EuGH-Urteil: EU darf Handelsabkommen mit Singapur nicht im Alleingang abschließen

In seiner derzeitigen Form benötigt das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Singapur auch die Zustimmung der nationalen Parlamente. [Shutterstock]

Die Europäische Union muss die Zustimmung der nationalen Parlamente einholen, um ein Freihandelsabkommen mit Singapur abzuschließen. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) urteilte, das Abkommen könne „in seiner derzeitigen Form“ nicht von der Kommission im Alleingang abgeschlossen werden.

Die Kommission hatte den EuGH selbst um eine Stellungnahme darüber gebeten, ob sie die alleinige Kompetenz hat, die Verhandlungen mit Singapur zu führen. Der Deal mit dem asiatischen Land war bewusst gewählt worden, da er einigen anderen geplanten Abkommen sehr ähnlich ist.

Die heutige Entscheidung folgt größtenteils einer Einschätzung der Generalanwältin des Gerichts Eleanor Sharpston vom Dezember, in der sie bereits festgestellt hatte, das einige Teile des Abkommens in den gemeinsamen Zuständigkeitsbereich der EU und der Mitglieder fällt.

EuGH stärkt Rechte der Länder bei Freihandelsabkommen

Die Generalanwältin des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) hat in ihrem Schlussantrag die Rechte der Mitgliedsstaaten bei Freihandelsverträgen gestärkt. Sollte der EuGH in seinem Grundsatzurteil der Generanwältin folgen, wären Abkommen wie TTIP und CETA künftig abhängig von der Zustimmung der EU-Staaten.

Das Gericht in Luxemburg bestätigte einerseits, dass der Großteil der Verhandlungen entsprechend der gemeinsamen Handelspolitik von den EU-Institutionen allein geführt werden kann. Andererseits könnte Aktienanlagen und Streitschlichtung zwischen Investoren und dem Staat nicht ohne Zustimmung der Mitgliedsstaaten verhandelt werden.

Die Kommission wird nun einige Zeit brauchen, diese Entscheidung in ihre Handlungspraktiken einzubetten; das Urteil wird Auswirkungen auf ihre Handelspolitik haben. Beispielsweise könnten sich die langwierigen Vorgänge bis zum Abschluss des CETA-Abkommens mit Kanada  wiederholen. Auch ein Freihandelsabkommen mit Südkorea stand auf der Kippe, als Italien ein Veto in Betracht zog.

Frankreich: Politiker bringen CETA vor Verfassungsgericht

Mehr als 100 französische Abgeordnete sind gegen das EU-Freihandelsabkommen mit Kanada vor das Verfassungsgericht ihres Landes gezogen. EURACTIV Brüssel berichtet.

Die Kommission muss sich also überlegen, ob sie diesen Spießrutenlauf mit dem Singapur-Abkommen wiederholen möchte. Eine andere Möglichkeit wäre, die Verhandlungen in zwei Teile (EU und Zustimmung der Nationalparlamente) zu teilen.

Insgesamt gefährdet das EuGH-Urteil die Handelspolitik der EU aber nicht. Die Kommission hätte eine reine EU-Zuständigkeit sicherlich begrüßt; allerdings hat sie jetzt eine genauere Blaupause für das weitere Vorgehen in Freihandelsverhandlungen mit Mexiko, Mercosur und – eventuell – für TTIP.

In Bezug auf den Brexit hat der Richterspruch die Chancen Großbritanniens, nach dem Ausscheiden mit der EU ein Handelsabkommen abzuschließen, nicht verschlechtert. Der Europäische Rat kann weiterhin Freihandelsabkommen mit geteilter Zuständigkeit provisorisch abschließen, wie mit CETA geschehen. Theoretisch gibt es kein rechtliches Limit, wie lange diese provisorische Zeitspanne dauern darf.

Je nach dem, wie sich die Kommission nun verhält, könnte ein etwaiges EU-UK-Abkommen ebenfalls in geteilte und gemeinsame Zuständigkeiten der EU und der Mitgliedsstaaten aufgeteilt werden, um den Ratifizierungsprozess zu beschleunigen. Die beiden Seiten könnten theoretisch sogar ein Freihandelsbakommen schließen, dass nur auf den exklusiven Zuständigkeiten der EU beruht.

Die komplette Urteilsbegründung des EuGh finden Sie hier.

Positionen

ClientEarth trade lawyer Laurens Ankersmit said: “The Court’s Opinion reaffirms the critical role of member states in the ratification process of vast trade agreements such as CETA.

“The Opinion clears the path for Slovenia and Belgium to get the EU-Canada trade deal, CETA, legally checked by the ECJ. This is not just important for the rule of law in Europe, but might also put ratification of CETA in peril.”

On Brexit, Laurens said: “The new generation of EU trade agreements are extensive and more complex than ever before, going way beyond just lowering tariffs. If the UK wants to sign a swift trade deal with the EU, it may have to get every one of the EU’s national governments to agree if the deal falls within their powers. This is no easy task.”

German MEP Bernd Lange (S&D group) and chair of the European Parliament's Committee on International Trade said: "The ruling today by the European Court of Justice provided clarity, which has gone missing from our trade policy lately. By defining which exclusive competences the EU enjoys and which competences it shares with the member states, the ECJ has settled a contentious issue.

"The ball is now in the court of politics. It is now for us policy-makers to draw the necessary conclusions and determine how to bring the common commercial policy forward in a way that preserves its strength, legitimacy and coherence."

Cefic, the European Chemical Industry Council, said: "While respecting the role of the ECJ in defining such matters, this decision will complicate the adoption of future FTAs and undermine the reliability of the EU as a trading partner, as national and some regional parliaments will need to ratify mixed agreements as well. This could also result in a split into EU-only competence and mixed competence agreements covering investment protection at a later stage, limiting the ambition to conclude deep and comprehensive deals.

"Cefic calls on national and regional parliaments to ratify the EU-Singapore, CETA and EU-Vietnam agreements as free trade agreements are indispensable legal frameworks that have significantly boosted chemicals trade around the world, promoting prosperity and raising living standards. For example, EU chemicals trade with South Korea increased by 29% since the entry into force of the EU-Korea FTA, and similarly, EU chemicals trade with Mexico increased by 49.5 % over the last ten years.”

David Martin, S&D spokesperson on the EU Singapore trade deal and MEP, said:

"The good news is that today’s ruling by the European Court of Justice finally unblocks the EU Singapore trade deal, which hopefully can be referred to the European Parliament soon for ratification.

"The EU’s credibility as an international deal-maker and the very future of our trade policy are at stake and our partners are closely watching our every move."

Paul de Clerck, economic justice programme coordinator at Friends of the Earth Europe, said: “Involving national parliaments in the ratification of free trade agreements will increase the democratic scrutiny and give citizens a stronger voice. All future agreements that include investment tribunals will need to be ratified by national parliaments and we call on parliamentarians to reject all deals that include unfair VIP rights for foreign investors.”