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04/12/2016

So reagiert Frankreich auf den Brexit-Schock

EU-Innenpolitik

So reagiert Frankreich auf den Brexit-Schock

Auch bei den Franzosen überwiegen Erschütterung und Fassungslosigkeit.

Die historische Entscheidung ist gefallen. 2019 wird Großbritannien effektiv aus der EU austreten. In Frankreich reichen die Reaktionen von Enttäuschung bis zur Erleichterung. EurActiv Frankreich berichtet.

Heute Morgen wachten die EU-Bürger um ein Mitgliedsland ärmer auf. Großbritannien wird die EU verlassen. 51,9 Prozent stimmten am gestrigen Donnerstag für den Brexit und trugen so, entgegen aller Erwartungen, den Wahlsieg davon.

Fast augenblicklich brachen die weltweiten Finanzmärkte ein. Die Tokioter Börse schloss mit einem Minus von acht Punkten und auch der DAX büßte über elf Prozent ein. Man spricht von einem erneuten „schwarzen Freitag“.

„Ich bin schockiert. Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich sein könnte. Es ist ein Sieg für den Populismus und die Intoleranz“, betont Tom Mackenzie, ein in Frankreich lebender Schotte. Nur wenige Meter von der britischen Botschaft in Paris entfernt, lesen polnische Bauarbeiter grinsend ihre Smarphone-Nachrichten. „Jetzt sind es unsere englischen Chefs, die ein Visum brauchen, um in Frankreich arbeiten zu können“, witzeln sie.

Vertrauenskrise

Die Mehrheit der französischen und britischen Bürger in Frankreich trauern jedoch um das Ergebnis. „Das Votum macht mir wirklich Sorgen. Jetzt müssen wir sicherstellen, dass dieser heftige Schlag nicht das Ende des europäischen Projekts bedeutet“, erklärt Virginie Rozière, eine französische Linksabgeordnete der S&D-Fraktion im Europaparlament.

Ähnlich bestürzt zeigt sich auch der französische Außenminister Jean-Marc Ayrault. „Das ist sehr schade für das Vereinigte Königreich. Europa wird weitergehen, aber es muss jetzt auch reagieren und das Vertrauen seiner Bürger wiedererlangen. Die Zeit drängt.“ Der französische Präsident François Hollande traf sich bereits mit seinem Europaminister Harlem Désir, dem Finanzminister Michel Sapin und Ayrault. Seine Stellungnahme wird in Kürze erwartet.

Philosophischere Beobachter sehen die Trennung als willkommenes Ende einer unglücklichen Beziehung. In diesem Geiste reagierte auch Alain Lamassure, Mitglied der französischen Republikaner und EU-Abgeordneter der EVP (Europäischen Volkspartei). Europa müsse sich jetzt weiter auf eine politische Einheit zubewegen. „Was wir mit den Briten nicht geschafft haben, müssen wir jetzt angehen“, meint er.

Die französische Politikerin Chantal Jouanno warnte vor einem Europa der zwei Geschwindigkeiten.

Ist Brüssel Schuld?

Manche geben der EU die Schuld am Brexit. So zum Beispiel die grüne Abgeordnete Cécile Duflot. „Das kommt dabei heraus, wenn Technokraten und Liberale Europa in Beschlag nehmen.“ In dieselbe Richtung gehen auch die Anmerkungen von Jean Arthuis, einem französischen Europaabgeordneten der ALDE-Fraktion (Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa) – auch wenn er sich etwas vorsichtiger ausdrückt: „Die Briten haben eine ineffiziente, bürokratische und distanzierte EU bestraft, die nicht mehr Lage ist, Entscheidungen zu treffen. Die Augenwischerei ist vorbei.“

Ein französisches Referendum?

Die französische Rechtsextreme ist in Feierlaune. Der Gaullist Nicolas Dupont-Aignan sowie Marine Le-Pen, Parteichefin des Front National, proklamierten den „Sieg der Freiheit“ und forderten ein ähnliches Referendum über die EU-Mitgliedschaft Frankreichs. Diesen Aufruf hatte auch der sozialistische Politiker Arnaud Montebourg in der Zeitung Nouvelle République vor zwei Tagen gemacht. „Wir sollten die EU direkt mit unseren Interessen konfrontieren. Wir können es uns nicht leisten, stillschweigend unterzugehen. Die EU hat genug wirtschaftlichen Schaden in Frankreich und der Euro-Zone angerichtet.“

Ein Referendum sei vielleicht keine schlechte Idee, mutmaßt auch der republikanische Präsidentschaftskandidat für 2017, Bruno Le Maire. „Ich denke, man sollte die Franzosen über den neuen europäischen Kurs befragen“, sagte er im Gespräch mit France Info.