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18/01/2017

Tsipras und Varoufakis: Eine Trennung in Chaos

EU-Innenpolitik

Tsipras und Varoufakis: Eine Trennung in Chaos

Die europäischen Linken setzten ihre Hoffnung auf Syriza.

[Joel Schalit/Flickr]

Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis hatten einmal eine gemeinsame Vision. Doch die vereinten Tage der beiden Hauptfiguren im griechischen Schuldendrama scheinen endgültig vorbei zu sein.

Als Alexis Tsipras im Januar die Macht ergriff und den Wirtschaftswissenschaftler Yanis Varoufakis als Finanzminister nominierte, versprachen beide, den verachteten Gläubigern Athens die Stirn zu bieten. Sie wollten ein Ende der Sparpolitik erreichen, die sie für den Niedergang der griechischen Wirtschaft verantwortlich machen.

Doch acht Monate später ist davon wenig übrig. Griechenland blickt vorgezogenen Neuwahlen entgegen. Varoufakis will nicht kandidieren. Und die Kluft zwischen den Beiden wird so öffentlich, dass es ungemütlich wird. Tsipras aber wird Analysten zufolge daraus nicht viel Schaden entstehen. Er will ein neues Mandat als Vorsitzender der radikalen Linkspartei Syriza.

Die Wahl vom 20. September werde „ziemlich traurig und ergebnislos“, sagte Varoufakis gegenüber dem australischen Fernsehsender ABC. „Die Partei, der ich diente und der Vorsitzende, dem ich diente, haben sich entschlossen, den Kurs komplett zu ändern und für eine Wirtschaftspolitik einzutreten, die überhaupt keinen Sinn macht.“

Tsipras war am 20. August zurückgetreten und löste damit Neuwahlen aus. Dem war eine Syriza-interne Rebellion gegen das dritte Rettungspaket für Griechenland vorausgegangen. Dadurch war konnte der Ministerpräsident kaum noch regieren.

Varoufakis war sechs Wochen vorher zurückgetreten. Das war ein Tag nach dem griechischen Referendum über das vorgeschlagene Rettungspaket – und als die Verhandlungen mit den Gläubigern, der EU, dem Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank zunehmend schwieriger wurden.

Seit Monaten hatte seine Konfrontationstaktik die Gläubiger verärgert. Ihm sei „bewusst gemacht worden“, dass sein Abgang Tsipras für den weiteren Verlauf der Gespräche helfen würde, schrieb Varoufakis in einem Blog nach seinem Rücktritt.

„Ich werde die Verachtung der Gläubiger mit Stolz tragen“, schrieb er. Er würde den Ministerpräsidenten „vollständig unterstützen“.

„Dieser Deal wird nicht funktionieren“

Doch das war vor Tsipras‘ spektakulärer Kehrtwende. Nur ein paar Tage später stimmte Tsipras einem Deal zu, bei dem Griechenland weitere einschneidende Sparmaßnahmen für ein Rettungspaket von 86 Milliarden Euro akzeptierte. Maßnahmen, die die Wähler im Referendum noch abgelehnt hatten.

Varoufakis war nie um klare Worte verlegen. Seither nahm er den Deal in seinen häufigen Interviews mit den internationalen Medien auseinander.

„Fragen sie jeden, der etwas über Griechenlands Finanzen weiß und sie werden Ihnen sagen, dass dieser Deal nicht funktionieren wird“, sagte der BBC.

Tsipras sagte daraufhin über Varoufakis: „Ein guter Wirtschaftswissenschaftler zu sein macht einen nicht zu einem guten Politiker.“

Varoufakis-Nachfolger Euclid Tsakalotos, im Gegensatz zu seinem Vorgänger diskret und eher zugeknöpft, lobte er demonstrativ. „Euclid Tsakalotos hat fabelhafte Arbeit geleistet… Ohne ihn hätten wir kein Abkommen erreicht.“

Varoufakis will sich jetzt dem Aufbau eines Netzwerks gegen Sparpolitik in ganz Europa widmen. Analysten zufolge sollte das Tsipras in den Umfragen nicht direkt gefährden.

Tsipras „genießt immer noch ein Maß an Sympathie unter den Griechen. Die Wahl ist zu gewinnen“, sagt Gabriel Colletis, ein in Frankreich lebender Wirtschaftswissenschaftler, der Syriza beraten hat.

Mindestens 25 Syriza-Abgeordnete, die gegen das Rettungspaket waren, verließen die Partei und gründeten eine neue – die Volkseinheit. “Er wird sich nicht mit der neuen Partei der Rebellen zusammentun“, sagte Colletis über Varoufakis.

„Narzisstische Ein-Mann-Show“

Für den Politikwissenschaftler Michel Vakaloulis von der Universität Paris war es die Unfähigkeit, Kompromisse zu schließen, die ein Zerwürfnis mit Tsipras unabwendbar machten.

Er habe Tsipras nicht für die Unterstützung von Vorschlägen an die Europäische Zentralbank gewinnen können, gestand Varoufakis später ein. Das isolierte ihn innerhalb der Regierung.

Sein auffälliger Stil habe sich auch nicht mit „der sehr ernsthaften Partei Syriza vertragen”, so Vakaloulis.

Ein Fotoshooting mit einem französischen Magazin zeigte seine Neigung zur „narzisstischen Ein-Mann-Show“. Die Fotos von ihm auf seiner Terrasse, vor dem Hintergrund der Akropolis und mit einem Viertel der Griechen arbeitslos hätten ihn weiter von Syriza entfremdet, so Vakaloulis.

Beide Männer hätten Charme und Chuzpe, doch in vielen anderen Hinsichten seien sie sehr unterschiedlich.

Bis Januar hatte Varoufakis keine Erfahrung als Politiker. Der dreizehn Jahre jüngere Tsipras hingegen ging als Studentenaktivist auf die Barrikaden, hat die politische Bühne seither kaum verlassen.

Tsipras blieb in Griechenland. Varoufakis hingegen lebte jahrelang in Großbritannien und Australien. Sobald im Mikrofon unter die Nase gehalten wird, zeigt er sein eloquentes Englisch.

Doch genau wegen dieser unterschiedlichen Begabungen ernannte ihn Tsipras, so Vakaloulis.

„Tsipras wählte ihn genau wegen seiner großen Talente zu kommunizieren – um zu zeigen, dass Griechenland kein isolierter Fall in Europa ist, sondern dass es eine Geschichte ist, die jedem Land passieren könnte.“