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06/12/2016

Psychoanalytiker: Brexit als Trotzreaktion auf EU-Meinungsdiktat

EU-Innenpolitik

Psychoanalytiker: Brexit als Trotzreaktion auf EU-Meinungsdiktat

Big Ben, London.

[Sarantis Michalopoulos]

Um einen Brexit zu vermeiden, müsste die EU Lehren aus dem griechischen Referendum 2015 und der französischen Ablehnung der europäischen Verfassung 2005 ziehen. EurActiv Griechenland berichtet.

Mainstream-Medien und die Haltung einflussreicher Politiker spielten eine bedeutende Rolle für den Ausgang des Grexit-Referendums vom vergangenen Juli. Die Abstimmungsumstände für die Bürger dort waren denen des Referendums in Frankreich 2005 nicht unähnlich, das in der Ablehnung der EU-Verfassung endete. Diese Wahlumstände beeinflussten die Ergebnisse beider Referenden in hohem Maße.

Massenpsychologie wird auch bei der kommenden Brexit-Abstimmung am 23. Juni 2016 ein kritischer Faktor sein. Ein solches Referendum hatte der britische Premierminister David Cameron im Anschluss an die Neuverhandlung der Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU versprochen.

Referenden in Frankreich und Griechenland

2005 herrschte in Frankreich große Unzufriedenheit mit der regierenden Elite. Drei Tage vor dem Referendum über die EU-Verfassung sprach sich der damalige Präsident Jacques Chirac ein letztes mal für ein Ja in der Abstimmung aus. Eine Gegenstimme käme ihm zufolge einer Absage an Europa gleich. Auch der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder unterstützte die französische Regierung in ihrem Kampf für die EU-Verfassung. Dem steigenden Druck der Massenmedien und des politischen Establishments entgegen erteilten die französischen Wähler ihrem Präsidenten jedoch eine Abfuhr: 56 Prozent stimmten gegen die europäische Verfassung.

Ähnlich verhielt es sich 2015 in Griechenland im Vorfeld des Referendums vom 5. Juli, bei dem das Land über die Rettungsbedingsbedingungen der internationalen Geldgeber – der EU-Kommission, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB) – entscheiden sollte. Fast sämtliche griechischen Massenmedien als auch führende politische Parteien warben für die vorgeschlagenen Finanzierungsbedingungen und den Verbleib in der EU. Zu den Befürwortern zählten die ehemaligen Premierminister Costas Karamanlis, Antonis Samaras, Constantine Mitsotakis und Costas Simitis sowie der Bürgermeister Athens, George Kaminis. Dennoch stimmten die Griechen zu 61 Prozent mit Nein.

Psychologische Reaktanz

Psychologie spiele eine entscheidende Rolle beim Wählerverhalten, betont der Psychiater Dr. Dimitrios Papadimitriadis im Gespräch mit EurActiv. Die Menschen fühlen sich unwohl, wenn sie glauben, ihre Entscheidungsfreiheit sei gefährdet, erklärt er mit Blick auf das Griechenlandreferendum. „Dieses Gefühl bringt sie dazu, die gefährdete Aktivität auszuführen. Sie wollen also beweisen, dass ihr freier Wille nicht beeinflusst wird. Dieses Phänomen bezeichnet man als psychologische Reaktanz (nicht zu verwechseln mit dem psychologischen Widerstand der Freudschen Psychoanalyse). Jack W. Brehm beschrieb es erstmals im Jahr 1966“, so der Psychoanalytiker. Reaktanz tritt ein, wenn eine Person oder Gruppe befürchtet, bevormundet oder in ihrer Entscheidung eingeschränkt zu sein. „Setzt man jemanden zum Beispiel unter starken Druck, eine bestimmte Meinung oder Sichtweise anzunehmen, beharrt diese Person oft verstärkt auf die gegenteilige Haltung. Sie ist immer weniger bereit, sich überzeugen zu lassen.“

Nein ist „keine Option“

Der Druck auf die öffentliche Meinung in Griechenland sei laut Papadimitriadis enorm gewesen. „Es gab eine groß inszenierte Warnung seitens der EU-Kommission, der führenden drei Euro-Länder, der griechischen Opposition und der meisten Mainstream-Medien (die üblichen Verdächtigen, die für die Not des Landes verantwortlich gemacht wurden). Ein Nein, so sagten sie, stehe für den Austritt aus der Einheitswährung und unweigerlich auch für den Austritt aus der EU.“

Personen des öffentlichen Lebens, Banker, Politiker, etablierte Unternehmer und Journalisten überfluteten alle größeren Radio- und TV-Sender, so der Psychoanalytiker. „Sie haben unermüdlich unterstrichen, dass ein Nein keine Option sei […], dass man keine andere Wahl hätte. […] Ihre Art zu sprechen ist sehr dogmatisch gewesen – mit Imperativen wie müssen oder sollen, absoluten Vorwürfen wie Das Ganze ist extrem ernst oder der Verspottung von Alternativen: Jeder vernünftige Mensch stimmt zu, dass… Der Mensch nimmt diese Sprache mit wachsendem Groll war. Wut und unangenehme Gedanken vermehren sich.“

„Bei der Reaktanzerfahrung werden die Menschen in der Regel unruhig, zeigen sich feindselig oder aggressiv. Diese Gefühle richten sich meist gegen den Überbringer schlechter Nachrichten als gegen die schlechten Nachrichten selbst“, erklärt Papadimitriadis, „Somit wurde der Inhalt der in den Medien beworbenen Argumente immer schwächer – wenn nicht sogar kaum wahrnehmbar.“