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04/12/2016

Flüchtlingskrise: Ein Leuchtturm für Lampedusa in Brüssel

EU-Innenpolitik

Flüchtlingskrise: Ein Leuchtturm für Lampedusa in Brüssel

Der Leuchtturm für Lampedusa besteht aus Gummi- und Plastikresten von Flüchtlingsbooten.

[MattTempest/Flickr]

Ein provisorischer Leuchtturm aus den Überresten von Flüchtlingsbooten ziert seit Sonntag anlässlich des Weltflüchtlingstages die Brüsseler Skyline. Den EU-Politikern wird er den Sommer über ein Mahnmal sein. EurActiv Brüssel berichtet.

Das Werk des deutschen Künstlers Thomas Kilpper wurde auf dem Dach des Palasts der Schönen Künste (BOZAR) inmitten der belgischen Hauptstadt errichtet – in unmittelbarer Nähe zum Königspalast und Justizgebäude. Von dort aus wird der Leuchtturm nun bis September mahnend auf die Stadt blicken. Danach will man ihn in die Pegida-Hochburg Dresden transportieren.

Kilpper hofft, eines Tages einen echten Leuchtturm auf der italienischen Mittelmeerinsel zwischen Sizilien und Tunesien bauen zu können. Nur 80 Meilen von der afrikanischen Küste entfernt betreten Migranten auf Lampedusa oft erstmals europäischen Boden.

Lighthouse for Lampedusa on the roof of Bozar, June 2016.

Seine derzeitige Arbeit sei ein „Symbol, eine Skizze, ein Modell“, erklärt der Künstler im Gespräch mit EurActiv. „Er ist nicht groß genug, nicht hoch genug, nicht hell genug.“ Für den Bau des provisorischen Leuchtturms reisten Kilpper und seine Assistenten nach Lampedusa, wo sie an der Küste übrig gebliebene Griffe und Gummireste von Flüchtlingsbooten sammelten.

Kilpper, dessen Vater im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte, bezeichnet die Installation als „eine Einladung an die Europäer, Druck auf ihre Regierungen auszuüben, damit das Flüchtlingssterben im Mittelmeer ein Ende findet.“ Das Werk soll den Betrachter aber auch an zwei andere Leuchttürme erinnern: den verloren gegangenen Leuchtturm von Alexandria, eines der alten Weltwunder, und den Leuchtturm Cape Grecale auf Lampedusa. Letzterer biete den Flüchtlingen überhaupt keine Hilfe, da er nach Europa ausgerichtet sei, bemängelt Kilpper.

Mit seinem Modell-Leuchtturm aus Gummi und Plastik helfe der Künstler, die Katastrophe greifbar zu machen, betont Micaela Casalboni, Regisseurin des Dokumentarfilms Lampedusa Mirrors, der bald im BOZAR gezeigt werden soll. „Zuallererst müssen wir aufhören, sie [die Flüchtlingskrise] als einen Notfall zu behandeln“, unterstreicht sie und verweist auf die mindestens 10.000 im Mittelmeer ertrunkenen Menschen.

Die EU erntete bereits letztes Jahr viel Kritik für ihre langsame und fragmentierte Reaktion auf die Flüchtlingskrise. Dieses Jahr gab es dann einen erneuten Aufschrei der Empörung über den moralisch und rechtlich fragwürdigen EU-Türkei-Deal. Er erlaubt es, in Europa ankommende Flüchtlinge in die Türkei zurückzuschicken, wenn dafür syrische Einwanderer aus den türkischen Flüchtlingslagern umgesiedelt werden.

Die aktuellen Maßnahmen der EU seien „unmenschlich, falsch und dringend reformbedürftig“, kritisiert Barbara Lochbihler, deutsche Europaabgeordnete der Grünen und Vizevorsitzende des Menschenrechtsausschusses. „65 Millionen Menschen sind auf der Flucht und mehr als die Hälfte der Asylsuchenden sind Kinder“, so die EU-Parlamentsabgeordnete. „Unsere Antwort besteht aber nicht in sicheren Zugangsrouten, gemeinsamer Seenotrettung oder einer solidarischen Verteilung innerhalb Europas. Wir setzen stattdessen auf abgeriegelte Grenzen, halten uns an einen unrechtmäßigen Türkei-Deal und legen eine eklatante Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal von Individuen und dem Völkerrecht an den Tag.“

Christiane Mennicke-Schwarz ist künstlerische Leiterin am Kunsthaus Dresden, das bald den Leuchtturm beherbergen wird. Ihr zufolge könne Europa in der Flüchtlingskrise drei Wege einschlagen: „Ein stärker integriertes Europa, ein fragmentiertes Europa oder eine Koalition der Gewillten, bei der sich der Norden vom Süden und der Westen vom Osten abspaltet. Ich hoffe auf die erste Option“, so ihr Fazit.

 

Zeitstrahl

  • 20. Juni - 8. September: Leuchtturm für Lampedusa am Bozar in Brüssel.