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01/10/2016

Was soll mit Hitlers Geburtshaus geschehen?

EU-Innenpolitik

Was soll mit Hitlers Geburtshaus geschehen?

Volkshochschule, Supermarkt oder Bibliothek? Hitlers Geburtshaus in Braunau wird verstaatlicht. Über die Zukunft des Gebäudes soll eine Historiker-Kommission entscheiden.

Das Haus in Braunau am Inn, das die Adresse „Salzburger Vorstadt 15“ trägt, ist ein Platz mit einem besonderen historischen Hintergrund. Es ist nicht nur denkmalgeschütztes Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, hier wurde auch am 20. April 1889 Adolf Hitler geboren. Seine Eltern hatten in dem als Gasthaus genutzten Gebäude eine Wohnung gemietet. Während der Zeit des NS-Regimes diente das Haus als Kulturzentrum. Nach dem Krieg wurde es seinen Eigentümern zurückgegeben, seit 1971 hatte es die Republik Österreich angemietet, konnte sich aber mit der Hauseigentümerin über eine sinnvolle Nutzung nicht einigen. Daher beschloss nun der Ministerrat die Enteignung der Liegenschaft.

Offen ist, was mit dem Objekt sobald das Enteignungsverfahren abgeschlossen ist, geschehen soll. Deutsche wie österreichische Historikern weisen gegenüber EurActiv.de darauf hin, dass es sich dabei um eine heikle und vor allem sensible Frage handelt. „Die Welt wird mit Interesse verfolgen, was an diesem historisch belasteten Platz geschieht, wie mit der Geschichte umgegangen wird, welche Akzente Österreich dabei setzt“, so einer der Historiker. „Niederreißen wäre die wohl schlechteste Lösung.“

Das Wort liegt bei einer Kommission

Die Meinungen der mit diesem Fall befassten Politiker gehen ziemlich auseinander. Bundeskanzler Christian Kern sieht zunächst Probleme mit dem Denkmalschutz. Vizekanzler Reinhold Mitterlehner, selbst Oberösterreicher, würde sich ein Museum wünschen. Sein Landeshauptmann Josef Pühringer will vorerst keine Position beziehen und die Diskussion abwarten. Die lokale Politik vor Ort könnte sich im Haus eine Volkshochschule oder städtische Bibliothek vorstellen. Innenminister Wolfgang Sobotka plädiert für einen Abriss und das Dokumentationsarchiv des Widerstandes hätte nichts gegen einen Supermarkt einzuwenden, der an dieser Stelle dann gebaut würde. Die Entscheidungsgrundlagen vorbereiten soll nun eine Kommission.

Tatsächlich ändert ein Abriss, so der ehemalige Vizekanzler Erhard Busek, nichts an der mit dieser Stelle verbundenen Historie. Er selbst habe zwar vor Jahren seine Unterschrift für ein solches Vorhaben gegeben, mittlerweile aber seine Meinung geändert: „Dort ein Museum zu machen, halte ich für eine wichtige Aktivität“. Denn weiter werden Menschen in die Geburtsstadt Hitlers pilgern und auch den Ort besuchen, an dem er seine ersten Lebensjahre verbrachte. Ein Mahnmal, das auf die Last der Verantwortung aufmerksam macht, würde mehr Sinn machen als eine Baulücke.

Das Budapester „Terror Haza“ als Vorbild

Als Vorbild für die Nutzung eines geschichtlich belasteten Objekts könnte dagegen das so genannte „Terror Haza“, also das Haus des Terrors in Ungarn dienen. Mitten in Budapest gibt es in der Andrássy útca 60 ein gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichtetes Gebäude im Neorenaissance-Stil, das von 1937 bis 1944 den so genannten Pfeilkreuzlern, also dem ungarischen NS-Ableger, und nach dem Zweiten Weltkrieg dem kommunistischen Staatssicherheitsdienst als Hauptquartier und Foltergefängnis diente. Schreibtische wechselten nahtlos ihre Benutzer, die Kerkerzellen und Folterinstrumente dienten braunen wie roten Schergen, um unschuldige Menschen zu peinigen.

Hier wurde in Form eines historischen Museums eine Gedenkstätte eingerichtet, die in einer dramatischen und bedrückenden Weise die Verbrechen an den Menschen dokumentiert, die von zwei Terror-Regimen und deren Handlangern an ein und demselben Platz verübt worden waren. Dieses so genannte Haus des Terrors war zunächst nicht unumstritten, weil man sich wehrte, zwei diktatorische Systeme gewissermaßen in einen Topf zu werfen – was aber nichts an der Tatsache ändert, dass Hitler wie Stalin Millionen von Menschen in den Tod getrieben haben. Sowohl die Aufarbeitung des Nationalsozialismus als auch des Kommunismus weist noch immer Lücken und Mängel auf. Zwischenzeitlich hat das Museum in Budapest Anerkennung in Fachkreisen gewonnen.

Dass Hitlers Geburtsstadt Braunau an der deutsch-österreichischen Grenze liegt, könnte zudem auch ein Modell für eine gemeinsame geschichtliche Aufarbeitung, für ein grenzüberschreitendes Projekt sein.