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08/12/2016

Kinderarmut in Deutschland: Zunehmend normal – zunehmend bedrohlich

EU-Innenpolitik

Kinderarmut in Deutschland: Zunehmend normal – zunehmend bedrohlich

2015 waren in Deutschland fast 15 Prozent der Kinder von Armut oder von sozialer Ausgrenzung betroffen.

Foto: dpa

Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist gut. Dennoch leben immer mehr Kinder in Armut, zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung – mit absehbar schlimmen Folgen.

Deutschlands Wirtschaftslage ist gut – gut wie lange nicht. Die Steuern fließen, Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherungen nahmen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres zusammen 18,5 Milliarden Euro mehr ein als sie ausgaben. Einen so hohen Überschuss zur Jahresmitte gab es nach der Wiedervereinigung laut dem Statistischen Bundesamt noch nie.

Viele Kinder aber bekommen davon nichts mit. Im Gegenteil: Die Kinderarmut steigt – und ist bereits jetzt ein Massenphänomen. 2015 lebten mehr als 1,9 Millionen junge Menschen unter 18 Jahren in Haushalten, die von der staatlichen Grundsicherung Hartz-IV versorgt werden. Das waren 14,7 Prozent aller Kinder und 52.000 mehr als 2014, zeigt eine neue Statistik der Bundesagentur für Arbeit (Arbeitsmarkt in Zahlen, Kinder im SGB II), die die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie ausgewertet hat.

Würden auch Kinder hinzugezählt, deren Eltern weniger als als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens haben, müssten den Wohlfahrtsverbänden zufolge sogar drei Millionen Kinder als arm definiert werden – in jenem Land, das im Jahr 2015 mit knapp 3,4 Billionen US-Dollar das größte Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Europa noch vor Großbritannien und Frankreich erwirtschaftete.

Besonders hart trifft es meist Kinder, die mit nur einem Elternteil oder zwei und mehr Geschwistern aufwachen. Von allen Heranwachsenden in staatlicher Grundsicherung lebt die Hälfte bei einem alleinerziehenden Elternteil und 36 Prozent leben in Familien mit drei oder mehr Kindern.

Diese Armut ist für die meisten Kinder nicht nur ein Übergangsphänomen. Der Großteil, 57 Prozent, der betroffenen Kinder im Alter von sieben bis unter 15 Jahren waren drei Jahre und länger Hartz IV angewiesen.

Im Westen stieg die Kinderarmut, im Osten sank die SGB-II-Quote

Interessant ist ein Blick auf die jeweiligen Entwicklungen in den Regionen Deutschlands. Die höchsten Quoten der SGB-II-Bezieher bei unter 18-Jährigen gab es 2015 in Großstädten: In Bremerhaven liegt die Quote bei 40,5 Prozent,in der Bundeshauptstadt ist etwa ein Drittel der unter 18-Jährigen betroffen.

Eine kleine positive Entwicklungen ließ sich zwar in Ostdeutschland verzeichnen. Dort sank die Quote bis 2015 zwar von 24 Prozent im Jahr 2011 auf knapp 22 Prozent. Sie blieb aber dennoch hoch. Im Westen stieg sie etwas an auf 13,2 Prozent im Vergleich zu 12,4 Prozent im Jahr 2011. Auch in Bundesländern mit den niedrigsten Quoten wuchs die Kinderarmut – in Bayern etwa um 0,4 Prozentpunkte, in Rheinland-Pfalz um 0,9 Prozentpunkte. 

Welche fatalen Folgen das hat, zeigt eine von der Bertelsmann-Stiftung gemeinsam mit dem Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V (ISS) erarbeitete Studie: Arme Kinder sind demnach häufiger sozial isoliert, materiell unterversorgt und gesundheitlich beeinträchtigt. Sie haben oft kein eigenes Zimmer und damit keinen Rückzugsort, ernähren sich ungesünder, Monatstickets für den Nahverkehr sind kaum finanzierbar und außerschulische Bildung, Hobbies oder Urlaub ein Luxus. Außerdem ist der Bildungsweg armer Kinder weitaus belasteter.

Kinderarmut sollte erforscht werden

Die Studie, für die die Forscher zeigt insgesamt 59 Studien aus den vergangenen zwei Jahrzehnten auswerteten, zeigt auch:  Bisher untersucht die Wissenschaft die Folgen von Kinderarmut in Deutschland nur lückenhaft, es gebe „keine systematische und wissenschaftliche Aufarbeitung der Folgen und Auswirkungen von Armut für Kinder“, so die Wissenschaftler.

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, warnte: „Kinder in Armut können ihre Lebenssituation nicht selbst ändern. Deshalb hat der Staat hier eine besondere Verantwortung.“ Bislang aber beachte das staatliche Unterstützungssystem zu wenig die Bedürfnisse, die Kinder tatsächlich haben. Die Existenzsicherung müsse sich daran orientieren, was Kinder für gutes Aufwachsen und Teilhabe brauchten, mahnte Dräger. Nur so könne Kinderarmut wirksam bekämpft werden.