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26/09/2016

Sprachunterricht in Frankreich: Deutsch gerät in Vergessenheit

EU-Innenpolitik

Sprachunterricht in Frankreich: Deutsch gerät in Vergessenheit

Immer unbeliebter an Frankreichs Schulen: Deutsch als Fremdsprache. Foto: fileccia (CC BY-NC 2.0)

Deutsch als Fremdsprache wird an französischen Mittel- und Oberschulen zunehmend zum Problemkind. Während Anfang der 50er Jahre noch gut die Hälfte von Frankreichs Schülern Deutsch paukten, interessiert sich heute nur noch ein kleiner Teil für die Sprache des Nachbarn. Sprach- und Kulturvertreter beobachten diesen Trend mit wachsender Sorge.

Zu schwierig, nicht so nützlich wie Spanisch oder Englisch, klanglich nicht schön: Die deutsche Sprache wird in Frankreich immer weniger gelernt. Experten auf beiden Seiten sehen darin einen besorgniserregenden Trend, der auch die politische und zivilgesellschaftliche Verständigung zukünftig erschweren könnte.

Zwar sind Deutschland und Frankreich nach drei blutigen Kriegen im Zeitraum 1870/71 bis 1945 heute Freunde, Nachbarn und Bündnispartner. „Der am 22. Januar 1963 von Staatspräsident de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer geschlossene Élysée-Vertrag eröffnete eine außergewöhnliche und in seiner Intensität einzigartige Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland“, lobte 2003 denn auch der damalige französische Präsident Jaques Chirac zum 40. Jahrestag des Élysée-Vertrages dieses Ereignis.

Für die Verständigung und Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich engagierten sich nach 1945 neben der Politik auch zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen. Ein dichtes Netz an Beziehungen entstand, das im europäischen Vergleich sicherlich beispiellos ist. Städtepartnerschaften entstanden. Circa 2.500 gibt es heute, die etwa drei Viertel der deutschen und französischen Bevölkerung freundschaftlich miteinander verbindet.

Trotz zahlreicher Initiativen immer weniger Interesse an deutscher Sprache

Dennoch wird ab und an ein gewisses Maß an Sprachlosigkeit zwischen den beiden Nachbarn sichtbar – auch, weil die Partnersprache immer weniger gelernt und beherrscht wird.

Heute steht das Deutsche als Fremdsprache an dritter Stelle in Frankreichs staatlichen Schulen – nach Englisch und Spanisch. Der Anteil französischer Schüler in der öffentliche Sekundarbildung nach der Grundschule, die Englisch lernten, lag zuletzt bei knapp 99 Prozent. Rund 46 Prozent lernten Spanisch, aber nur noch etwa 15 Prozent paukten Deutsch. Noch im Jahr 2000 hatte ihr Anteil bei immerhin 18 Prozent, 1953 bei 53 Prozent gelegen.

Rückgang seit 40 Jahren

Dieser Rückgang des Interesses für das Deutsche dauert seit 40 Jahren an. „Es ist heute unmöglich, auf das Niveau von 1990 oder 1980 zurückzukehren“, sagt Béatrice Angrand, Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) im Gespräch mir EurActiv.de.

Joachim Umlauf, Institutsleiter am Goethe-Institut Paris, betrachtet diesen Wandel als eine Bedrohung für die deutsch-französischen Beziehungen. Früher sei Deutsch in Frankreich eine Elitesprache gewesen, sagt er gegenüber EurActiv.de. Wer in der Schule gut war, habe Deutsch gelernt und sei danach auf die Grande Ecole gegangen, die spezialisierte Hochschule. „Wenn diese Schüler später Minister oder Beamte des gehobenen Dienstes wurden, sprachen sie gut Deutsch“, sagt Umlauf. Jetzt sei das sehr selten.

Es gibt jedoch eine leicht positive Entwicklung, die auch auch die Reaktion der französischen Bildungspolitik zurückzuführen ist. „Wir sind entschlossen, uns dafür einzusetzen, dass die deutsche Sprache in Frankreich im gleichem Maß unterrichtet wird, wie das Französische in Deutschland“, verkündete etwa 2007 Xavier Darcos, damals französischer Bildungsminister.

Deutsche Musik macht die Sprache wieder attraktiver

Laut Béatrice Angrand und Joachim Umlauf nimmt das Interesse für die deutsche Sprache in der Sekundarbildung seit 2005 wieder leicht zu – zum ersten Mal seit 25 Jahren. Ein Grund ist die Bildung der „classes bilangues“. Das sind zweisprachige Klassen, die es den Schülern ermöglichen, gleich nach der Grundschule zwei Fremdsprachen leichter zu lernen. Französischen Lehrern zufolge ist diese Stabilisierung auch auf den Erfolg deutscher Musikgruppen wie „Rammstein“ und „Tokio Hotel“ zurück zu führen.

In der Grundschule aber geht der Rückgang weiter: 19 Prozent der französischen Grundschüler lernten 1997 Deutsch, 2013 waren es nur noch sechs Prozent. Laut Angrand ist das ein großes Problem: „Es ist wichtig, mit dem Lernen von Deutsch zu beginnen, wenn man jung ist“, sagt sie. Hier sei die Politik gefragt, Konzepte und Anreize zu entwickeln.

Umgekehrt existiert der Mangel an Interesse für die Sprache des Nachbarn nicht. In Deutschland ist die Zahl der Schüler, die Französisch lernen, bislang relativ stabil: Gut 27 Prozent waren es 2010, 26,5 Prozent 2011, 26,3 Prozent 2012. Ein gutes Vorbild also für Frankreich.

 

 

Positionen

Das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) erklärt in einer EurActiv übermittelten schriftlichen Stellungnahme: "Es nützt niemandem etwas, sich nur über den Ist-Zustand zu beklagen – es muss etwas getan werden. Ohne die Sprachpolitik der Länder oder die Education nationale ersetzen zu wollen, sieht sich das DFJW in der Pflicht zu handeln, indem es beispielsweise noch vielseitigere Programme als den konventionellen Schüleraustausch anbietet. Wir sind uns sicher, dass eine Mobilitätserfahrung in jedem Teilnehmer den Wunsch weckt, die Sprache des Nachbarlandes zu erlernen. Für das DFJW gibt es keine Fatalität, denn selbst wenn die Zahl der Schüler in Frankreich, die sich für die deutsche Sprache interessieren oder die Zahl der Schüler in Deutschland, die sich für die französische Sprache interessieren, stagniert, steigen unsere Teilnehmerzahlen dahingegen."