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05/12/2016

Ein Königreich für Islamisten

EU-Innenpolitik

Ein Königreich für Islamisten

Polizei Razzia in Molenbeek

Foto: EPA/STEPHANIE LECOCQ, dpa

Belgien hat ein Islamismus-Problem. Nach der Auffassung des französischen Kriminologie-Professors Alain Bauer ist es aber trotzdem nicht fair, sämtliche Schuld für mögliche Ermittlungspannen vor den jüngsten Anschlägen im Königreich abzuladen. EurActivs Medienpartner „Der Tagesspiegel“ berichtet.

Es ist das verstörende Nebeneinander von zwei Parallelwelten, das bei den Brüsseler Anschlägen erneut in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt ist: Auf der einen Seite erstrahlt das Brüsseler Europaviertel mit seinen Glaspalästen, welche die europäischen Institutionen beherbergen und das wie der Flughafen zum Anschlagsziel wurde. Und wenige Kilometer entfernt liegt Molenbeek – eine Hochburg des Salafismus. Hier wuchsen die mutmaßlichen Drahtzieher der Pariser Anschläge vom vergangenen November, Abdelhamid Abaaoud und Salah Abdeslam, auf. Hier wohnte auch der französische Syrien-Rückkehrer Mehdi Nemmouche, bevor er im Mai 2014 ein Attentat auf das jüdische Museum in Brüssel verübte. Und auch der Marokkaner Ayoub al Khazzani war in Molenbeek vor seinem versuchten Attentat auf einen Thalys-Schnellzug zwischen Amsterdam und Paris im vergangenen Sommer untergetaucht.

Dass Belgien ein Problem mit dem Islamismus hat, lässt sich allein schon daran ablesen, dass über die Organisation „Sharia4Belgium“ im Königreich mehr Menschen als irgendwo sonst in Europa für den Dschihad angeworben wurden – gemessen an der Bevölkerungsgröße des Königreiches.

„Vor 20 Jahren sprach man von Londonistan, jetzt reden alle von Brüsselistan“

Hat Belgien bei der Bekämpfung des islamistischen Terrorismus größere Probleme als andere Länder in Europa? Haben die belgischen Ermittler vor den Anschlägen vom Dienstag versagt? Der französische Kriminologie-Professor Alain Bauer sieht es so: „Vor 20 Jahren sprach man noch von Londonistan. Jetzt reden alle von Brüsselistan.“ Mit anderen Worten: Das Phänomen, dass sich aus einer Ghettobildung heraus regelrechte Islamisten-Hochburgen entwickeln können, ist nach der Auffassung von Bauer keineswegs nur auf Belgien beschränkt. Vor den Londoner Terroranschlägen vom Juli 2005 bot auch die britische Hauptstadt Islamisten Unterschlupf. Zudem erinnert Bauer daran, dass die Attentäter vom 11. September ihren Terrorplan in Hamburg vorbereiten konnten.

Die Verbreitung des Salafismus hat Wurzeln im vergangenen Jahrhundert

Die starke Verbreitung des Salafismus in Belgien hat indes historische Gründe, die weit vor der Geschichte der Terroranschläge von New York, London, Paris oder Brüssel liegen. Im Jahr 1967 schenkte der damalige belgische König Baudouin dem saudischen Monarchen Faisal einen orientalischen Pavillon im Brüsseler Jubelpark, aus dem danach die größte Brüsseler Moschee wurde – im Gegenzug für billige Öllieferungen. Anschließend konnte sich der Salafismus in Belgien stärker ausbreiten als in Ländern wie Frankreich oder Deutschland. Heute gibt es allein im Brüsseler Stadtteil Molenbeek 22 Moscheen.

So wie sich die Bewohner in Brüssel-Molenbeek nach dem Brüsseler Doppelanschlag wie schon nach den Pariser Attentaten vom vergangenen November mit einer Stigmatisierung zu kämpfen haben, die keinen Unterschied zwischen der großen Mehrheit der Bevölkerung und einer radikalen Minderheit macht, so steht auch wieder das verworrene politische System Belgiens auf dem Prüfstand. Im Königreich gibt es drei Sprachgemeinschaften – Flamen, Franzosen und Deutsche –, sechs Parlamente für die drei Regionen Flandern, Wallonien und Brüssel und allein in der Hauptstadt 19 autonome Gemeinden – darunter Molenbeek. Der Zentralstaat ist in Belgien schwach.

Allerdings sieht der Kriminologie-Professor Alain Bauer die entscheidende Schwachstelle in der Terrorbekämpfung sämtlicher EU-Länder nicht in der zerklüfteten politischen Struktur Belgiens, sondern in den mangelnden Zusammenarbeit der Geheimdienste. „Der Bundesnachrichtendienst und der Verfassungsschutz in Deutschland gehen mit der Weitergabe ihrer Informationen genauso zurückhaltend um wie ihre Pendants in Frankreich oder Belgien“, kritisiert der Experte.

Islamexperte Gilles Kepel: Die Unterwelt schützte Abdeslam

Dass jenseits der Geheimdienste bei den Polizeibehörden die Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Belgien möglich ist, zeigte sich bei dem Einsatz in Brüssel, der den Anschlägen vom vergangenen Dienstag vorausging. Bei der Razzia in Molenbeek, die am vergangenen Freitag zur Festnahme von Salah Abdeslam führte, waren auch französische Polizeibeamte dabei. Allerdings fiel nicht nur den französischen Ermittlern auf, dass Abdeslam, der sich vermutlich seit den Pariser Anschlägen vom 13. November die ganze Zeit über in Belgien aufgehalten hatte, dort so lange unentdeckt bleiben konnte. Eine mögliche Erklärung: Abdeslam habe so lange untertauchen können, sagte der französische Islamexperte Gilles Kepel dem Sender BFM-TV, weil ihn ein Unterwelt-Milieu schützte, das sowohl aus Kriminellen als auch aus Dschihadisten besteht.

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