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21/01/2017

Sarrazin in Wien: Merkels Flüchtlingspolitik ist „fahrlässig und gemeingefährlich“

EU-Innenpolitik

Sarrazin in Wien: Merkels Flüchtlingspolitik ist „fahrlässig und gemeingefährlich“

Buchautor Thilo Sarrazin poltert in Wien auf Einladung der rechtspopulistischen FPÖ gegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik.

[Thomas Rodenbücher/Flickr]

Buchautor und Ex-Banker Thilo Sarrazin warnt bei einem Vortrag in Wien davor, dass Deutsche und Österreicher zur Minderheit im eigenen Land werden können. Man müsse dringend Abschied nehmen von der „Wilkommenskultur“.

200.000 Flüchtlinge sind allein im September durch Österreich gereist. Rund 10.000 von ihnen suchten hier auch um Asyl an. Hochgerechnet auf das ganze Jahr werden rund 85.000 Menschen Menschen – vor allem aus Syrien, dem Irak und Afghanistan – in der Alpenrepublik Schutz suchen. Zusätzlich rechnen die Behörden damit, dass noch etwa 13.800 Personen in Folge des Familien-Nachzugs hinzukommen. Geht es nach den Berechnungen des umstrittenenen Buchautors Thilo Sarrazin, dann werden sich die Neuankömmlinge innerhalb von ein bis zwei Jahrzehnten verfünffachen.

Mit dieser Formel versuchte der deutsche Aufreger-Publizist und ehemalige SPD-Politiker 500 Zuhörer in Wien und rund 37.000 Internetnutzer auf die ausländerkritische Linie von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache einzuschwören sowie die Wahlkampfstimmung weiter anzuheizen. Sarrazin kritisierte bei dieser Gelegenheit sowohl die deutsche als auch österreichische Flüchtlingspolitik, nannte sie wörtlich „fahrlässig und gemeingefährlich“.

Angesichts der stark gestiegenen Flüchtlingszahlen malt er die drohende „Gefahr zur Minderheit im eigenen Land zu werden“ an die Wand. Und er begründete dies mit dem „Multiplikationsfaktor fünf“. Demnach würde sich aufgrund seines Berechnungsschlüssels die Zahl der ankommenden Flüchtlinge „wegen der Nachzugsregelungen und der Zahl der Geburten“ innerhalb der nächsten 15 bis 20 Jahre um das Fünffache vergrößern.

„Merkel macht Deutschland zum großen Schweden“

Sarrazin beobachtet auch ein weiteres Absinken des Bildungsniveaus – wirke sich doch die “muslimische Prägung von Kulturen negativ auf die Bildung aus“. Eine „tiefgreifende und unwiderrufliche kulturelle Veränderung“ sei die klare Folge, lautete eine seiner Prophezeiungen. Daher sei es dringend notwendig, Abschied von der „Willkommenskultur“ zu nehmen. Schließlich sei weder die deutsche noch die österreichische Bevölkerung „gefragt worden, ob wir das auch wirklich wollen, was wir schaffen sollen“.

Sarrazin kritisierte insbesondere Bundeskanzlerin Angela Merkel, wolle sie doch ohne Zustimmung der Bevölkerung das Land zu einem „großen Schweden“ machen. Lob spendete er dafür dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban, der seiner Ansicht nach zu den wenigen Politikern gehört, „die sich nicht scheuen, logisch zu denken und nach ihren Ansichten zu handeln“, indem er bloß versucht, Kontrolle über die Grenze zu erlangen. „Grenzen schließen“ sei daher die einzig richtige Antwort auf die „neue Völkerwanderung“. Worauf Strache gleich noch nachlegte, indem er sich über die UNO-Flüchtlingscharta hinwegsetzte und schlichtweg festhielt, dass „Krieg kein Grund für Asyl“ sei.

Rot-Kreuz-Projekt fördert interkulturelles Verständnis

Einen ganz anderen Weg geht indessen das Rote Kreuz Österreich mit einem Projekt, dass sich „Xchange“ nennt und um einen besseren Zugang zu interkulturellem Verständnis bemüht. Der Gedanke dahinter ist, durch persönliches Kennenlernen Möglichkeiten, Vorurteile, Ängste und Konflikte abzubauen und ein gegenseitiges offenes Miteinander zu fördern. Vorrangige Zielgruppe dieses Projekts ist vor allem die ältere Generation.

Projektträger sind derzeit rund 300 ehrenamtliche so genannte „Botschafter“, die Seniorenclubs besuchen und aus ihrem Land, ihrer Kultur und ihrem Leben berichten. Untermalt werden diese Erzählungen mit Bildern, Musik, Kleidung und Essen aus dem jeweiligen Land. Die Besuche werden von einem ausgebildeten Mitarbeiter des Roten Kreuzes begleitet und geleitet. Durch den unverbindlichen und geselligen Austausch können, das haben die erstens Erfahrungen dieses seit 2014 laufenden Projektes bereits gezeigt, allfällige Vorurteile oder Vorbehalte beseitigt und ein neues Verständnis geschaffen werden.

„XChange“ ist ein so genanntes Nischenprodukt. Es fällt daher auch nicht in die Kategorie jener Projekte, die mit öffentlicher Förderung rechnen können. Um dieses Projekt künftig breiter anzulegen, bedarf es der Unterstützung durch Spenden. Die Vorsitzende des Wiener Seniorenbundes, Ingrid Korosec, hat sich daher entschlossen, eine solche private Spendenaktion zu initiieren. Um sich aber nicht dem Vorwurf auszusetzen, in Wahlkampfzeiten bloß eine PR-Aktion zu setzen, wird damit erst nach dem kommenden Wahlsonntag gestartet und an die Öffentlichkeit getreten.