EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

25/09/2016

Flüchtlinge: Lehrer sind schlecht auf Vielfalt vorbereitet

EU-Innenpolitik

Flüchtlinge: Lehrer sind schlecht auf Vielfalt vorbereitet

Lehrer sind schlecht auf Vielfalt und die speziellen Bedürfnisse von Flüchltingen vorbereitet. Foto: dpa

Lehrkräfte an Hochschulen und in der Weiterbildung werden nicht auf die sprachliche und kulturelle Vielfalt im Klassenzimmer vorbereitet, zeigt eine Studie. EurActivs Medienpartner “Der Tagesspiegel” berichtet.

Wohl kein Lehrer und keine Lehrerin in Deutschland kommt durch den Schulalltag, ohne sich mit den sprachlichen und kulturellen Besonderheiten von Schülern auseinanderzusetzen. Jedes dritte Schulkind stammt mittlerweile aus einer Familie mit Migrationsgeschichte. Die 325.000 Flüchtlingskinder, die bislang unterrichtet werden, machen zwar nur zwei Prozent der deutschen Schülerschaft aus. Doch mit diesen Neuankömmlingen sind die Herausforderungen für Lehrkräfte noch einmal gewachsen – und damit ihre Überforderung.

Denn eine Mehrheit ist nicht oder nur unzulänglich auf die Heterogenität im Klassenzimmer vorbereitet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache an der Universität Köln und des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration.

Sprachbildung ist nur in fünf Ländern gesetzlich verpflichtend

Weder in der Lehrerausbildung an den Hochschulen, noch im Referendariat und in der Weiterbildung sind Deutsch als Zweitsprache oder Sprachbildung flächendeckend und verpflichtend verankert. „Lehrkräfte in Deutschland lernen oft nicht, wie sie auf kulturelle und sprachliche Unterschiede im Klassenzimmer angemessen reagieren können“, lautet ein Fazit aus der Studie über „Lehrerbildung in der Einwanderungsgesellschaft“, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wird. Analysiert haben die Bildungsforscher die aktuellen Schulgesetze der Länder, Studien- und Prüfungsordnungen sowie Modulhandbücher etwa aus den Bildungswissenschaften und der Fachdidaktik Deutsch von 70 lehrerausbildenden Universitäten und Pädagogischen Hochschulen.

Nur fünf Bundesländer – Baden-Württemberg, Berlin, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein – verpflichten demnach angehende Lehrkräfte gesetzlich dazu, im Studium mindestens einen Kurs in Sprachbildung zu absolvieren. An 63 Prozent der 70 untersuchten Hochschulen sind Seminare und Übungen zur gezielten Sprachentwicklung im Grundschullehramt obligatorisch, im Gymnasiallehramt sind es nur 38 Prozent. An 25 der Hochschulen ist Sprachbildung eine komplette Fehlanzeige: Dort gibt es weder die Möglichkeit noch die Pflicht, solche Lehrveranstaltungen zu besuchen.

Lehrkräfte müssen interkulturell sensibel sein

Neben Berlin, wo Deutsch als Zweitsprache (DaZ) seit 2007/08 in allen Lehramtsstudiengängen verpflichtend ist und ab dem Wintersemester 2015/16 alle neuen Lehramtsstudierenden das Modul Sprachbildung absolvieren müssen, wird unter anderem Hamburg als vorbildlich genannt. Dort gibt es – trotz fehlender gesetzlicher Vorgaben – die bundesweit umfangreichsten Angebote zur Sprachbildung und, in den Fachdidaktikkursen, Module zum Umgang mit heterogenen Schülergruppen.

Lehrkräfte auf die Einwanderungsgesellschaft vorzubereiten, heißt viel mehr, als sie für die Sprachförderung fitzumachen. Grundsätzlich sollten Lehrer „die sprachlichen und kulturellen Unterschiede in der Schülerschaft als Normalität anerkennen“, schreiben die Autoren der Studie. Sie müssten eine „interkulturell sensible Grundhaltung“ einnehmen und etwa „Sprachschwierigkeiten nicht automatisch als Lernschwierigkeiten interpretieren“.

Sprachförderung in allen Fächern von der ersten bis zur letzten Klasse

Zudem ziele Sprachbildung nicht allein auf Schüler mit einer nichtdeutschen Familiensprache, sondern auch auf Kinder aus deutschsprachigen Elternhäusern. Viele bräuchten eine durchgängige Sprachförderung von der ersten bis zur letzten Klasse – und zwar in allen Fächern. Alle Lehrkräfte, auch die für Mathematik und Naturwissenschaften, müssten lernen, zunächst sprachdiagnostisch herauszufinden, wer welche Förderung braucht. Dann gelte es, die Textkompetenz der Schülerinnen und Schüler systematisch auszubauen und ihnen Grammatik und Wortschatz der Bildungssprache zu vermitteln.

Große Defizite auch in der Fortbildung von Lehrern

„Daher sollten sämtliche Lehrkräfte in allen der Phasen der Lehrerbildung Grundkompetenzen im Umgang mit sprachlicher und kultureller Vielfalt erwerben“, heißt es in der Studie. Auch im Referendariat und in der Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern sehen das Mercator-Institut und der Sachverständigenrat große Defizite. Nur in der Hälfte der Länder werde der Umgang mit kultureller Vielfalt in der Referendars-Ausbildung vermittelt. Sprachbildung werde in den Dokumenten noch seltener erwähnt. Berlin sei mit seinem verpflichtenden DaZ-Modul für alle Lehramtsanwärter eine der wenigen Ausnahmen.

Auch die aktuellen Fortbildungsangebote erhalten schlechte Noten: In den Katalogen der Lehrerbildungsinstitute der Länder fänden sich meist nur „kurze Input-Veranstaltungen, die punktuelle besucht werden und nur teilweise den Transfer in die Schulpraxis ermöglichen“. Zu den Ländern, in denen der Anteil der Fortbildungen zu sprachlicher und kultureller Vielfalt niedrig ist, zählen Brandenburg, Hessen, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen. Die Autoren der Studie fordern die Landesinstitute und andere Anbieter bundesweit auf, durchgehende Sprachbildung anzubieten – und „einführende und vertiefende Fortbildungen“ auch zu Themen wie Alphabetisierung und Fluchtfolgen.

Für eine Fortbildungspflicht plädieren die Experten nicht. Es müssten aber Freiräume für schulinterne Fortbildungen in Teams von Lehrkräften oder Kollegien geschaffen werden. Denn die Aufgabe, allen Schülern gleiche Bildungschancen zu bieten, müsse die gesamte Schule angehen.