer Vertrauensabstimmung votierten mehr als 80 Prozent der Abgeordneten gegen Corbyn. Doch dieser berief sich auf die Unterstützung der Parteibasis und lehnte einen Rücktritt aus. Nun soll eine erneute Urwahl die Machtfrage klären.
Einziger Herausforderer ist der einstige BBC-Journalist und Pharmalobbyist Smith. Der walisische Abgeordnete war bis zum Brexit-Referendum unter Corbyn Sprecher für Arbeits- und Rentenpolitik, doch entschloss er sich angesichts des „dramatischen Zusammenbruchs des Vertrauens“ zur Kandidatur gegen seinen Chef. Smith lobte Corbyn dafür, geholfen zu haben, „Labours radikale Wurzeln zu entdecken“. Doch nun sei es Zeit für einen Neubeginn.
„Wir brauchen eine neue Generation von Labour-Frauen und Männern, die diese Partei vorwärts bringen und uns wieder bereit für die Regierung machen“, sagte der 46-Jährige.

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Den Parteimitgliedern, die weiter zu Corbyn stehen, versicherte Smith, er sei „genauso radikal wie Jeremy Corbyn“. Der Politiker, der sich selbst auf dem linken Parteiflügel verortet, plädierte für massive Investitionen in Infrastruktur und Wohnungsbau und sprach sich für eine
Erhöhung des obersten Steuersatzes aus.
Kritiker sehen Smith als Neuauflage des zentristischen Labour-Premiers Tony Blair, der heute in der Partei höchst umstritten ist wegen seiner Entscheidung zur Invasion im Irak 2003, für die damals auch Smith stimmte. Zudem war Smith gezwungen zu dementieren, dass er für eine Teilprivatisierung der beliebten öffentlichen Gesundheitsversorgung in Großbritannien sei, nachdem er als Lobbyist für die Pharmafirma Pfizer das System in Frage gestellt hatte.

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Geboren wurde Smith 1970 als Sohn des prominenten Labour-Historikers Dai Smith. Mit 16 Jahren trat er in die Partei ein, nachdem er durch den Bergarbeiterstreik 1984 politisiert worden war. Nach der Uni arbeitete er zunächst zehn Jahre für den Rundfunksender BBC in Wales und London. Später arbeitete er als Berater für Paul Murphy, den britischen Minister für Wales und später Nordirland. 2005 ging Smith zu Pfizer als Leiter der Beziehungen zur Regierung.

Seit 2010 sitzt Smith für den walisischen Wahlkreis Pontybridd im Parlament – einen Sitz, den zuvor ein Freund seines Vaters innehatte. Kritiker sehen ihn daher als Teil des „Taffia“ genannten Politik- und Medienestablishments in Wales, doch betont Smith, er sei nur ein einfacher Bürger. „Ich bin normal“, versicherte er. „Ich bin in einem normalen Haushalt aufgewachsen. Ich habe eine Frau und drei Kinder. Meine Frau ist Grundschullehrerin.“