Neue Terrorangst in Paris: Schießerei und Festnahmen

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Im Norden von Paris ist es am Mittwochmorgen im Zusammenhang mit der Fahndung nach einem flüchtigen Anschlagverdächtigen zu heftigen Kämpfen gekommen. Eine Frau soll sich in die Luft gesprengt haben.

Bei der Suche nach Komplizen der Attentäter von Paris haben sich die französischen Sicherheitskräfte im Vorort Saint-Denis eine Schießerei mit mutmaßlichen Islamisten geliefert.

Ziel des Einsatzes sei auch der Belgier Abdelhamid Abaaoud gewesen, der als möglicher Drahtzieher der Anschläge vom Freitag gesucht wird, sagten Insider aus Polizei und Justiz am Mittwoch zur Nachrichtenagentur Reuters. Möglicherweise hätten die Verdächtigen, die sich in einer Wohnung verschanzt hatten, einen weiteren Angriff auf das Pariser Geschäftsviertel La Defense geplant. Die Polizei nahm insgesamt sieben Personen fest – ob Abaaoud darunter ist, war zunächst unklar. Eine Frau tötete sich mit einem Sprengstoffgürtel, möglicherweise wurde ein Mann durch einen Scharfschützen getötet.

Zwei in den USA gestartete Air-France-Flugzeuge mussten nach Bombendrohungen in den USA und in Kanada landen. In Berlin beriet nach der Absage des Fußballspiels am Dienstagabend gegen die Niederlande das Sicherheitskabinett über die Gefährdungslage in Deutschland. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hält zur Unterstützung der Polizei offenbar auch einen Bundeswehreinsatz im Inland nicht für tabu.

Anwohner durch Schüsse aus dem Schlaf gerissen

Den Festnahmen in Saint-Denis waren Explosionen und Gefechte mit Sicherheitskräften vorausgegangen. Anwohner durften ihre Wohnungen nicht verlassen, Schulen und Geschäfte blieben geschlossen. Die ersten Schüsse fielen Bewohnern zufolge gegen 04.30 Uhr. „Wir konnten die Schüsse und die Ziellaser aus dem Fenster sehen“, sagte eine Bewohnerin des Hauses, in dem sich die Verdächtigen verbarrikadiert hatten: „Es gab Explosionen, das ganze Gebäude wackelte.“ Sie und ihr Sohn hätten hören können, wie die Leute in der Wohnung über ihnen ihre Waffen nachgeladen hätten.

Bei dem Einsatz wurden mindestens drei Polizisten und ein Passant verletzt. Auch fünf Stunden nach dem Ausbruch der Gefechte war unklar, ob Abaaoud, der eigentlich in Syrien vermutet wurde, vor Ort war. Der Stadtteil Saint-Denis liegt in der Nähe des Fußballstadions, wo sich am Freitag am Rande des Länderspiels Deutschland gegen Frankreich drei Angreifer in die Luft gesprengt und einen Passanten getötet hatten. Insgesamt starben bei den zeitgleichen Angriffen auf einen Musikclub und mehrere Straßencafes 129 Menschen, Hunderte wurden verletzt.

In Frankreich gilt seit den Anschlägen der Ausnahmezustand. In Dutzenden Razzien sucht die Polizei nach Unterstützern der Attentäter und Hinweisen auf die Drahtzieher. In einer Mülltonne in der Nähe des Clubs Bataclan, wo 89 Menschen getötet wurden, wurde Ermittlungskreisen zufolge ein Handy mit einer Karte des Clubs und einer SMS mit dem Text „Los geht’s“ gefunden.

Die beiden von Bombendrohungen betroffenen Air-France-Flugzeuge landeten nach Angaben der US-Behörden sicher in Salt Lake City und im kanadischen Halifax. Sie waren eigentlich auf dem Weg von Los Angeles beziehungsweise Washington nach Paris.

Frankreich ist an einer von den USA geführten Koalition beteiligt, die mit Luftschlägen gegen die Extremisten-Miliz Islamischer Staat (IS) in Syrien und im Irak kämpft. Nach Angaben von Beobachtern wurden bei den Angriffen der Koalition in den vergangenen drei Tagen 33 IS-Kämpfer getötet. Die Führung der Extremistenmiliz ziehe sich deshalb aus der syrischen Stadt Rakka zurück. Die Kämpfer und ihre Familien ließen sich nun im irakischen Mossul nieder.

Verfassungsschutz: „Deutschland ist Feind des IS“

Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen sagte der ARD, er würde nicht empfehlen, Großveranstaltungen in Deutschland in nächster Zeit abzusagen. Allerdings sei dies am Dienstag geboten gewesen. „Mit Blick auf das Fußballspiel in Hannover hatten wir einen Hinweis gehabt.“ Nach einer Überprüfung habe sich erwiesen: „Das ist ein Hinweis, den müssen wir sehr, sehr ernst nehmen.“

Die Bedrohung durch den IS ist nach Maaßens Worten groß: „Deutschland ist Feind des IS.“ Das gelte für alle westlichen Staaten: „Wenn der IS uns treffen kann, wenn der IS Terroranschläge in Deutschland durchführen kann, dann wird er es tun – das ist unsere große Sorge.“

Schäuble sagte der „Rheinischen Post“ zufolge bei einer Veranstaltung in Düsseldorf: „Wenn wir eine Situation hätten wie in Paris, möglicherweise mit Anschlägen an drei bis vier Orten, wird man darüber nachdenken müssen, ob unsere polizeilichen Fähigkeiten ausreichen.“ Die Frage sei dann, wie die an manchen normalen Wochenenden schon überforderten Sicherheitskräfte unterstützt werden könnten. Die Bundeswehr darf außer im Rahmen der Amtshilfe etwa bei Katastrophen nicht im Inland eingesetzt werden.