Die verstummte Népszabadság und der österreichische Privatbanker

Die ungarische Zeitung Népszabadság wurde eingestellt.

In Ungarn sorgt die Einstellung einer regierungskritischen Tageszeitung für Empörung. Ein österreichischer Privatbanker spielt dabei eine undurchsichtige Rolle.

Für den bekannten Publizisten Paul Lendvai, der im Zuge des Ungarn-Aufstandes vor 60 Jahren nach Österreich floh und dort eine neue Heimat fand, hat es fast schon den Charakter eines „Staatsstreichs“.

Die abrupte Schließung der einzigen ungarischen Tageszeitung, die über die Grenzen des Landes hinaus bekannt war und einen regierungskritischen Kurs verfolgte, ist für die europäische Medienwelt ein dubioser Fall. In der Nacht vom 7. auf den 8.Oktober wurden die Redaktionsräume von „Népszabadság“, zu Deutsch „Volksfreiheit“, zugesperrt und die Journalisten ausgesperrt. Seitens des Verlagshauses, der Mediaworks AG, das aktuell im Besitz des Wiener Privatbankers Heinrich Pecina steht, gibt es zu den lautstarken Protesten keinen Kommentar. Er stand am Montag in Klagenfurt vor Gericht und hatte sich in einem Untreueverfahren im Umfeld des Hypo-Alpe-Adria-Skandals zu verantworten.

Pecina gehört zu jenen österreichischen Bankern, die schon vor der Wende 1989 gute Beziehungen nach Ungarn hatten, frühzeitig in Budapest geschäftlich tätig wurden und sich dabei auch ein Netzwerk vor Ort aufbauten. Mit dem Erfolg, über Beziehungen bis hinauf in die jeweiligen Regierungen zu verfügen. Nach einer Tätigkeit bei einigen Großbanken wie der seinerzeitigen Girocredit und der Creditanstalt wurde er Mehrheitseigentümer der privaten „Vienna Capital Partners“. Diese wiederum erwarben Népszabadság im Jahre 2014 von den damaligen Verlagseignern. Das waren einerseits das Schweizer Verlagshaus Ringier und andererseits die MSZP, also die Sozialistische Partei Ungarns.

Die Geburtsstunde der Zeitung war 1956, nach der Niederschlagung der ungarischen Revolution. Bis zur Wende galt sie als die Stimme der kommunistischen Staatspartei. 1989 wurde Blatt unabhängig und überparteilich, blieb aber einer links-liberalen Linie treu. Dementsprechend unterstützte sie die Politik der sozialistischen sowie liberalen Parteien und stand damit in Opposition zur rechtskonservativen Fidesz.

Ministerpräsident Viktor Orban war Népszabadság, nachdem sie immer wieder Skandale im Regierungsumfeld aufdeckte, schon seit längerem ein Dorn im Auge. Die schwächelnde Auflage und das bescheidene Anzeigenaufkommen hatten ein jährliches Defizit von mehr als einer Million Euro zur Folge. Die roten Zahlen werden jetzt als Grund für die Einstellung vorgeschoben.

Tatsächlich aber war Népszabadság nur ein Produkt der Verlagsgruppe Mediaworks AG, deren Hauptgeschäft im Sektor der Regional- und Sportzeitungen liegt und die insgesamt sehr profitabel arbeitet. Sie hätte sich somit den so genannten Luxus eines Qualitätsblattes durchaus leisten und damit dem ungarischen Medienmarkt eine Traditionszeitung erhalten können. Offenbar aber, so wird nun kolportiert, gab es andere Interessen und Motive.