Flüchtlinge suchen sich neue Routen nach Deutschland

Tovarnik, Kroatien: Polizisten leiten Flüchtlinge in einen Bus, der sie in eine Erstaufnahmeeinrichtung fährt. Foto: dpa

Nachdem ihnen die Route durch Ungarn Richtung Westeuropa versperrt ist, suchen sich die Flüchtlinge neue Wege über Kroatien und Slowenien nach Deutschland. Die dortigen Regierungen liebäugeln mit der Schaffung eines Korridors, durch den die Flüchtlinge nach Mitteleuropa geschleust werden.

An der österreichisch-ungarischen Grenze ist fast so etwas wie Normalität eingekehrt. Der Flüchtlingsstrom aus Ungarn ist versiegt. Sogar die seit Mittwoch Mitternacht eingeführten Grenzkontrollen wurden zeitweilig wieder aufgehoben.

Dafür spielen die tausenden auf der Wanderschaft befindlichen Flüchtlinge derzeit in der Festspielstadt Salzburg die erste Geige. Kurzfristig wurde sogar überlegt, den Hauptbahnhof zu räumen. Obwohl derzeit keine Züge Richtung Deutschland fahren, wollten die gewissermaßen gestrandeten Menschenmassen trotzdem am Bahnhofsgelände auf den nächsten Zug warten. Nachdem sich aber herum gesprochen hatte, dass es bis zur Grenze nach Freilassing nur sieben Kilometer sind, machte sich der Treck auf den Fußmarsch.

Unverändert kämpfen Auto- und LKW-Fahrer mit langen Anfahrtszeiten in Richtung Bayern, tragen dies aber durch die Bank mit Geduld und Verständnis. Dies gilt auch für den grenzüberschreitenden Personenverkehr mit der Bahn, wo aber der Wunsch nach Normalisierung der Verkehrsverbindungen laut wird.

Korridor durch Kroatien und Slowenien

Schon bald könnte sich der Schwerpunkt der Flüchtlingsbetreuung in die Steiermark und nach Kärnten verlagern. Nachdem Ungarn die Grenze zu Serbien hermetisch abgeriegelt gegen Flüchtlinge hat, die trotzdem die Grenze passieren wollen, mit Wasserwerfern vorgeht, sucht man sich nun eine neue Route. Und diese dürfte über Kroatien und Slowenien wiederum nach Österreich führen.

Die Regierungen in Zagreb sowie in Ljubljana denken bereits an die Schaffung eines Korridors, auf dem die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten gewissermaßen nach Mitteleuropa geschleust werden. An den Grenzübergängen von Spielfeld bis zum Karawankentunnel wurden bereits Grenzkontrollen aufgenommen sowie Vorbereitungen zur Aufnahme, Registrierung und Erstversorgung getroffen. Allerdings auch Italien – konkret geht es um den Raum Gorizia und Trieste – könnte diesmal etwas abbekommen.

Ungarn selbst beginnt mit einem Zaunbau auch an der Grenze zu Rumänien. Die Regierung in Budapest schließt nicht aus, dass Flüchtlinge auch den Weg über Rumänien in die Slowakei und weiter nach Tschechien suchen könnten. Das hat wiederum zur Folge, dass die Regierungen in Bratislava und Prag mit der Wiedereinführung von Grenzkontrollen beginnen.

Europa beginnt sich offenbar einzuigeln. Was nichts daran ändert, dass derzeit geschätzte 200.000 Menschen aus der Ägäis über den Balkan ins Zentrum Europa bereits unterwegs sind sowie zwischen 500.000 und einer Million Syrer, die derzeit noch in der Türkei leben, sich auch auf den Weg machen könnten.

Kritik an „Ohnmacht“ der EU-Kommission

Wird der österreichischen Regierung und den diversen Hilfsorganisationen ein sehr gutes Krisenmanagement nachgesagt, so wird die Kritik an den EU-Institutionen immer lauter. Und das sogar aus inneren Kreisen der EU. So sprach der sonst die EU immer wieder verteidigende österreichische Europa-Abgeordnete Othmar Karas von einer „Ohnmacht“, in die die Kommission verfallen ist. Seine Meinung teilen viele Parlamentskollegen. Als „traurig“ bezeichnete er die herrschende Unklarheit über die schon oft zitierten „Hotspots“ an den EU-Außengrenzen.

„Von der Kommission erwarte ich, dass sie etwas vorgibt“ und nicht auf der Stelle tritt, sagte Karas. Notwendig sei eine „Offensive“, ein Gesamtkonzept zur nachhaltigen Lösung der Flüchtlingskrise. Die Mahnung klingt ernst: Derzeit gehe ein „Riss durch Europa“. Mehr noch, es handele sich um die „härteste Bewährungsprobe für die EU seit Jahrzehnten“.

Hintergrund

Immer mehr Flüchtlinge bahnen sich ihren Weg über Kroatien nach Deutschland oder Skandindavien. Hunderte Menschen versuchten am Mittwoch, über Getreidefelder an der serbisch-kroatischen Grenze bei Sid in das EU-Land zu gelangen. Der kroatische Regierungschef Zoran Milanovic erklärte am Mittwoch im Parlament in Zagreb, Kroatien werde die Menschen in die Regionen "leiten", in die sie wollten, "nach Deutschland oder Skandinavien". An der abgeriegelten serbisch-ungarische Grenze wurden indes hunderte Flüchtlinge festgenommen.

Nach der Festnahme dutzender Iraker an der Grenze zu Polen in den vergangenen Wochen gehen die Behörden in Litauen von einer neuen Flüchtlingsroute auch durch ihr Land aus. "So etwas haben wir noch nie gesehen, das sieht nach einer komplett neuen Route aus", sagte der Sprecher der litauischen Grenzbeamten, Giedrius Misutis, am Mittwoch.