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30/09/2016

Radikalisierung: Neues Problemkind an Frankreichs Schulen

EU-Innenpolitik

Radikalisierung: Neues Problemkind an Frankreichs Schulen

Mit ihrem neuen Maßnahmenpaket will die französische Regierung der Radikalisierung von Jugendlichen entgegenwirken.

[Creativa Images/Shutterstock]

Immer mehr junge Franzosen liebäugeln mit Gedankengut des Dschihadismus – eine Tendenz, die sich für das vom Terror gebeutelte Land als tickende Zeitbombe erweisen könnte. Jetzt schreitet die Regierung zur Tat. EurActiv-Kooperationspartner EFE berichtet.

Frankreichs Bildungssystem steht erneut auf dem Prüfstand. Anlass sind der Mord zweier 19-Jähriger an dem französischen Priester in der Normandie am 26. Juli sowie die jüngste Verhaftung eines 16 Jahre alten, nach eigenen Angaben terrorbereiten Jugendlichen in der Nähe von Paris.

Etwa 20 Prozent aller französischen Muslime, von denen etwa die Hälfte Teenager sind, vertreten salafistische Ideologien, so das Ergebnis einer Studie der Fakultät für Politikwissenschaften der Universität La Sorbonne. „In einigen Nachbarschaften fällt es muslimischen Kindern schwer, sich mit den Werten der Schule zu identifizieren, da diese weltlichen Werte der Republik in ihren Augen im Konflikt mit dem Islam stehen. So zum Beispiel bei der Gleichstellung von Mann und Frau“, erklärt der Politikwissenschaftler Sébastian Roché im Gespräch mit EFE.

 „Für sie ist Religion die einzige Wirklichkeit“, bestätigt auch Patrick Amoyel, Direktor des Verbands für Psychoanalyse „Entr’autres“. Die erste Generation von Einwanderern, die nach Frankreich kam, wollte sich integrieren, ohne ihre Wurzeln zu verlieren, so der Experte. Viele der dritten und vierten Generation seien nun der Meinung, ihre Vorfahren hätten ihren wahren Traditionen den Rücken gekehrt und machen sich selbst auf die Suche nach dem „wahren Islam“. Diese neuen Radikalen versuchen Amoyel zufolge, die in ihren Augen befleckte Identität wiederherzustellen, indem sie selbst zu „Super-Muslimen“ werden.

Alles eine Frage der Bildung?

Französische Schulen hätten bislang ihre Rolle bei der Integration vernachlässigt, kritisiert Amoyel. Außerdem sei es nicht gerade förderlich gewesen, dass viele muslimische Familien glaubten, die Radikalisierung halte ihre Kinder davon ab, straffällig zu werden. Niemals hätten sie sich träumen lassen, dass kulturelle Radikalisierung politisch werden könnte.

Die französische Regierung scheint sich der Bedrohung bewusst zu sein. So ergreift sie nun im Kampf gegen den radikalen Islam neue bildungspolitische Maßnahmen, die ab September an den Schulen in Kraft treten sollen.

Einer geplanten Vorschrift nach werden Psychologen, die sich auf radikalisierte Jugendliche spezialisiert haben, verpflichtet sein, den Schuldirektor über jeden „heiklen“ Fall in Kenntnis zu setzen und den Betroffenen aufmerksam zu beobachten.

Eine andere Möglichkeit wäre der sogenannte Radikalisierungs-Test, vorgeschlagen vom republikanischen Vizebürgermeister der Region Île-de-France, Geoffroy Didier. Darin könnten Jugendliche gefragt werden: „Verweigerst Du die Teilnahme an sportlichen Aktivitäten, weil sowohl Jungen als auch Mädchen daran teilnehmen?“ oder „Hast Du jemals Videos oder Webseiten angesehen, die zum Dschihad aufrufen?“ Mithilfe solcher Fragen will man potenziell gefährdete Jugendliche identifizieren. Sollte der Test Alarm schlagen, werde man „umgehend die Eltern informieren und sofortige psychologische sowie erzieherische Unterstützung bieten, um den Radikalisierungsprozess zu unterbrechen“, betont Didier.

Von großer Bedeutung sei jedoch auch die Weiterbildung der Lehrer, erinnert Amoyel: „Sie müssen in der Lage sein, auf die Fragen der Jugendlichen von einem kritischen Standpunkt aus zu antworten, damit ihre Schüler die Religion als Philosophie und nicht als Realität begreifen.“

In einem Land wie Frankreich, in dem die Einwanderung so tiefe Wurzeln geschlagen hat, müsse man Roché zufolge langfristige Lösungen des friedlichen Zusammenlebens finden, die sowohl die familiäre als auch die schulische Sphäre auf eine gemeinsame Wertegrundlage stellen.

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