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29/08/2016

Jeder zweite Deutsche hat kein Interesse an DDR-Geschichte

EU-Innenpolitik

Jeder zweite Deutsche hat kein Interesse an DDR-Geschichte

Dass in Ost- und Westberlin im Jahr 2012 noch unterschiedliche Straßenlaternen benutzt werden, wird auf diesem Foto der Raumstation ISS deutlich. Foto: ESA/NASA

Würden Sie gerne mehr über die Geschichte der DDR und die deutschen Teilung erfahren? 54 Prozent der Bundesbürger sagen einer Umfrage zufolge “Nein”. Im 25. Jahr des Mauerfalls plädieren sechs von zehn Deutschen dafür, stärker nach vorne zu schauen als auf die DDR-Geschichte zurückzublicken.

Nur 38 Prozent der Bundesbürger wünschen sich, mehr über die DDR-Geschichte und die Teilung zu erfahren. Das ergab eine bundesweite, repräsentative Studie, die von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur bei Infratest Dimap beauftragt worden war. Jeder zweite Deutsche (54 Prozent) will demnach keine weiteren Informationen zur DDR-Geschichte.

Eine Ausnahme bilden allerdings die jüngeren Bundesbürger, von denen sich 58 Prozent durchaus an mehr Informationen über die DDR-Geschichte interessiert zeigen. Unter den befragten 14- bis 29-jährigen gab die Mehrheit an, dass sie gerne mehr über die Geschichte der DDR und der deutschen Teilung erfahren würden. “Die Studienergebnisse bestätigen frühere Umfragen und unsere eigene Erfahrung: Junge Leute mögen zwar wenig über die Teilungsgeschichte und die zweite Diktatur in Deutschland wissen, sie sind aber interessiert und möchten gern mehr erfahren”, erklärte die Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Anna Kaminsky.

Die Umfrage zeigt auch, dass der 9. November 1989 als das markanteste Datum der Friedlichen Revolution weithin bekannt ist: 69 Prozent der Befragten in Ost und West wissen, dass in der Nacht zum 10. November die Grenzübergänge an der Berliner Mauer geöffnet wurden, im Osten Deutschlands sogar 81 Prozent. Gefragt nach den wichtigsten Gründen für den Zusammenbruch der DDR sind sich Ost- wie Westdeutsche weitgehend einig: Michail Gorbatschows Reformpolitik steht an erster Stelle (33 Prozent), gefolgt vom schlechten Zustand der DDR-Volkswirtschaft (22 Prozent). Als drittwichtigster Grund gilt der Ausreisestrom von DDR-Bürgern (16 Prozent). Demgegenüber wird der Oppositionsbewegung in der DDR (10 Prozent) wie auch der damaligen Politik des Westens (11 Prozent) eine vergleichsweise geringere Bedeutung für den Untergang der DDR zugeschrieben.

“Ohne Gorbatschow wäre die Oppositionsbewegung in der DDR möglicherweise gescheitert”, sagt Rainer Eppelmann, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Aufarbeitung. Klar ist aber auch, dass die Mauer nicht gefallen ist, weil die Herrschenden in der DDR plötzlich einsichtig geworden wären. Die Grenzöffnung ist von den Bürgern der DDR in den Kirchen und auf der Straße erzwungen worden, ohne sie hätte es den 9. November, wie wir ihn erlebt haben, nicht gegeben.”

“Wende” oder “Friedliche Revolution”?

Erkennbar ist in den Umfrageergebnissen zudem, wie unterschiedlich die Ereignisse des Herbstes 1989 im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet werden: Während im Westen Deutschlands die Mehrzahl der Befragten von der “Wende” sprechen (43 Prozent), ist im Osten der Begriff “Friedliche Revolution” am weitesten verbreitet (41 Prozent). Für Lothar de Maizière (CDU), letzter Ministerpräsident der DDR, war es ganz klar keine Wende. “Das war die Vokabel, die [Egon] Krenz am 18. Oktober abends, als [Erich] Honecker zurückgetreten war, sagte: ‘Jetzt kommt eine Wende'”, sagte de Maizière am Sonntag im Deutschlandfunk. “Damit meinte er aber innerhalb des Systems, keine systemüberwindende.” Überhaupt zum Thema Sprachgebrauch: De Maizière missfällt die Vokabel “Fall der Mauer”, wie er weiter erklärt. “Die Mauer ist nicht gefallen, die Mauer ist eingedrückt worden, die ist wegdemonstriert worden. In Leipzig, in Plauen, in Berlin am 04. November.”

Der Sprachgebrauch ist nicht das einzige Thema bei dem noch Unterschiede zwischen Osten und Westen vorherrschen. In einem Feature von Zeit Online wird visuell deutlich gemacht, wie der Osten in Statistiken sichtbar geblieben ist. Beim Thema Einkommen, Größe von Agrarbetrieben, Waffenbesitz, der Anzahl von Wohnmobilen pro Einwohnern und der Häufigkeit des Vornamens “Ronny” unter Facebook-Nutzern gibt es beispielsweise deutlich sichtbare Unterschiede.

Aus dem Regionalatlas Deutschland geht hervor, dass auch beim Anteil von Ausländern an der Gesamtbevölkerung eine leicht erkennbare Teilung zwischen Ost und West herrscht.

Auch bei der Anzahl der Gestorbenen je 10.000 Einwohner lässt sich eine Teilung der Bundesrepublik in Ost und West erkennen.

Eberhard Diepgen (CDU) war von 1984 bis 1989 Regierender Bürgermeister von Berlin. Mit den ersten gesamtberliner Wahlen kehrte er 1991 in dieses Amt zurück und gestaltete bis 2001 in einer großen Koalition mit der SPD die Wiedervereinigung der Stadt. 25 Jahre nach dem Fall der Mauer wies Diepgen letzte Woche in Berlin darauf hin, dass die Wiedervereinigung nicht “vollendet” werden könne, wie von manchen gefordert. Vielmehr handele es sich um einen natürlichen Prozess, der Zeit brauche. “Es gibt auch heute noch Menschen, die sich als Verlierer der Wende sehen. Um das zu überwinden, braucht es sicher zwei Generationen.”

Am 7. November starten die dreitägigen Jubiläumsfeierlichkeiten in Berlin. Bis zum 9. November markieren 8.000 weiße, leuchtende Luftballons in der Stadt den ehemaligen Mauerverlauf. Die 15 Kilometer lange “Lichtgrenze” soll noch einmal die Dimension der Mauer ins Gedächtnis rufen und zudem an die Kerzen erinnern, die während der Friedlichen Revolution 1989 zum Symbol für Gewaltfreiheit wurden.

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