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30/08/2016

“Typischer” Pegida-Demonstrant: 48, männlich, hochgebildet, wohlhabend

EU-Innenpolitik

“Typischer” Pegida-Demonstrant: 48, männlich, hochgebildet, wohlhabend

25.000 Pegida-Anhänger demonstrierten am Montag in Dresden.

© Caruso Pinguin (CC BY-NC 2.0)

Die “Islamisierung des Abendlandes”, wogegen sich Pegida-Bewegung richtet, spielt für einen Großteil ihrer Anhänger überhaupt gar keine Rolle. Eine aktuellen Universitätsstudie räumt mit gängigen Vorurteilen auf.

Sie nennen sich “Patriotischen Europäer” gegen die angebliche “Islamisierung des Abendlandes”. Doch nur knapp ein Viertel der Teilnehmer der Pegida-Demonstrationen geht es um es um Zuwanderung oder den Islam.

Glaubt man einer am Mittwoch vorgestellten Untersuchung der Technischen Universität (TU) Dresden, dann gehen 54 Prozent der Anhänger von Pegida wegen einer generellen “Unzufriedenheit mit der Politik” auf die Straße. Zwar kritisieren diese Befragten wiederum die Asyl- und Integrationspolitik, doch es überwiegt eine allgemein empfundene Distanz zu den politischen Eliten.

20 Prozent der Pegida-Anhänger hegen Kritik an den Medien. Nur 15 Prozent haben grundlegende Vorbehalte gegenüber Zuwanderern und Asylbewerbern. Fünf Prozent protestieren gegen religiös oder ideologisch motivierte Gewalt.

Nach den islamistischen Anschlägen auf die Redaktionsräume der Pariser Satire-Zeitschrift “Charlie Hebdo” mit zwölf Toten hat die Pegida-Bewegung erneut mehr Zulauf erhalten. In Dresden demonstrierten am Montag in Dresden 25.000 Menschen, rund 7.000 mehr als noch eine Woche zuvor.

 

Die Umfrage der TU Dresden skizziert den “typischen” Pegida-Anhänger: Entgegen gängigen Behauptungen ist der Protest keineswegs von Rentnern und Arbeitslosen getragen. Der durchschnittliche Demonstrant entstammt der Mittelschicht, ist gut ausgebildet, berufstätig (70 Prozent), verfügt über ein für sächsische Verhältnisse leicht überdurchschnittliches Nettoeinkommen, ist 48 Jahre alt, männlich (75 Prozent), gehört keiner Konfession an, weist keine Parteiverbundenheit auf (62 Prozent, AfD 17 Prozent) und stammt aus Dresden oder Sachsen.

Die Wissenschaftler befragten bei den vergangenen drei Demonstrationen im Dezember und Januar rund 400 Teilnehmer, wobei sich lediglich ein Drittel der Demonstranten überhaupt zu Interviews bereit erklärte. Die Bereitschaft sei jedoch von Mal zu Mal gestiegen, erklärte Hans Vorländer, Studienleiter Hans Vorländer.

Laut Vorländer wollen die Pegida-Anhänger die Demonstrationen vor allen Dingen nutzen, um tief empfundene, bisher nicht öffentlich artikulierte Ressentiments gegenüber einer politischen und meinungsbildenden Elite zum Ausdruck zu bringen. “Diese Gegenüberstellung von ‘Die da oben’ und ‘Wir da unten’ in Kombination mit fremdenfeindlichen Einstellungen wird traditionell zum rhetorischen Arsenal rechtspopulistischer Strömungen gerechnet“, sagte Vorländer.

Vorländer nimmt in den Ergebnissen eine tiefe Kluft zwischen Politik und Medien auf der einen Seite und den Problemen und Meinungen der Pegida-Teilnehmer auf der anderen Seite wahr. Seiner Meinung nach würden die Aussagen die Krise der repräsentativen Demokratie aufzeigen. Während politische Willensbildung in der Praxis immer komplexer werde und Kompromisse erforderten, wolle der Bürger einfache Aussagen und unmittelbar gehört werden. Das sei ein strukturelles Dilemma, so Vorländer. Für Politik und Medien gehe es nun darum, die Komplexität zu erklären – zu zeigen, dass Kompromisse nötig sind.

Eine Möglichkeit dazu könnten Volksentscheide sein. Doch Vorländer ist skeptisch: “Ich glaube nicht, dass das die Lösung der Probleme ist.”. Es würde die Bürger aber in die Verantwortung nehmen. Diese könnten dann nicht mehr die Politiker als Sündenböcke ansehen. “Man sollte es mal versuchen“, schlug der Wissenschaftler vor.

Weitere Informationen

TU Dresden: Wer geht warum zu PEGIDA-Demonstrationen? (14. Januar 2015)