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09/12/2016

„Verdun lässt uns nicht los“

EU-Innenpolitik

„Verdun lässt uns nicht los“

Mindestens 300.000 Soldaten starben 1916 in der 300 Tage dauernden Schlacht zwischen Deutschen und Franzosen.

Wikipedia

Kanzlerin Merkel und Frankreichs Staatschef Hollande erinnerten an die Schlacht von Verdun – und Regisseur Volker Schlöndorff lieferte ein beeindruckendes Schauspiel mit 4000 Jugendlichen. EurActivs Medienpartner „Der Tagesspiegel“ berichtet.

Im Zeichen der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und der Jugend standen am Sonntag die Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag der Schlacht von Verdun. Unter den Augen des französischen Präsidenten François Hollande und von Kanzlerin Angela Merkel strömten am Nachmittag rund 4000 Jugendliche aus Frankreich und Deutschland in Alltagskleidung aus dem Wald rings um das Beinhaus von Douaumont. Die Szene mag den einen oder anderen Vertreter der jüngeren Generation, für die die Schlacht von Verdun nichts weiter als einer von vielen Einträgen im Geschichtsbuch ist, an den grausamen Wettlauf junger Menschen zum Tod im amerikanischen Science-Fiction-Film „Die Tribute von Panem“ erinnert haben.

Die in der Nähe von Verdun gelegene Gedenkstätte Douaumont, in der die Knochen und Schädel von 130 000 Soldaten ruhen, wurde jedenfalls am Sonntag zum Ort eines beklemmenden Schauspiels: Begleitet von den Trommelschlägen des französischen Percussion-Ensembles „Tambours du Bronx“, sackten die Jugendlichen aus den beiden Länden, die einst „Erbfeinde“ gewesen waren, zusammen – ein Sinnbild für das massenhafte Sterben, das bis heute in der Umgebung von Verdun allgegenwärtig ist.

Merkel: Verdun ist ein Symbol für die „Sinnlosigkeit des Krieges“

Mindestens 300.000 Soldaten starben 1916 in der 300 Tage dauernden Schlacht zwischen Deutschen und Franzosen, die bis heute als Symbol für einen sinnlosen Stellungskrieg gilt. Dass die kriegerische Auseinandersetzung auch eine Mahnung für die Zukunft ist, machten Hollande und Merkel in ihren Ansprachen im Anschluss an die vom deutschen Regisseur Volker Schlöndorff gestaltete Zeremonie deutlich. „Verdun lässt uns nicht los, Verdun kann uns nicht loslassen“, sagte Merkel. Verdun sei ein Symbol für die „Sinnlosigkeit des Krieges schlechthin“, sagte sie. Gleichzeitig erteilte sie dem Nationalismus eine Absage: „Rein nationalstaatliches Denken und Handeln würde uns zurückwerfen.“ Auch Hollande kritisierte mit Blick auf zahlreiche rechtspopulistische Bewegungen in der EU, dass wieder „„Kräfte der Spaltung“ in Europa am Werk seien. „Jeder hat sein Vaterland, aber verteidigen wir unser gemeinsames Haus Europa gegen die Unwetter der Geschichte“, sagte er.

Besuch auf deutschem Soldatenfriedhof im Regen

Zu Beginn des Gedenktages hatten Merkel und Hollande den deutschen Soldatenfriedhof Consenvoye besucht, wo mehr als 11.000 Soldaten beerdigt sind. Wegen des Regens hielt Hollande auch über die Kanzlerin einen Schirm – ein Bild nicht ohne Symbolik. Anschließend besuchte Merkel als erstes deutsches Regierungsoberhaupt die Stadt Verdun, wo die beiden unter anderem gemeinsam mit EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker und dem Präsidenten des Europaparlaments, Martin Schulz, das „Mémorial“ besuchten. Die komplett neu gestaltete Gedenkstätte rückt nun das gemeinsame Leiden in Frankreich und Deutschland während des Ersten Weltkrieges in den Vordergrund.

Inschrift im Beinhaus erinnert an deutsche Soldaten

Ein weiteres Zeichen der deutsch-französisches Aussöhnung ist auch die Inschrift im Beinhaus, die Merkel und Hollande dort betrachteten. Sie erinnert daran, dass in dem Gedenkort nicht nur die Gebeine französischer, sondern auch deutscher Soldaten ruhen.

Merkel und Hollande wollten den Händedruck von 1984 nicht kopieren

Allerdings kann all diese Symbolik nicht an die historische Bedeutung des Händedrucks von François Mitterrand und Helmut Kohl heranreichen, mit dem der französische Präsident und der deutsche Kanzler 1984 über den Gräbern von Verdun endgültig die deutsch-französische Versöhnung besiegelten. Merkel und Hollande machten am Sonntag deshalb auch gar nicht den Versuch, die Geste aus dem Jahr 1984 zu kopieren. „Diese Geste sagte mehr als jedes Wort“, sagte Merkel. „Sie war und ist Ausdruck einer tief empfundenen Zusammengehörigkeit.“