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27/09/2016

Terrorgefahr durch „einsame Wölfe“ steigt

EU-Innenpolitik

Terrorgefahr durch „einsame Wölfe“ steigt

Mindestens 84 Menschen wurden bei dem Attentat eines "einsamen Wolfes" in Nizza getötet.

Foto: dpa.

Die Gefahr terroristischer Anschläge durch Einzeltäter wie in Nizza und Würzburg wird laut Europol weiter ansteigen. Der Kampf gegen die IS-Propagandamaschine im Netz könnte ein erster Schritt sein, eine Radikalisierung „einsamer Wölfe“ künftig zu verhindern.

Orlando, Nizza, Würzburg – drei Städte, die zu Chiffren geworden sind für eine neue Form des Terrorismus‘, der so neu jedoch gar nicht ist: In den späten 90ern waren es nicht Dschihadisten, sondern weiße Suprematisten in den USA, die Gleichgesinnte dazu aufriefen, Angriffe auf Minderheiten aus taktischen Gründen künftig im Alleingang auszuführen. In Europa hat sich die Gefahr, die von isoliert agierenden Attentätern spätestens mit dem Massenmord des Rechtsterroristen Anders Breivik ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, der 2011 auf der norwegischen Insel Utøya fast 70 Menschen ermordete.

Doch auch wenn das Phänomen „einsamer Wölfe“ kein gänzlich neues ist, so scheint sich derzeit ein beunruhigender Trend in europäischen Dschihadisten-Kreisen breit zu machen. Zu diesem Schluss kommt zumindest Europas oberste Polizeibehörde, die gestern vermeldete, dass die Bedrohung durch „einsame Wölfe“ in Europa wachse und mittlerweile die bevorzugte Taktik von Terrorgruppen von IS bis Al-Qaida darstelle. „Beide Gruppen haben wiederholt in westlichen Staaten lebende Muslime aufgerufen, als Einzeltäter Angriffe in ihren Ländern zu verüben“, schreiben die Europolisten in ihrer Pressemitteilung.

Laut ihrem jetzt veröffentlichten Jahresbericht 2015 wurden im vergangenen Jahr in den 28 EU-Staaten insgesamt 151 Menschen bei Terroranschlägen getötet. Wie viele Opfer auf das Konto von „einsamen Wölfen“ gehen, weist der Bericht nicht gesondert aus.

Anschläge durch „einsame Wölfe“ schwer zu verhindern

Zwei wichtige Erkenntnisse lassen sich aus der Europol-Analyse ziehen. Erstens: Europa ist längst nicht mehr sicher vor Terroranschlägen, die vom IS geplant oder inspiriert werden; zweitens: Terror im Auftrag des IS ist weniger eine Gefahr als Terror im Namen des IS. Denn dass Anschläge durch „einsame Wölfe“ schwieriger zu verhindern sind, liegt in der Natur der Sache: Täter können sich länger unter dem Radar der Sicherheitsbehörden bewegen, da sie weder Kontakte zu extremistischen Gruppierungen pflegen noch durch verdächtige Kommunikationsmuster in das Raster der Ermittler fallen.

Dass westliche Sicherheitsorgane mit dem gegenwärtigen Trend zur militanten Einzelaktion derzeit überfordert sind, scheint daher keine allzu verwegene Behauptung. Hauptproblem sei vor allem, dass es „kein genaues Profil“ solcher Täter gebe, sagte etwa ein ehemaliger FBI-Agent dem Guardian im Nachgang des Orlando-Attentats. Solche Einzeltäter seien „im Vorfeld schwer ausfindig zu machen und zu stoppen“, gesteht auch Europol ein.

Sozial vereinzelt und hochideologisiert

In dem Zusammenhang bemängelte bereits im vergangenen Jahr eine Studie der Georgetown University, dass das Phänomen „einsamer Wölfe“ kriminologisch noch kaum erfasst sei. So kommt das Forscherteam um Jeffrey Connor zu dem Schluss, dass existierende Typologien „einsamer Wölfe“ letztlich nicht erklären könnten, warum die Täter auf eigene Faust handeln statt sich einer extremistischen Gruppe anzuschließen, die Ressourcen und strategische Kapazitäten bereitstellen könnte.

Die Wissenschaftler schlagen daher vor, die Faktoren „soziale Vereinzelung“ und „ideologische Autonomie“ ins Blickfeld zu nehmen, um potentielle Täter schneller zu identifizieren. Gerade der letzte Punkt könne dabei helfen, verstärkt die Rolle der Ideologie zu untersuchen, die extremistische Gruppen Einzeltätern auch ohne vorherigen Kontakt bereitstellen, um in deren Namen zu operieren.

IS-Propaganda als ideologisches Bindeglied

Da „einsame Wölfe“ kaum persönliche Verbindungen zu organisierten Gruppen haben und die Ideologie häufig das einzige Bindeglied zu ihnen darstellt, könnte somit der Moment ihrer ideologischen Radikalisierung von entscheidender Bedeutung sein, um präventiv tätig zu werden: Westliche Sicherheitsorgane müssten sich stärker darauf einstellen, die IS-Propaganda in sozialen Netzwerken zu demaskieren, um eine weitere Radikalisierung potentieller Nachahmungstäter zu verhindern, argumentiert etwa der Terrorismusforscher Peter Neumann vom International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence (ICSR).

Doch gerade auf diesem Feld scheint in westliche Sicherheitskreisen eine eklatante Lücke zu klaffen. Terrorismusexperten weisen schon seit Längerem auf die Notwendigkeit hin, wirksame Gegen-Narrative zu entwickeln, um IS-Propaganda zu entlarven und die weitere Radikalisierung junger Menschen zu verhindern.

Die IS-Propagandamaschine gilt als in hohem Maße ausgereift und professionell: Allein 38 unterschiedliche Propaganda-Materialien – Videos, Fotoessays, Artikel, Hörprogramme – produzieren IS-kontrollierte Medienhäuser laut einer Studie der Quilliam Foundation jeden Tag. „Das IS-Kalifat vermarktet sich auf einem industriellen Level“, so der US-Thinktank.

Das Medienimperium des IS

Auch Europol weist in seinem Jahresbericht auf das Kernproblem „terroristischer Kommunikation“ hin, die darauf ausgelegt sei, Propaganda-Material über soziale Medien und Chaträume zu streuen und so junge Menschen zu radikalisieren, ohne mit ihnen persönlichen Kontakt aufbauen zu müssen. Dschihadistische Gruppen haben sogar ein eigenes „Lexikon“ propagandistischer Vokabeln geschaffen, das Interessierten den Zugang zu einer militant-islamistischen Weltanschauung erleichtert und ihnen in wenigen Begriffen beibringt, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden.

Eine wenig beachtete Studie des ICSR über Fahnenflucht ehemaliger IS-Kämpfer kratzt hingegen an dem Klischee der ideologischen Kohäsion des IS-Gebildes. Die im Rahmen der Studie interviewten Ex-Milizionäre hätten sich laut eigenen Angaben der Terrorgruppe mit anfänglicher Euphorie angeschlossen, doch irgendwann enttäuscht von ihr abgewandt. Der Grund: Häufig habe sie die harsche Realität im so genannten “Islamischen Kalifat” desillusioniert, gaben die Kämpfer zu Protokoll. Viele beklagten sich etwa über die harten Lebensbedingungen im vom IS kontrollierten Gebiet und kritisierten die Korruption von Führungskadern.

„Der IS kann nur für eine Weile mit bloßem Terror regieren. An einem bestimmten Punkt beginnen jedoch die Leute zu sehen, dass das Leben nicht so großartig ist wie es ihnen versprochen wurde“, so ICSR-Direktor Neumann. “Irgendwann tritt die Wirklichkeit ein.”

Propaganda und Gegen-Propaganda

Zugleich schränkt Neumann ein, dass eine wirksame Gegen-Propaganda nur aus der Zivilgesellschaft und den entsprechenden Communities kommen kann. Gegen-Narrative von Seiten einer Regierung hätten kaum Glaubwürdigkeit bei der Zielgruppe.

Ob sich in Zukunft Terrorakte durch radikalisierte Einzeltäter in Europa besser verhindern lassen, bleibt abzuwarten. Langsam scheint sich jedoch in Sicherheitskreisen die Erkenntnis durchzusetzen, dass dem IS auf dem Feld der ideologischen Auseinandersetzung etwas entgegen gesetzt werden muss. Seit heute Nachmittag – während diese Zeilen geschrieben wurden – ist auf der Europol-Website zu lesen, dass die Behörde „die Notwendigkeit identifiziert“ habe, eine Taskforce zu Online-Terrorismus zu gründen. Gesucht seien Experten, die sich mit Internet-Propaganda, Rekrutierung und Radikalisierung auskennen, und sich am Kampf gegen den Terrorismus beteiligen wollen. Bewerbungen können eingesandt werden – „ab heute“.