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27/09/2016

Migrationsexperte: Integration ist unvermeidbar

EU-Innenpolitik

Migrationsexperte: Integration ist unvermeidbar

Sami Naïr: "Was sind schon vier oder fünf Millionen Flüchtlinge [...] im Vergleich zu einer Bevölkerung von 500 Millionen Europäern? Gar nichts."

[Wikimedia]

Der französische Polit-Philosoph Sami Naïr ist sicher, dass Europa die Zuwanderung „absorbieren“ könnte. Integration gelinge nach spätestens drei oder vier Generationen. EurActiv Spanien berichtet.

Es war der Migrationsexperte Sami Naïr, ein ehemaliger EU-Abgeordneter, Philosoph, Soziologe und Lehrer, der den Begriff Co-Entwicklung prägte. Jetzt stellt er in seinem neuen Buch Maßnahmen zum Umgang mit der Flüchtlingskrise vor – darunter einen „Transitpass“ für Asylsuchende. Es gehe nicht allein darum, eine unmittelbare Herausforderung zu meistern, sondern ein „Zivilisationsproblem“ zu lösen, „zu wissen, was für eine Zivilisation wir sein wollen“.

Mit dem Transitpass für Flüchtlinge soll eine organisierte Freizügigkeit innerhalb Europas, insbesondere im Schengen-Raum, geschaffen werden. So könnten Migranten ein Land finden, das bereit sei, sie aufzunehmen, anstatt „irgendwo ohne Lösung und Perspektiven ertrinken zu müssen“. Naïr verweist dabei auf die Genfer Flüchtlingskonvention und die UN-Charta der Menschenrechte, die die Würde des Menschen garantieren.

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Brüssel könne in seinen Augen mehr tun, als nur solche Staaten finanziell zu unterstützen, die an Kriegsgebiete grenzen. Viel eher müsse man die Bevölkerung stabilisieren und politischen Druck auf Länder ausüben, die in den Konflikt involviert sind, wie zum Beispiel jene im Nahen Osten. Darüber hinaus schlägt der ehemalige Berater des einstigen französischen Premierministers France Lionel Jospin vor, die USA und Großbritannien zur Verantwortung zu ziehen. Immerhin hätten sie zum Großteil zur Destabilisierung in der Region und somit zur Flüchtlingskrise beigetragen.

Die EU sei durchaus in der Lage, mit den aktuellen Migrationsströmen umzugehen, meint Naïr. Denn eine Region mit etwa 513 Millionen Einwohnern verfüge über große Absorptionskapazitäten. „Was sind schon vier oder fünf Millionen Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, dem Irak oder anderen Ländern im Vergleich zu einer Bevölkerung von 500 Millionen Europäern? Gar nichts“, betont er. Aktuellen Statistiken zufolge hat Europa bisher 0,7 Prozent Flüchtlinge und Vertriebene aufgenommen, die Türkei hingegen etwa zwölf Prozent.

Oberste Priorität sollte es laut Naïr sein, die Öffentlichkeit über die tatsächliche Situation aufzuklären. Dabei müsse man die Aufmerksamkeit vermehrt auf Berichte internationaler Organisationen lenken, die die wirtschaftlichen Vorteile der Einwanderung beleuchten, wie die Studien des Internationalen Währungsfonds (IWF) oder der Welthandelsorganisation (WTO).

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Es gebe kein einziges Einwanderungsbeispiel, in dem die Integration nicht nach mindestens ein, zwei, drei oder vier Generationen erfolgreich gewesen sei. Vielfalt, so Naïr, „[ist ein] grundlegendes Gesetz der Menschheit“.

Die „Angst vor dem Ausländer“, die Wirtschaftskrise und andere Faktoren hätten sich nun vermischt, gesteht er, und würden von fremdenfeindlichen Anti-Establishment-Bewegungen ausgeschlachtet, um alteingesessene Parteien zu schwächen. Eine solche Entwicklung habe dramatische Folgen, warnt er.

Scharfe Kritik übt Naïr jedoch auch an Jean-Claude Juncker. Der Kommissionspräsident sei „nicht geeignet für den Job“. „Die einzige Möglichkeit, den Untergang Europas zu vermeiden, ist ein Neuanfang – nicht in wirtschaftlicher, sondern in politischer Hinsicht. Man muss die europäischen Länder in einer politischen Union vereinen und gemeinsame politische Ziele definieren. Dabei sollte man jene aufnehmen, die miteinbezogen werden wollen, und alle anderen gehen lassen. Das“, so Naïr, „ist die einzige Lösung.“

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