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31/08/2016

Überqualifizierte: Wenn Historiker Fish and Chips servieren

EU-Innenpolitik

Überqualifizierte: Wenn Historiker Fish and Chips servieren

Viele junge Europäer sind für ihre Jobs zu gut ausgebildet.

[Ed Yourdon/Flickr]

SPECIAL REPORT/ In einigen EU-Ländern ist ein Drittel der jungen Menschen zwischen 18 und 25 für ihre Jobs überqualifiziert, wie ein neues Forschungsprojekt zeigt. Obwohl viele gut ausgebildet und mehrsprachig sind und einen Uni-Abschluss haben, müssen sie schlecht bezahlte Jobs annehmen, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. EurActiv Brüssel berichtet.

Wenn man in Edinburgh essen geht, könnte es gut sein, dass die 24-jährige studierte Historikerin Ilaria Marchi Fish and Chips serviert.

Denn trotz ihrer Abschlüsse in Geschichte und Internationale Beziehungen an der Universität Aberdeen und ihrer Mehrsprachigkeit konnte Marchi, die aus Italien stammt, mit keiner ihrer Qualifikationen entsprechende Arbeit finden.

“Nach meinem Abschluss hoffte ich, eine Beschäftigung zu finden, die mit meinen Studienfächern verbunden ist. Also entschloss ich mich, nach Edinburgh zu ziehen, da ich für mich in Italien keine guten Chancen sah”, sagte Marchi gegenüber EurActiv.

“Allerdings stellte ich schnell fest, dass Arbeitsmöglichkeiten in Verbindung mit Geschichte sehr rar sind, und sie erfordern alle beträchtliche Erfahrung oder Beziehungen, die ich als frischgebackene Absolventin nicht habe”, sagte sie.

Trotz ihres Umzugs in eine größere Stadt begann sich Marchi wie viele andere junge Europäer für Jobs zu bewerben, für die sie weit überqualifiziert ist. Sie musste sich letztendlich mit der Arbeit als Bedienung zufriedengeben. Marchi verdient 6,50 Pfund (8,90 Euro) pro Stunde.

“Mein Lohn ermöglicht mir die Bezahlung der Miete, der Rechnungen, und dank der Trinkgelder bezahle ich meine Lebensmitteleinkäufe. Für jegliches Extra muss ich allerdings auf meine Ersparnisse zurückgreifen”, so Marchi.

Die Italienerin hat sich für eine Rückkehr an die Universität und für den Master of Arts Gender History entschieden – trotz der damit verbundenen Kosten. So will sie ihre Chancen auf eine Arbeit erhöhen, der sie mit Leidenschaft nachgehen kann.

Generation überqualifiziert

Ilaria Marchi ist bei weitem kein Einzelfall. So sind 33 Prozent aller jungen Menschen in Irland für ihre Jobs überqualifiziert, wie ein Forschungsprojekt von STYLE (Strategic Transitions for Youth Labour in Europe) befand. Das ist in der EU der höchste Anteil. Auf den Plätzen folgen Zypern (31 Prozent) und Spanien (30 Prozent). Die niedrigsten Raten liegen demnach in Slowenien und der Slowakei, mit unter zehn Prozent.

Adele Bergin ist Forschungsreferentin beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (ESRI) in Dublin und eine der Autorinnen der Studie. Ihr zufolge ist die Zahl der überqualifizierten Jugendlichen gestiegen, weil in den entwickelten Volkswirtschaften die Tendenz vorherrscht, den Anteil der Menschen mit Qualifikationen auf Hochschulniveau kontinuierlich zu erhöhen.

Es könnte auch sein, dass Leute in Bereichen mit geringer Nachfrage nach Arbeitskräften ausgebildet wurden, wodurch sie besonders anfällig für eine Überqualifizierung sind, so die Forscherin.

Andere Recherchen hätten gezeigt, dass es in den Bereichen Ingenieurswesen, Mathematik, Naturwissenschaften, Jura und Medizin weniger Überqualifizierte gebe. Bei Absolventen im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften ist der Anteil der Überqualifizierten höher.

“Wenn Überqualifizierung durch Faktoren wie ein Überangebot an graduierten Arbeitskräften oder Unausgewogenheiten bei der Zusammensetzung erklärt wird, dann gibt es wohl eine Rolle für die Politik”, so Bergin.

Wachsende Überqualifizierung könnte in den meisten europäischen Ländern effektiver gemanagt werden, indem man das Niveau und die Zusammensetzung der Arbeitsmarktnachfrage innerhalb der Ausbildungsplanverfahren berücksichtige, meint Bergin.

Sollten die Regierungen nicht handeln, könnten überqualifizierte Arbeitskräfte Gefahr laufen, weniger zu verdienen und geringere Zufriedenheit aus ihrer Arbeit ziehen als besser in den Arbeitsmarkt passende Akademiker.

Bildungspolitik

“Junge Menschen sollten niemals entmutigt werden, bessere Bildung zu bekommen”, sagte Mariane Thyssen, EU-Kommissarin für Beschäftigung, Soziales, Qualifikationen und Arbeitskräftemobilität, die auf die Studie reagierte.

“Eine gute Bildung und die richtigen Fertigkeiten sind die beste Arbeitslosenversicherung. Und hochqualifizierte Arbeitskräfte sind der wichtigste Wettbewerbsvorteil, den Europa in einer globalisierten Welt hat”, sagte die Kommissarin gegenüber EurActiv.

Die Kommission arbeite daran, die Prognose der Qualifikationsnachfrage zu verbessern, die Curricula anzupassen und junge Menschen in die Lage zu versetzen, informierte Bildungs- und Karriereentscheidungen zu treffen, so Thyssen. Das würde eine zunehmende Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und dem Bildungssystem erfordern.

Im nächsten Jahr wird die Kommission eine unionsweite Qualifikationsagenda präsentieren.

“Sie wird die Maßnahmen darauf konzentrieren, mehr Menschen dabei zu helfen, ihre Fertigkeiten zu entwickeln und zu verbessern, darunter Grundfertigkeiten wie Lese- und Schreibfertigkeiten, Rechenfertigkeiten sowie digitale Kompetenzen. Sie wird auch Maßnahmen dazu darlegen, wie wir den Qualifikationsbedarf besser vorhersehen und die Anerkennung von Qualifikationen verbessern können”, so Thyssen.

Für Allan Päll, Generalsekretär des Europäischen Jugendforums, liegen die Ursachen für die Überqualifizierung auch in der Bildungspolitik. Lebenslanges Lernen werde nicht genug gefördert.

“Viele machen mit akademischen Studien weiter, während die berufliche Bildung gemieden oder als Sackgasse angesehen wird. Auf keinen Fall sollen wir vom Lernen abraten, aber wir sollten sicherstellen, dass es eine bessere Beratung gibt und dass alle Wege zu verschiedenen Bildungsarten immer verfügbar sind”, so Päll.

Das Missverhältnis zwischen Qualifikationsangebot und Qualifikationsnachfrage sei auch eine Folge der fehlenden Arbeitsplätze und Qualitätsjobs für junge Menschen, sagte der Generalsekretär.

Päll sagt: “Junge Menschen gehen oft zurück an die Universität, wenn sie nicht am Arbeitsmarkt teilnehmen können. Deshalb werden öffentliche und private Investitionen in arbeitsplatzreiche Sektoren wie ICT und die grüne Wirtschaft benötigt.”

Hintergrund

Zwischen 2007 und 2013 erreichte die Jugendarbeitslosigkeit in ganz Europa einen Höchststand. Nach Angaben von Eurostat stieg sie in diesem Zeitraum dramatisch an, von 15,7 Prozent auf 23,4 Prozent.

Die EU-Staats- und Regierungschefs einigten sich im Februar 2013 auf eine Jugendbeschäftigungsinitiative (YEI) in Höhe von sechs Milliarden Euro, um mehr junge Leute in Arbeit zu bringen.

Griechenland, Italien und Spanien werden 3,4 Milliarden Euro bekommen. 

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